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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 1 verlegt worden. Alle, ilie sich zur Teilnahme gemeldet hatten, sind benachrichtigt worden. Um allen, auch den berufstätigen Krauen und jungen Mädchen gerecht zu werden, ist diese Arbeitsgemeinschaft auf den Abend gelebt worden. Es w ird an die Erkenntnis aller Frauenkreise appelliert, es notwendig ist, dafi auch die Frauen, die nicht im Beruf stehen, und die häufiger ihre Abende angenehmer Geselligkeit widmen können, sich für diese Arbeitsgemeinschaft freimachen. Der Sinn und Zweck dieser Arbeitsgemeinschaft liegt ja gerade darin, sozusagen aus „Damen" Frauen zu machen and ihnen die Notwendigkeit nahezubringen, ihre Person in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Wir hoffen deshalb, dafi die Arbeitsgemeinschaft auch in den Abendstunden aus allen Kreison der Mitglieder der Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes und darüber hinaus besucht wird. Jüdische Arbeitslosigkeit in Leipzig. Ein Vortrag von K. Seiinger, gehalten im Bororhooheim. 7. Nov. Von der großen Dreiniillionen-Arbeitslosigkeit in Deutschland ist die jüdische Arbeitslosigkeit nur ein kleiner Ausschnitt. (Jeher die Zahl der jüdischen Arbeitslosen in Deutschland haben wir keine genauen Angaben, nach den Schätzungen, die die Verhältnisse der Her liner und anderer Grofigemeinden zulassen, geht die Zahl der jüdischen Arbeitslosen in die vielen Tausende und übersteigt sicherlich die Zahl Zehntausend. Mit der Aenderung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage würde auch die Zahl der jüdischen Arbeitslosen sofort zurückgehen, wenn auch, das Moment des Wirschaftsantiseniitisinus erschwerend auf den jüdischen Arheitsinnrkt weiter wirken würde. Die deutsche Wirtschaft gehl einem sehr schweren Winter entgegen, und man überlegt sich allenthalben, wie man diese ungeheure Arbeitslosigkeit, wenn nicht beseitigen, so doch mildern kann. In den Kreisen der Gewerkschaften wird der Gedanke des 7 Stundentages, von der Preußischen Regierung werden Pläne zur Arbeitsschaffung erwogen. Ks ist daher an der Zeit, dafi auch die jüdische Oeffentlichkeit sich sehr ernsthaft damit besehlftlgt, wie es erreicht werden kann, daß die Zahl der jüdischen Arbeitslosen sich wesentlich verringert. Leipzig hat schon vor Jahren einmal eine jüdische Arbeitslosendeiuonstration gehabt, die der Oeffentlichkeit die Not zeigen sollte, die in diesen Kreisen herrscht. Jetzt hat sich ein Arbeitslosenaussrhuß gebildet, der versuchen soll, auf die jüdische Gesellschaft dahin einzuwirken, daß Wege gesucht werden, um die jüdische Arbeitslosigkeit zu mildern. Dieser Ausschuß, in dem sich unter anderen auch der Vertreter der Poale Zion in der jüdischen Gcnieindestuhe befindet, hat eine schwere und ernste Aufgabe übernommen, groß sind auf allen Seiten die Widerstände, mit denen er bei seiner Arbeit zu ringen bat. nur wenn der Ruf dieses Ausschusses in die weitesten jüdischen Kreise dringt, ist zu hoffen, daß seine Bemühungen ihren Erfolg zeitigen. Man hat begonnen, die jüdischen Arbeit-losen zu registrieren, es meldeten sich über 90 Menschen, viele Hunderte haben Bedenken. Resignation, abgehalten, ihre Hoffnung und ihren Wunsch nach Arbeil bekanntzugeben. Viele, besonders Frauen, hielten sich daher von der Meldung zurück. Unte den registrierten jüdischen Arbeitslosen befinden sich Menschen alle Arbeitszweige, Kontoristen, Lageristen, Buchhalter, Stenotyplstei Friseure, Kürschner, Schneider, Chauffeure, ungelernte Arbeiter u.. Bin jüdischer Arbeitsnachweis besteht in Leipzig nicht, die siiclischen Behörden sehen in privaten Arbeitsnachweisen eine Störung di allgemeinen Arbeitsnachweiswesens. Dabei ist noch nicht ganz gi klärt, ob dieser Zustand tatsächlich den gesetzlichen Regelungen en spricht, und ob nicht die Behörden, im Falle der Nachweis der Noi wendigkeit eines jüdischen Nachweises geführt wird, verpflichtet sin der Eingabe der jüdischen Gemeinde auf Errichtung eines jüdisch. Nachweises zu entsprechen. Diese Dinge müssen in der Tat gekläi werden, und zwar sehr schnell, soll der jüdische Arbeitsnachweis in. diesen Winter seinen Zweck erfüllen. Auf jeden Fall muß schon bis dahin alles getan werden, um, - weit es geht, den jüdischen Arbeitssuchenden Arbeit zu verschall' Leider ist noch immer die grundfalsche Meinung bei vielen jüdisch' Arbeitgebern verbreitet, die fachliche Arbeit, die Rührigkeit, An datier und Fleiß jüdischer Arbeitnehmer, wären der anderer Arbeil kräfte nicht ebenbürtig. Es erübrigt sieh für jeden, der die Verhältnisse kennt, eine Pol mik gegen solche Vorwürfe, und auch der oftmals erhobene Vorwu der Intelligenz ist nicht stichhaltig, da es heute keinen Beruf und keil Tätigkeit gibt, die nicht ein Höchstmaß von Intelligenz und Aufmei samkeit erfordern. Daß sich Firmen gegen die Gefahr, der jüdiscl Arbeitnehmer könne seine Kenntnisse einmal bei der Konkurrei verwerten, wehren, wird sich nicht vermeiden lassen, trotzdem ist i bitter, daß so viele tüchtige Rauch warenangestellte keine Stellung Ii. den können. Wenn überall die Überlegung Platz griffe, daß es ungi recht ist, die ganze Wucht der Weltwirtschaftskrise ganz auf d schwachen Schultern der Arbeitnehmer abzuwälzen, wäre die Kri sicher nicht so drückend für die jüdischen Arbeitslosen. Ks könnte scheinen, als ob der SO leidenschaftlich erhobene Appell an die jüdischen Arbeitgetier, Jüdische Arbeitnehmer zu beschäftig, diesen unberechtigte Vorteile vor den anderen Arbeitssuchenden vei schaffen solle. In der Tat liegen die Dinge anders, und es ist ric i tiger, diese Forderung nicht vom Standpunkt der formalen. SOndi von dem der wirklichen Gerechtigkeit aus zu betrachten. Wei man sich bewußt ist. daß der jüdische Arbeitnehmer, Westwie Osl jude, unter dem sehr starren antisemitischen Boykott leidet, der ganz Branchen, viele große Unternehmungen, selbst solche, die von .lud. gegründet worden sind, dem jüdischen Arbeitnehmer entzieht, wen man sich vor Augen hält, was seit Jahren die jüdische Presse üb' »gesperrte Berufe" zu berichten hat. wird man jeden Versuch zur I'.' kämpfung der jüdischen Arbeitslosigkeit, nach Möglichkeit unte stützen. Unser nervöses Kind. Am 12. November sprach Herr Prof. S. Rosen bau m im .Iii'' sehen Frauenbund unter außergewöhnlich starker Beteiligung Ob „Unser nervöses Kind". Er führte zunächst die verschied, sten Erscheinungsformen der Nervosität auf. unter denen hervo stechend die übertriebene Reaktion auf die Heize des Alllaglebens i die wir in ausgesprochenen Zu- und Abneigungen, in Auswüchs VOn Zorn und Haß. Schreckhaftigkeit usw. kennen, ferner starke I inüdungszustände, verbunden mit Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit u1 — im scheinbaren Gegensatz dazu — übermäßiger Betiitigungsdra1 und Rastlosigkeit. Typisch ist für den Nervösen das Hängen an klein. Freuden, das Nicht verzieht enkün neu auf Angewohnheiten, über il der normale Mensch leicht hinwegkommt. Ks ist ein Irrtum zu gls ben, daß Nervosität ein Vorzug der begüterten Klassen oder d( Intelligenz sei; wir linden schwere Pille von Neuropathie im gleich. Maße bei Arm und Reich, bei primitiven Völkern wie bochgetüc teten Rassen. — Die nervöse Veranlagung eines Kindes kann nu nicht verhüten, denn sie entscheidet sich bereits beim Bheschlufi d< Kitern. wohl aber kann der Durchbruch der Nervosität, die oft ja In lang verborgen bleibt und zumeist in den Jahren der Pubertät i Sie müssen es wissen- Unsere Inserenten berücksichtigen heißt im eigenen Interesse handeln!

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