Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer wohl bo sicherer für die Beförderung dieser Ritualien) aus Italien belogenen „Paradiesäpfel, Myrten und Palmen" in Breslau Übernahm zugleich Bürgen für die Bezahlung dieser Arba-Minim stellend. Der Posten eines solchen „Paradiesäpfeljuden" scheint ein sehr begehrter gewesen su sein: er scheint viel eingebracht zu haben; außerdem verschallte er dem damit betrauten •luden die Möglichkeit, ungehindert von Bürgerschaft und Kaufleuten in Breslau wohnen (und auch mit anderen Dingen handeln) iu dürfen. Daher nimmt es uns auch kein Wunder, daß dieser Posten zuweilen sehr umstritten w urde. In einen solchen Kaiupi zwischen zwei Anwärtern auf den Posten eines Paradiesäpfeljuden aus Breslau grill auch einmal — wie sonderbar mutel uns das heute an der polnische König Johannes (Uli Sobiesk) (1674 1896) ein: Er ließ einen Brief an den Breslauer Rai schreiben, den er eigenhändig unterzeichnete, und der in seinem uns hier interessierendem Texte so lautet (nach der Uebersetzung aus dem lateinischen Original): ..Sehr Edle, Würdige und Geliebte! Schmerzlich berührt hat es l'ns, als Unser Untertan, Mathias Weriin.;. ein .lüde aus Zolkiew. l'ns in einer demütigen Eingabe auseinandersetzte, wie er von einem .luden aus Bendzin, namens Hirsch, der gegenwärtig in Breslau wohnt, in der Ausübung seiner Geschäfte behindert wird, das er mit dt m Entsche (Praejutliz) ihm gütigst von Uns verliehener Privilegien SO« eines von den Judenältesten Unseres Königreichs mit Ihm eii gegangenen Vertrages, der die Hinfuhr italienischer Aepfel (w sie [die Juden] sie nennen: Paradiesäpfel) zum Gebrauch di Judenvolkes in Polen betrifft, betreibt. Daher bitten wir Eui da wir das Gerechte In seiner Bittschrift anerkennen, den obei genannten Hirsch zu vermahnen, nicht mehr durch weitere Bi lästigungen die Geschäfte Unseres Untertanen zu stören, ja sog; von seinem Geschäfte ganz abzustehen ... Gegeben zu Breslau am 11.Tage des Monats März im Jahre 160 Unserer Regierung aber im 19, Jahre. Joannes Hex.' Dieses Schreiben ist wahrscheinlich auf Verlangen der Judi ältesten des polnischen Königreichs geschrieben, die den von ihn eingesetzten „Paradiesäpfeljuden" vor der ungerechtfertigten Vi drängung aus seiner Stelle schützen wollten. Auch damals haben die Juden also Fürsprecher gefunden, d sie bei der Beibehaltung ihrer religiösen Gebräuche schützten, i polnischer König, der für die rechtmäßige Verteilung der Paradii äpfel Sorge trägt, will uns dennoch füglich als ein Wunder erseht neu Wunder freilich, wie wir .luden sie in unserer ganzen ( schichte oft erlebt haben. Vom Laubhüttenfest in Leipzig Historische Studie von Arn» Kapp. Mit dem Aufblühen der Leipziger Messe im IS. Jahrhundert ging Hand in Hand eine Zunahme des jüdischen Meßbesuches. Schon Kroker weist in seiner Handelsgeschichte ler Stadt Leipzig darauf hin. daß dieser Autschwung des Meßlebens in erster Linie den polnischen .luden zu verdanken ist, die damals schon das Pelzgeschäft auf dem Brühl fest in der Hand hielten. Auch die Judenordnung von 1682 vermochte diesen Einfluß nicht zu beseitigen. Neben den Versuchen, das Geschäft der jüdischen Kaufmannschaft auf ih r Messe zu ersticken, liefen allerlei polizeiliche Schikanen einher. Die christlichen Kreise der Stadl ruhten nicht eher, als bis ein Landtagsabschied vom 24. April 1711 den auf der Messe anwesenden Juden jede Ausübung ihres Gottesdienstes unter Strafe stellte. Ks heißt iu dieser Verordnung: „\V i r w o 11 e n d e n e n i u d e n i h r e u a n u e in a Ii ten C u 1i u n:. welcher auch allhier in Leipzig sogleich, alß mau davon einige Nachriehl erlanget, aufgehoben worden, in keine W e u e ii ff entlieh gesta tl e n." L'rotzdem hat es auch damals in der Bürgerschaft der Meßstadl schon Kreise gegeben, die in toleranter Weise den jüdischen Meßbesuchen] Gelegenheil verschafften zur Ausübung ihrer Religionsgebräuche. Der Hat sali derartigen Übertretungen zu. so lange sich kein Kläger fand. Am 12. Oktober I7:;i zeigte der Leipziger Bürger Johann Friedrich Zeising auf der Ratsstube an. daß die achtzigjährige Besitzerin des Eckhauses au der Hallischen (iasse und dein Brühl, ..Zum roten Hirsch' genannt (Brühl in. sich unterstanden habe. ..am 11. Oktober mitlag nach 12 Uhr vor die itzt anwesenden .luden zu Celebrirung ilms Lauber-Hüttenfestes einen Schuppen aufzuführen". durch den er in der Benutzung des Tageslichtes gehindert werde. Kr verlangte Beseitigung der Hütte. Die bochbetagte Witwe aber schrieb au den Rat, daß sie ..die Lauber-Hütten für die bei ihr wohnenden Meßjuden errichtet habe". Als im nächsten Jahndie Witwe Richter abermals eine Laubhütte l-aiu n ließ und auch in den k......nenden Jahren davon nicht Abstand nahm, verbot ihr der Rai den Hau einer derartigen Hütte unter Bezugnahme auf obigen Landtagsbeschluß vom Jahre 1711. Die Witwe aber -.erkaufte ihr Haus an einen Gleichgesinnten, den Gasthalter Heinrieh Bock, der sich ebenfalls nicht an das Verbot des Rates kehrte und bereits im Jahre 17:i7 damit fortfuhr, seinen jüdischen Gästen eine Laubhütte zu errichten. Im Jahre 1739 zeigte die Ehefrau Zeisings an, daß Bock zur Hütte „bereits den Hoden legen, auch tlie Säulen nehst der Thüle au richten lassen, sodaß nur noch das Laub darauf fehle". Der Hat befahl Einstellung ties Haues. Hock aber ließ tlie Hüll fertigmachen. Am 16. Oktober erscheint Maria Dorothea Zeisin abermals vor dem Kate. WO sie anzeigt, daß ihr Nachbar „seinen Hau iu seinem Hofe fortgesetzt1!, die bäncke hinein gemachet und die Latten auf tlie Hütte genagelt, daß also nichts mchl daran fehle, als daß das Laub darauf gelegel werde, gestalt de« derselbe jetzo im Hegriffe, die Zweige zuzurichten, welche er i" reite iu seinem Hofe liegen halie, auch habe Hock zu den Zimmei leuten gesagt, tlas Verbot hätte nicht viel zu bedeuten, sie sollte nur fortbauen, wie denn auch tlas gemeine Judenvolk ihr all Schmach authäto und sich darüber moquire, daß sie tlie Laubet Hütte nicht leyden wolle, immaaßen dasselbe Truppenweiße au dem Bockachen Gange stehen bliebe und zu ihren Penstern, welch' auf erwähnten (lang hinausgingen, hinein lachten..." Bock beruft sich auf sein Eigentumsrecht und erklärt dem Kalt dab er auf seinem Grand und Hoden machen könne, was er wollt Kr bittet den Kai. die von ihm errichtete Hülle durch tlie Gewerkei besichtigen zu lassen und den Gebrauch derselben zu gestatten. Dei Hat hielt die Sache für SO wichtig, daß er seinen OhorvoigL Julian Michael Senkeisen, den Ratsmauermeister Döring und den Rats Zimmermeister Knopf zur Besichtigung auf den Hrühl schickte. Ii tlem von diesen verfaßten Besichtigungsprotokoll lesen wir, „daß vom Zeisingschen Hause eine Treppe hoch durch tlesse Hinterwand einige Fenster auf den im Bockschen Hause oflenei ohnbedeckten Seiten-Gang gingen, und sey sotbaner Gang 5 Eilet breit. Hierselbst nun. und von des (langes ernieldter Breite, ha Bock quer Uber seinen Hof eine verlohrene Puch), in der Höh' 1 Ellen, 5X Ellen breit und -V!, Kilon lang für die Juden zu eine Lauber-Hütte von Latten und Breterwerk mit einer Thüre machet laßen. Wann denn solchem nach diese Pucht, so von keiner son derlictien Höhe ohne Dach, und wie erwähnt, .") Ellen von den Zeisingschen Hause ist. daselbst gegenüber auch nur ein Treppen Fenster, von welchem etwas in eine Stube gehet; So können wir nicht wahrnehmen, wie hierdurch Zeisingei tlas Tageslicht benommen werde, es wäre denn, daß aufm Gang< fürn Fenster Leute stunden, welches Zeisings Vorgeben nach öfters ZU geschehen pflegte,... und soll er.....Ufte Pucht Obel 8 Tage hinwiederum hinwegkommen ..."