Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite GEMKINDEBLATT DER 1SR & LATSCHEN * i RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG - Nummer Zewi, der Messias von lsinir". Das Werk Kästeln! ist eln>yexflWfaj «las Sinnbild einer umnebelten Zell und «las Cnarakterbllo' einer lohwankenden Persönlichkeit in klare Sieht zu stellen, und somit den verschlungenen Knäuel eines sonderbar rätselhaften Geschehens zu entwirren. Ein trübes Stink jüdischer Geschichte wird hier in meisterlicher Darstellung geboten. Kastein sucht volks- und individualpsychologisch die Untergründe der labbatlanischen Bewegung, von ihren Anfängen bi* zu ihrem katastrophalen Abschluß zu durchleuchten. Hauptsächlich aber wird der Held dieses aufwühlenden Dramas, der Messias von lsmir, durch Zeichnung und Deutung dem Leser nahegebracht Freilich gelingt es auch Kastein nicht ganz, das Hätsel Sabbatai Zevi aufzulösen. Was war dieser Sabbatai Zewi? War er ein Betrüger oder nur ein Geblendeter? Wie es scheint, war er beides zugleich. Er war ein von Ehrgeiz Besessener, der justament der Messias sein wollte. Er wartete nicht auf den Anruf von oben, auf die göltliehe Berufung, er kam lediglich den Messiaserwartungon seiner Zeit entgegen. Weil ihm das tiefühl des Berufen- und Auserwähltseins fehlte, tat er nichts anderes, als immer wieder sich selbsi herausfordern. Daher kommt es, daß dieser Messias sich selber sein eigener Judas Ischariot war. Kein einziger seiner Anhänger, er selbst hat in entscheidenden Momenten sein Messiastum verleugnet. Als dritter Sohn des reichen Handelsagenten Mardochai Zewi im .luli 1(>2(> zu Smyrna geboren, wurde Sabbatai Zewi von seinem Vater für den Rabbinerberuf bestimmt. Von Berufs wegen also studiert er Bibel und Talmud. Neigung aber tieibl ihn zur lurianischeu Kabbala, die er frühzeitig kenneu lernt. Besonders das „praktische" System der Kabbala zieht ihn an; er beginnt sich abzusondern, zu fasten, sieh zu kasteien und alle jene Rußübungen zu vollziehen, die die Kabbala Maassit vorschreibt, .hing verheiratet, läßt er sich wenige Wochen nach der Eheschließung von seiner Krau scheiden. Er wird zuni zweitenmal verheiratet, und abermals gibt er der Krau den Scheidebrief. Nun versenkt sich Sabbatai Immer tiefer in die Geheimwelt der Kabbala. Im „Sohar" findet er das Jahr 1648 als Messiasjahr bezeichnet. Sein Vater erzählt ihm, daß Puritaner in England das Jnhr KMXi als den Beginn des tausendjährigen Reiches errechnet haben. Sabbatai horcht auf. 1IU.S oder 1086 — gleichviel - die Weit ruft nach einem Messias, wie, wenn er, Sabbatai Zewi, diesem Kufe folgen würde! Dieser (iedanke, einmal aufgetaucht, lallt ihn nicht mehr los. Nun weifi aber Sabbatai Zewi, daß die Welt sich von einem Messias Wunder erwartet. Er kann keine Wunder tun: er bietet dafür symbolische Handlungen. Und eines Tages steht der junge Kabbaiist Sabbatai Zewi auf dem Almetuor der Smyrnaer Synagoge und spricht laut und vernehmlich den vierbuchstabigen Gottesnamen aus. Die Gemeinde erschauert. Nur einmal im Jahre, am Versöhnungstage, durfte der Hohepriester im Tempel zu Jerusalem zwischen den Wänden des Allerheiligsten diesen Namen anrufen. Seit Jahrtausenden ist es geheiligter Brauch, diesen Namen nicht auszusprechen; erst am Ende der Tage wird dies dem Messias erlaubt sein. Sabbatai aber hat es gewagt. Ist er denn der Messias? Seine Brüder, seine Freunde und Jünger glauben es; ihnen gilt sein Siehselbstherausfordern als Beweis für seine Messianität. Die Rabbiner von lsmir belegen ihn für seine Tollkühnheit mit dem Bann. Sabbatai begibt sich nach Saloniki. In Saloniki setzt er die Juden durch eine zweite symbolische Handlung in Erstaunen. „Er lädt die Rabbiner der Stadt zu einem großen und prunkvollen Fest ein. Während sie essen und trinken und weise Gespräche führen, erhebt sich Sabbatai plötzlich und nimmt hinter einem Vorhang her eine Thornrolle. < Hüllend im Gesicht, die Rolle des (lesetzes dicht an sieh gedrückt, tritt Sabbatai vor die Rabbiner und verlangt, daß sie zwischen ihm und der Thora die Eheschließung vollziehen!" Auch diese mystische Vermählungsfeier wird von vielen als unbczweifelbarer Beweis für die Messianität Sabbatai Zewis angesehen: denn nur der llimmelssohn, der Messias, durfte es wagen, sich der Thora, der Tochter des Himmels zu vermählen. Sabbatai nutzt diese Leichtgläubigkeit und bekennt sich jetzt offen seinen Anhängern als der in der Zeit erwählte und berufene Messias. Bald darauf begibt er sich nach Konstantinopel. Hier <jchliel.it sich ihm als Anhänger und Verkündetder Kabbaiist Abraham Jachini an. Dieser fälscht für ihn eine Weissagung, eine Pergameiitrolle, die alt und verwittert aussieht, als wäre sie vor Jahrzehnten geschrieben, und worin die Ankunft des wahren Messias Sabbatai Zewi verkündigt wird. Mit dem „Beglaubigungsschein" Jachinis bereist nun Sabbatai Zewi alle großem Städte des Orients. Überall jubeln die Juden gemeinden ihrem Messias entgegen. Seine Erscheinung - Sabbatai war ein Mann von königlicher Gestalt - wirkt berückend. Mit leinet klangschönen Stimme erobert er sich alle Herzen. Er spricht hin reißend und singt schön. Mit Vorliebe singt er ein schlüpfriges Liebes lied in spanischer Sprache von der Kaiserstochler Meliselde, deren Fleisch milchfarben glänzt, wenn sie aus dem Bade steigt; er erklärt seinen Anhängern, es wäre ein heiliger Gesang, und sie glau ben es. Sie glauben überhaupt alles, was er tut und spricht. So reist Sabbatai acht Jahre lang umher und wirbt für seine Sache. In Gas« gewinnt er seinen „Propheten" Nathan Ghazati, der prophetische Sendschreiben über den Messias an die Judengeiueinden in aller Weh ausschickt. Ein zweiter „Prophet", Samuel Primo, der Sekretär de« Messias, verfaßt allerhand Regierungserlasse und läßt sie überallhin verbreiten. In Kairo überrascht Sabbatai seine Getreuen mit einei neuen Sensation: der Messias heiratet ein polnisches Judenmädchen und macht sie zur Messiaskönigin. Diese „Messiusküuigiu" umwittert ein Geheimnis. Juden in einem polnischen Dorfe fanden eines Tage« auf ihrem Friedhof ein halbnacktes schönes Mädchen auf den Gräbern liegend. Sie sei eine elternlose Jüdin, erzählte sie, und in einem Kloster erzogen. Ihr Vater sei ihr nachts erschienen und habe Ihl verkündet, daß sie dein Messias, der bald erscheinen werde, zuge dacht sei. Darauf habe sie der Geist ihres Vaters durch die Luft au! den Begräbnisplatz getragen. Die Juden brachten sie nach Livorno. wo ein Bruder von ihr lebte. Die Kunde von der .Messiasbraut dringt bis zu Sabbatai Zewi; er läßt sie nach Kairo kommen und feiert eine Hochzeit mit königlichem Pomp. Die schöne Sarah -- so heißt die Messiasbraut ist eigentlich eine Dirne, Sabbatai weifi davon und meint, auch dem Propheten Hosca habe Gott befohlen, ein un keusches Weib zu ehelichen. Je näher das messianische Jahr 1888 heranrückt, desto mein fühlt sich Sabbatai Zewi als F'ürsten der Welt. Er beginnt förmlich die Welt aufzuteilen und au seine Getreuen Königreiche zu ver Schenken. Nicht weniger als 24 Könige hat Sabbatai Zewi ernannt, er selbst aber ist der König aller Könige. Vielleicht war auch dicnur Symbolhaudlung, seine Getreuen nahmen es jedoch als etwas Wirkliches hin. Gegen Ende des Jahres 1888 schifft sich Sabbatai Zewi mit zahlreichem Gefolge nach Konstantinopel ein. Seine An hänger in der ganzen Welt erwarten nun, «laß er dem Sultan di< Krone vom Haupte nehmen und sie sich selber aufsetzen werde Aber es kommt ganz anders, als die Sabbalaianer gehofft hatten. In Konstantinopel wird der Messias verhaftet. Der Großwesir Achmed Köprili empfängt den Messias mit einer tüchtigen Ohrfeige, woraul dieser die andere Wange zum Streiche hinhält. Auf die F'rage, waer denn eigentlich vorhabe, antwortet Sabbatai. er sei nichts andercals ein Rabbiner, der gekommen sei, um für die Armen Jerusalem- Almosen zu sammeln. Auf Befehl des Wesirs wird er nach der F'estung Kostia gebracht. Als Gefangener feiert Sabbatai seine hoch sten Triumphe. Von nah und fern empfängt er Huldigungsschreiben und Geschenke; aus allen Judengemeinden der Welt kommen Depu tationen. um ihm zu huldigen. Nun ereignet sich etwas Merkwürdi ges, das die Krise herbeiführt. Kin polnischer Jude, ein Kabbaiist. namens Nehemia ha Koben, führt mit Sabbatai Zewi einen Dispul der drei Tage dauert. Am dritten Tage spricht dieser Nehemia ha Kohen vor allem Volk dem Messias Sabbatai Zewi das Urteil: „Du bist ein falscher Messias. Du hast das Volk belogen und es auf In wege geleitet. Nach unserem Gesetz gibt es für dich nur eine Strafe den Tod!" Kaum war diese« erlösende Wort gesprochen, da war auch schon die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Bald daraul ward Sabbatai Zewi der Befehl zugestellt, vor dem Sultan Mohaii1 Bied IV. zu erscheinen. Der falsche Messias bangt um sein Leben. Vor den Sultan geführt, warf er seine jüdische Kopfbedeckung zui Erde und setzte sieh einen türkischen Turban auf - zum Zeichen