Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 51 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeiufablatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM&INDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das (Jemelndeblatt ersdieint |rdrn Freitag und wird drn Mitgliedern der Kellglonagemetnde unentgeltlich durdi die Post zugestellt — Schriftleitung: Uemelnderabbiner (»ustav Cohn, Leipzig, Lohratrafie 10 NUMMER 51 / JAHR6AN6 6 FREITA6 19» DEZEMBER lOtO Anzeigenverwaltung und Druck: Budidrudtrrel Augusi Pries, Leipzig, BrOderetr. 59 - Fernruf 7000« - Pimt- •dirck Leipzig 53020 - Nachdruck nur mll Quellenangabe und mit (tenehmlgung dea Verfaaaera geataltel Chanukka in Geschichte und Gegenwart Von Benjamin Segel. Schon dem flüchtigen Betrachter fällt auf, daß Chanukka Im christlichen Festkalender einen Doppelgänger hat, dessen Namen im Cirunde nur eine Übersetzung des seinigen ist: Weihnachten, das ebenfalls am 26. Dezember (Chanukka am 25. Kislew) ••ginnt — manchmal fallen beide Feste sogar auf denselben Tag —, Dentalis mit Lichtern, denen des Weihnachtsbaumes, gefeiert wird, ler auch acht Tage lang entzündet zu werden pflegt (bis zum Ersten ■ 's folgenden Monates, der auch der Ente des neuen Jahres ist). So- ' eil reicht die Nachahmung des jüdischen Festes seitens des Christ* liehen, daß letzteres ausnahmsweise am Abend des vorangehenden raget anhebt, wie dies bei allen jüdischen Festen und beim Sabbat der Fall ist. Das christliche Fest ist 50!) Jahre jünger als das jüdische, i i-tzteres wurde 166 Jahre vor der üblichen Zeitrechnung eingesetzt, rsteres wird erst im Jahre H54 als Geburtstag Jesu, der auf den i. Dezember angesetzt wird, im römischen Festkalender erwähnt, loch eigentlich hat erst ein Dekret Kaiser Justinians (527—666) das est definitiv auf diesen Tag festgelegt. Früher galt der 0. Januar Kpiphanias) als der (ieburtstag Jesu, und daran hält sich noch heute lie armenische Kirche. Der 25. Dezember, welcher „Dies natalis lomini" heißt, war früher der Tag des heidnischen .1 u 1 f e s t e s , des estes der W i n t e r s o n n e n w e n d e , das von allen antiken Völkern feierlich begangen und in Koni „Dies natalis invicti solis" („Tag ler unbesiegten Sonne") genannt wurde. Auch in Palästina wurde der 25. Kislew von altersher als Volkses! mit Lichtern und grünen Zweigen begangen. Im Jahre 1(>5 wurde ii diesem Tage durch Jehuda Makkabi und die Seinigen der Tempel u Jerusalem wieder eingeweiht, der drei Jahre zuvor an demselben lonatstage von Antioehus Kpiphanes geplündert, verwüstet und entveiht wurde, auf dessen großem (ianzopferaltar das Bildnis des Zeus Hynipios aufgestellt worden war — der größte Greuel, der den Juden v iderfahren konnte. Dali der Syrerkönig diese Untat just an einem 5. Kislew verübte, beweist, dali er damit ein Fest der Wintersonnenwende feiern wollte. Drei Jahre später wurde diesem allgemeinen aturfest, das in Palästina wie gesagt auch von den Juden als Volks- "st mitgefeiert wurde, durch die Einsetzung des Chanukkafestes ein pezifisrh jüdischer, historischer und höherer religiöser Sinn unter elegt. Die ursprünglicht» Bedeutung des Festes geriet bei den Juden ii Vergessenheit, dem Feste wurde ewige Dauer und weltgeschichtlicher Bang verliehen, es wurde zum Symbol des Sieges des mononeistischen Glaubens Uber das Heidentum. Das mosaische Judentum leaeittgte nämlich nicht die im Volke vorgefundenen Bräuche und Sitten, auch wenn sie heidnischen Ursprunges waren, sondern erfQIHe sie mit höherem Inhalt und verlieh ihnen eine monotheistische lission. In hezug auf die biblischen Opfer sagt das schon der Talmud, md spater entwickelt Maimuni diese Idee sehr eingehend. Längst schon fiel es auf, dali das Chanukkafest in den Augen der Fachwelt ungleich weniger galt als etwa das P u r i m f e s t. Von i'tzterem handelt ein besonderes biblisches Buch, die Estherrolle, "ie Geschichte und die Namen der eigentlichen Helden des Chanukkafestes verewigt keine in hebräischer Sprache abgefaßte Schrift, nur die griechisch geschriebenen Makkabäerbücher, da das hebräische Original, wenn es je existiert hat, verlorengegangen ist. Und dabei knüpft das Purinifest an ein Vorkommnis au, das sich nicht einmal historisch genau feststellen läßt und jedenfalls keine größere Bedeutung in der Geschichte des jüdischen Volkes beanspruchen darf, während die dem Chanukkafest zugrundeliegenden Tatsachen gewaltige Ereignisse waren, eine neue Epoche in der Geschichte des Judentums einleiten und einen welthistorischen Hintergrund haben. Die sogenannte „Megillat Antiochos", die zuweilen am Chanukka privatim gelesen wird, ist eine im Mittelalter aramäisch verfaßte und nachher ins Hebräische übersetzte, mehr legendarische Darstellung der Ereignisse, die sich unter keinem Gesichtspunkt mit der Estherrolle vergleichen lädt. Dem Purimfest ist ein besonderer Talmudtraktat (Megillah) gewidmet, während von Chanukka nur einige Blätter im Traktat Schahhat (21—24) handeln, und zwar nicht einmal durchgehend, ferner .ein paar Sätze in der Pesikta und im Midrasch. In der „F a s t e n r o 11 e" (Megillat Taanit), die älter ist als die Mischna. wird nur das Wunder des Olkrügleins erwähnt, während die Siege über die Heere des Antiochos Epiphanes und sogar der Name des Jehuda Makkabi ganz mit Schweigen übergangen werden. Der Name Makkabäer ist dem Talmud unbekannt, er hat dafür allein Hasmonäer. Es ist offenbar, dali die Lehrer der Mischna gleich wie die älteren Pharisäer keine eifrigen Bewunderer der Makkabäer waren. Der berühmte Rabbi Moses Sopher (1762—1839), also ein Mann, dessen Strenggläubigkeit nicht dem geringsten Zweifel unterliegt, sagte, dali Rabbi Jehuda ha-Nassi, der seine Herkunft vom König David ableitete und im 2. Jahrhundert die Mischna ordnete, einen Groll gegen die Hasmonäer hegte, da sie, ohne der davidiseben Dynastie anzugehören, das Königtum au sich rissen; deshalb habe er ihre ganzen Heldentaten in der Mischna nicht erwähnt und sogar ihre Namen verschwiegen. Das ist eine viel zu kleinliche Auffassung, aber sie enthält einen Kern Wahrheit. Die Pharisäer waren Legitimisten. Nur das Haus David, aus dem der Erlöser Israels dermaleinst hervorgehen sollte, war in ihren Augen thronberechtigt, sie blickten also mit scheelen Augen auf diese Priesterfaniilie, die sich die Krone usurpiert hatte. Überdies neigten die Makkabäer, sobald sie zur Herrschaft gelangt waren, stark den Sadduzäem zu, also jener Partei, die mit den Griechen kokettierte, sie setzten gewisserinaüen eben jene Politik fort, die all die Not über das Land gebracht hatte, von der die Makkabäer sie durch ihre kriegerischen Heldentaten errettet hatten. Die erste Tat der Hasmonäer, die Erkämpfuug der Religionsfreiheit, fand unzweifelhaft den begeisterten Beifall der Pharisäer, ebenso war es ihnen recht, daß sie die alte hellenisierte Aristokratie verdrängten. Aber schon dali sie nach der Würde des Hohenpriesters langten, mußte jenen sehr bedenklich erscheinen. Solange sie ihre Militärmacht dazu verwendeten, die Unabhängigkeit von der griechischen Oberhoheit zu erkämpfen, war den Pharisäern dieser Militarismus recht. Aber daß sie am Ende sich auf die Pfade des Eroberungs-