Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer wissen israelitisch-tunesischen Partei — die „assimilierte" genannt -- erschienener Artikel, welcher lebhafte Mißbilligung hervorrief: aber die Biedermänner der Bevölkerung schreiben dem Rabbi übernatürliche Kräfte tu, um so mehr,;ils dieses Grab, d;is in einer öden Steppe des Südens verlassen ruht, ii«-iu Rabbiner Youcef El-Marabi den Namen des „Heiligen der Wüste" eingetragen hat Seit Generationen pflanzen sich sein Name und die Erinnerung an seine Persönlichkeit mit fanatischer Ekstase, gleich einein heiligen Geheimnis, fort, in tiefster Verehrung eines von heiligen Schauern uinwobonen Mysteriums. Die an die Persönlichkeit des Rabbi sich anknüpfenden Lebenden sind durch die Macht der Jahrhunderte zu wahrhatten Ueberlieferungen geworden, deren Stichbaltigkeil heule schwer festzustellen ist. Diese Wallfahrt findet Jedes Jahr zu Beginn des Sommers statt. In ergreifender Gemeinsanikeil vereinigt sie alle Völkerschaften SUdalgeriens, Südtunesiens, Tripolitaniens und Ägyptens In Uberlleferungsbedingter, streng ritueller Weise und lebt wie erstarrt in ihrer orientalischen Mentalität fort, einer Mentalität, die von der europäischen Zivilisation wohl nur schwerlich berührt werden kann. Von dem ganten Friedhof, auf dem dieses Grabmal sich erhöht, v enu überhaupt Je ein Friedhol dort bestanden hat, ist dieses Grab das einzige bis heute übrig gebliebene. ..Das Gras verbirgt, und der Heyen verwischt" sagt Victor Hugo in ..Los Miserables" in Anspielung auf Grabinschriften. So besteht auch die Grabstätte des Rabbi Youcef sozusagen nicht mehr. Es hat sich fast nur noch eine Erhebung des nackten Geländes erhalten in dieser riesigen Einöde, die sich einzig und allein zur Wallfahrtszeit belebt und während des ganzen restlichen Jahres unter dem Schutze Gottes und dem des Nomadenvolkes der Tuareg steht, welch letztere diesen Ort häutig besuchen. Wenn man weiter dem Norden zustrebt, stößt man bei Moknine, einer kleinen Handelsstadt von Sahel. auf ein anderes Grab, das gleichfalls der Gegenstand einer alljährlichen großen Pilgerfahrt ist. liier ruht der Habbi l'inhas Ouzanne, dessen Nachkommen noch in dieser (legend leben. Dieses Grab ist auf dem ärmlichen Ortsfriedhof gelegen. Keinesfalls monumental, ergreift es doch gerade durch seine Schlichtheit. Kaum sich über den Hoden erhebend, wirkt es fast wie eine mit einem Leichentuch umhüllte menschliche Gestalt, da dicke Kalkschichten es bedecken. Es machen sich in der Tat an jedem Freitag fromme Frauenbünde daran, das Grab zu bleichen, eine dem Andenken des eisten Führers geweihte, verdienstliche Handlung. Ohne genau das Alter dieser Stätte zu kennen, kann man mit gutem Gewissen versichern, daß es verhältnismäßig neu ist. denn die Enkel des Toten beiluden sich heute unter den Notabein des Landes. Er hat. dank seiner Menschenfreundlichkeit, von der mau sich heute noch einzelne Züge erzählt, dank auch seiner kabbalistischen Weisheit, seiner Predigergabe und seiner tiefen Frömmigkeit einen wohlbegründeten Huf von Heiligkeit hinterlassen. Und nun gelangen wir. auf dem Anstieg nach Nordtune.-ien begriffen, an das Grab, dem in ganz Nordafrika die höchste Verehrung gesollt wird. Es ist das des Habbi Fragi ( haouatte, das zu Testour liegt Welch bezaubernde Legenden knüpfen -ich an das Andenken dieses wahrhaft frommen Israeliten. Einige von ihnen sind in Verse gesetzt und vertont worden. Und es gibt wohl Ueim n unserer Glaubensgenossen dort unten, der sie nicht kennte. Man sayt. dali er vor seinem Tode seinen Angehörigen ans Herz gelegt habe, ihn Dicht auf irgendeinem Friedhof zu beerdigen, sondern seinen Leichnam auf ein Maultier zu setzen und dieses nach Beliehen laufen zu lassen; da, wo das Tier anhalte, solle sein Grab ihm geschaufelt werden. Und so geschah es. Bin unendlicher Zug Gläubiger folgte dein Kondukt, und als das Tier erschöpft zusaminenbrach, schritten die Gefährten zur Heisi tzung des großen Verstorbenen. Dies geschah zu Testour, und die Begräbnisstätte wurde — und das von Hechts wegen das Ziel einer beachtenswerten Pilgerfahrt, die sich von Jahr zu Jahr vergrößerte und während der Sukkoth-Ilalbfeiertage stattzufinden pflegt. Heutzutage begeben sich jährlich mi die hunderttausend Glaubensgenossen von allen vier Ecken unserer nordafrikanischen Kolonien dorthin. Alle Arten von Verkehrsmitteln werden in den Dienst der Sache gestellt von den primitivsten Fahrzeugen bis zur Eisenbahn, zu Luxuswagen, Autobussen, Lastkraftwagen, Taxametern usw. Ein großes Dichtjüdisches Heisebureau organisiert unter anderem einen regelrechten Verkehr zw ischen Tunis und Testour. Auch andere Transportlinnen ziehen einen beträchtlichen Nutzen aus den PHge fahrten. Viele französische, desgleichen auch jüdisch-arabische Al zeigen bedecken die Wände, fordern die Gläubigen auf, sich znhlreic zum Mausoleum lies Heiligen zu begeben, preisen die Wirkung sehn Uber die Grenzen des Grabes hiuausreichenden Einllusses hinsichtlii der Erhörung von Hilten und endigen mit der Empfehlung, die Faln zeuge des Herrn X. oder Y. zu benutzen, da diese schneller, widei Standstähiger und weniger kostspielig seien. Welch unaufhörliches Gi triebe herrscht an diesen Tagen in den Juden vierteln! Hufe. Anpre sungen, Lebensmittelhandel, Verkauf von Hin- und Rückfahrkarten, Ix schädigte Leute, Gaffer und Touristen, Ankunft und Abfahrt Uberfüll ter Fahrzeuge in buntem Gewimmel. Manche Leute begeben sie regelmäßig Jedes Jahr dorthin. Es ist dies für sie die Erfüllung ein. heiligen Gelübdes. Auf der ganzen Strecke nach Testour eine Kell langer Züge von Wagen und Kaufleuleu, die den Pilgern alles ui jedes verkaufen, von Mundvorrälen bis zu Weihgegenständen UI frommen Büchern, Amuletten und Andenken usw. Die Regierung org nisiert einen strengen Ordnungsdienst. Sie tut dies nicht, um Obeltäti festnehmen zu lassen, denn niemand würde es wagen, sich auch in der geringsten gesetzwidrigen Handlung schuldig zu inachen, die, s glaubt man, noch vor Ende des Jahres das Leben kosten würde; nor tut sie es, um das Volk im Zaum zu halten. Niemals noch hat ma eine diszipliniertere Menge gesehen. Sondern sie tut dies, um etwaige Unglücksfällen vorzubeugen. Der glanzvollste Aufzug ist derjenige der Leute von Bejä. Er wir. von den Pilgern mit lebhaftester Neugier erwartet. In einem gewisse Augenblick hört man ein lebendiges Prasseln von Gewehrfeuer. Mu ketensalven erschüttern den Boden. Bald sieht man am Horizont ein zahlreiche Keiterschar auftauchen, die eine glänzende Fantasia au führt. Das sind die Juden von Bejä. Schon lange vor ihrer Ankum sobald sie von ferne Testour bemerken, rufen sie: „0 Herr! 0 Meister! Es ist dies eine dem Habbi ( haouatte geltende HegrüUuugsforui. Bai darauf halten sie. Diese nach Art vornehmer Araber mit einem hoh< Seidenturban und gespornten Stiefeln bekleideten, von einem reich. Stahlblauen Burnus umhüllten, bronzefarbigen kühnen Gesellen m starken schwarzen Schnurrbärten haben eine wahrhaft imposante A des Auftretens. Zum größten Teil äußerst begütert, geben sie reich liehe Almosen, opfern Binder, deren Fleisch sie an die Armen ve teilen, die gekommen sind, um gelegentliche Glücksgaben einzusli. chen, verbrennen gewaltige Kerzen, verrichten ihre Andachten, stin men zu Ehren Gottes ihre Gesänge au und Irinken wacker. Dann sitze sie wieder auf. lassen die Luft unter dein Krachen ihrer als letzt) Gruß abgefeuerten Büchsen erzittern und verschwinden in einer Staul wölke am Horizont. Während dieser Zeit verharrt die unzählige Pilgermenge in il brünstigem Gebet. Die Frauen und Greise weinen über dem Gral und rufen den Geist des Habbi an. Draußen lassen die Kinder VHisel explodieren. Die Kaufleute preisen ihre Waren an. F)s herrscht e unbeschreiblicher Lärm, der durch die verschiedenen Dialekte, wi auch durch die grellfarbige Buntheit der Gewänder des aus Bütten teil Gegenden herbeigeströmten Volkes sich noch verwirrender g staltet. Die Wachskerzen und Talglichter brennen unaufhörlich UI verschwimmen in wahren Talgbächen. Die Sudes werden üppige d. h. jede Familie muH. je nach Vermögen, bis zum Hand mit Braue wein angefüllte Becher und getrocknete Frücht« anbieten. Dann Vi fehlt niemand, nach mehrtägigem Aufenthalt im Dorfe, eine stark n Talg vermengte Handvoll Erde, die aus der Nachbarschaft des Grab, stammt, mitzunehmen. Ein wenig von dieser Erde wird in eine kleinen Leinensäckeben vernäht. Das ist der beste Talisman. Aui nimmt mau etwas davon mit, um es an die Verwandten und Bekan ten. welche die Heise nicht mitmachen konnten, zu verteilen. Eil Legende besagt, dali, wenn auch eine beträchtliche Menge Erd daVOngenOniUien würde, der Boden sich wählend der Nacht unfehlb: von selbst erneuen und sein bisheriges Niveau wieder annel..... würde. Eine zweite Legende schildert folgenden angeblichen Vo fall: Als das Maultier seiner Wege trottete und den Körper des he ligen Mannes seiner letzten Ruhestätte zuführte, kam zu Pferde. . der Spitze seines Bataillons, ein Offizier des Bey vorüber. Kr wollt in der Annahme, es handle sich um ein Verbrechen, den Befehl l