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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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taeinö eblatt OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU ] CID7I/«■ AMTLICH ES NACH RICHTEN BLATT LLlr^IVDER GEMEINDEVERWALTUNGI Dm llemelndeblatt ersthelnt |eden Freitag und wird [ den Mitgliedern der Kellglonsgemelnde unentgeltlich :iircfa die Post zugestellt — Schriftleitung: .t melnderabblner Gustav Cuhn, Leipzig, Löhrstrafie 10 NUMMER 47 / JAHR6ANA 6 FREITAG 21«NOVEMBER 10IO Anzelgcnverwaltung und Drink: Buchdruckerei August l'rlcs, Leipzig, Brüderstr. 59 - Fernruf 70006 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Eindrücke aus Warschau Von Dr. K e I i x (i o I d in n n n. [. Wer acht Tage in einem fremden Lande weilt, schreibt über seine Bindrücke ein Buch. Ist man acht Wochen dort, lttl.it man es bei einein Feuilleton bewenden! Nach acht Jahren schreibt man gar nichts mehr! Ich darf also nach dieser alten Kegel es richten sich nach ihr mehr Reiseschriftsteller, als man denkt ein Buch über Warschau schreiben. Ks wird freilich so ausfallen müssen wie die Pariaer Schilderung eines Engländers, der an einem regnerischen Abend nach der Stadt kommt und im Gasthof von einem rothaarigen und stotternden Kellner bedient wird. Kr veröffentlicht ein Werk Uber Frankreich und schreibt: In Frankreich regnet es immer, die Franzosen stottern und haben rote Ilaare! Solche Urteile dürfen nur von Nichtjuden über .luden gefällt werden. Dann bestaunt mau sie. Sonst macht man sich über sie Ii lig. Und da ich nicht den Vorzug genieße, der den Antisemiten luerkannl wird, dafi die Fixigkeit der Urteilsbildung die mangelnde Richtigkeit ausgleicht, will ich überhaupt nicht urteilen, sondern um' schlicht schildern! Oft war ich schon im Osten, öfters freilich in Qalislen als in KongreBpolen. Stets berührte mich der Gegenteil zwischen dem Leben und Treiben der Juden des (Istens, ihrer sozialen Lage und in meiner jüdischen Landsleute; nie aber geschah es mit solcher I ndringUchkeil wie diesmal. In Deutschland geht es der Bevölkerung gewifl nicht gut, ilie wirtschaftlichen Nöte legen sich lähmend auf alles Leben, insbesondere auf das der jüdischen Gemeinden d Institutionen. Aber die Eindrücke, die ein auch nur flüchtiger iblick in das Leben der Warschauer und Lodzer Juden in 1 lz weilte ich auf der Rückreise nur einen Tag gewährt, sind niederdrückend, dafi man sich nur schwer von ihnen erholt. in meint, mau sehe ein langsam, aber unaufhaltsam zugrundelendea Volk. Die unverhüllte Armut der ostjüdischen Menschen ist schon oft s. iiug beschrieben worden. Die dichterische Darstellung verbindet ii i>t damit den Ruhm schlichter (iläubigkeit und unendlichen Gottrtrauena. Brsihlte und idealisierte Armut wirkt aber nicht so chtbar wie die Unmittelbar geschaute! Gewifl mag in den engen Iben und finsteren Kellern auf den weiten Höfen der Nalewka i Krochmaina und wie die breiten und engen Judengassen alle 1 Ben mögen, jüdischer (ieist herrschen! Aber der Fremde fühlt * lüg von der Kraft des Ausharrens, von der geduldigen Frömmig- Kr sieht nur Not und Elend und Schmutz, enge Stuben, billig- Menschen und verkommende Kinder! ki Ich schaute in Kellerräume von der Größe einer schmalen und niedrigen Stube, in der ein halbes Dutzend Menschen, vielleicht noch mehr, hausten. Oft ist der enge Wohnraum noch Werkstätte, wo ein Schneider oder Schuhmacher bei Tage arbeitet, während des Nachts in jedem verfügbaren Winkel Erwachsene und Kinder schlafen. Ein besonderes Kapitel sind die Wohnungen der Heimarbeiter in Lodz, wo man freilich in der Vorstadt Zgierska weniger hohe, düstere Mietskasernen als kleine verfallene Häuschen sieht, die aber genau so überfüllt sind wie die Warschauer Stuben. Das Wohnungsproblem ist in der'polnischen Großstadt überhaupt sehr schwierig. Heim Juden wirkt es sich aber weit schlimmer aus, weil ja seine Lebensauffassung ihn auf das häusliche Leben weist und sein Glück von einem schönen Heime abhängig ist. Dali von auch nur primitiver Hygiene bei solchen Wohnverhältnissen gar keine Rede sein kann, versteht sich von selbst Und wenn man auch sehr häufig den Rindruck hat. als ob die sorgende Hausfrau den aussichtslosen Kampf mit den widrigen Verhältnissen tapfer aufnimmt, so tritt einem auch oft genug die stumpfe Resignation entgegen, die im Bewußtsein der Unzulänglichkeit menschlichen Könnens die Dinge gehen läl.ll. wie sie wollen, und die sich mit Armut und Schmutz ergeben abfindet. Noch nie im Leben habe ich so abgerissene und verlumpte Geltalten gestdien, wie bei meinem Besuche in der jüdischen Gemeinde, wo der Gemeindevorsteher, der bekannte Sejmdeputierte Farbstein, mich herumführte. Ungeduldig hoffend und trotzdem verzweifelt drängten sie sich vor der Fürsorgeabteilung. Die Warschauer Gemeinde zählt offiziell 320000 Juden, in Wirklichkeit werden es aber noch so nun mehr -ein. Da nun ein ganz grofier Prosentsatl in bitterster Armut lebt. i>t es unmöglich, eine Fürsorge im Sinne einer deutschen Gemeinde durchzuführen. Zur Beleuchtung der Schwierigkeiten sei darauf hingewiesen, dat.! Berlin mit etwa 178000 Juden einen Jahresetat von 10 000 000 Mark hat. während das doppell so große Warschau nur etwas mehr als den fünften Teil aufbringt. Nur die Allerärmsten können unterstützt werden, Kranke und Greise, und die Höhe der Zuwendungen ist in unseren Augen unbedeutend. Trotzdem sind aber die lieute, die in bunter Fülle, in Lumpen gekleidet und mit verzweifelten Mienen die Räume füllen, ganz glücklich, wenn sie zehn oder gar zwanzig Zloty für Miete und Lebensunterhalt bekommen. Zugute kommt ihnen freilich, daß in ganz Bolen die Lebensmittel mehr als billig sind. Für einen Zloty, also 47 Pfennige am Tage, kann ein Mensch zur Not. so sagte man mir, seinen Unterhalt bestreiten. Die Arbeitslosigkeit muß sehr groll sein! Ks ist ganz so wie

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