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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-08-15 · 33 (15.8.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
33 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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(Semetou cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZI/ LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Das (Jemelndeblatt erscheint Jeden Freitag und wird den Mitgliedern der Rellglonsgemelndc unentgeltlich durch die Post zugestellt — Schriftleitung: Cicmelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstrafic 10 NUMMER II / JAHR6AN6 6 FREITAG 15» AUGUST IOIO Anzelgenverwaltung und Drude: Ruchdruckerei August IVics, Leipzig, Brüderstr. 59 - l'ernruf 70006 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdrude nur mit Quellenangabc und mit Genehmigung des Verfassers gestattet NORDAFRIKANISCHE PILGERFAHRTEN Die hiOI folgende UeberSOtSung eines Aufsatzes aus der Pariser jüdischen Wochenschrift L'l'nivers Israelite stellt Ulis dankenswerterweise Herr Ludwig K a l /. e n s t e i H (Frankfurt a. M.) zur Verfügung. Sie dürfte unseren Lesern besonder! Willkommen sein, weil sie auf ein Stüek jüdischen Lebens hinweist, von dein hier kaum irgendwelche Kenntnis verbreitet ist. Die Sehriftl. Zahlraiehe und bedeutungsvolle israelitische Wallfahrten Huden in unseren französischen Besitzungen Nordafrikas statt. Die einen führen zu tausendjährigen Synagogen, die anderen an die Urabstitten berühmter Rabbiner. Ks ist von Wichtigkeit, sie der Allgemeinheit bekanntzun lachen und sie zu beschreihen, zumal in einem . Ilgenblick, da die französische Presse aller Schattierungen zur llun- "Ttjahrfeier der Kroberung Algeriens es unternommen hat, die Sitten, Gewohnheiten und Ueberlieferungen, wie auch die militärischen, polilischen und religiösen Krinnorungcn und die Geschichte Nordafrikas KU erforschen. „L'Univers Israelite" mutt in diesem Kolonialkonzert : leichialls seine Stimme erheben. So haben wir im Interesse unserer I eser der Algerisch-Tunesischen Volkskunde eine Artikelserie u'oidmet. Die heiligen Gräber sind zweierlei Art. Die einen empfangen ist täglich Besuche und machen in gewisser Hinsicht einen laufenden ' eitandtei] jüdischen Lebens aus, die anderen hingegen sind Mittelunkt einer einzigen, aber großartigen jährlichen Wallfahrt. Zu Algier kann der Friedhof von Saint-Kugeno das Endziel einer eständigen Pilgerfahrt aufweisen. Ks ist dies das Grab des Kabbiers Dum Ii, der, auf der Flucht vor den spanischen Autodafes, sich ach dieser Stadt zurückzog, wo seine groUo Gelehrsamkeit ihm zu ' inem starken KinfluU auf alle seine Glaubensgenossen von Tanger is Djerba verhalf. Sie suchten oft ihre Zullucht zu ihm, um sich bei im Hat und Aufklärung zu holen. Kr war es vorzüglich — ein Umland, der heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist —. der einen (Anspruch mit dem Anathema gegen solche .luden ausgab, die, um den schrecklichen Martern jener Verfolgungszeit zu entgehen, zu Un- ■cht ihre Glaubensgenossen erdichteter Verbrechen oder der Ver- : eimlichung von Gütern bezichtigten. Diese Charte wurde, damit alle Uubigen es wOflten, in den Synagogen ganz Nordafrikas verlesen. Zu Tunis, in der Neustadt, lag auf dem weiten, von den Bouleirds von „London", „Paris", „Madrid" und „Lyon" eingefallen vierkigen Platz ein alter, jüdischer Begräbnisort. Und heute noch ent- PCkt man bei Ausgrabung der Grundsteine sehr mit erhaltene eihengrlber; die Gemeinde läUt die Beste der Gebeine pietätvoll immeln, um sie auf dem Friedhof von Borgel beerdigen zu lassen; ie Stätte in der Umgebung von Tunis trägt den Namen eines vor ierzig Jahren verstorbenen Großrahhiners der Statthalterschaft. Die lemeinde hat es jedoch verstanden, die in dieser verschwundenen otensladt gelegenen Gräber berühmter Rabbiner, deren Grund und Boden sie in Verwahrung hält und die sie liebevoll instand gesetzt hat, um sie mit Mauern umgeben zu lassen, sorgfältig von der Umwelt abzugrenzen. Diese Trauerdenkmäler sind zwischen ertragreichen Grundstücken verstreut. Ihre Pforten öffnen sich an den Montagen und Donnerstagen jeder Woche den Gläubigen, die hierherkommen, um Wachskerzen zu opfern, für ihre Toten einen Kaddisch zu sagen und feierliche Gelübde abzulegen. Zumeist sind es schwangere Frauen, die schon fast vor der Niederkunft stehen und sich der Hoffnung hingeben, dalJ dieser fromme Besuch durch die Fürsprache des als heilig verehrten Rabbi ihnen beim Schöpfer eine glückliche Entbindung erwirken werde. Hier folgen einige sehr bekannte Namen: Rabbi Messaoud Kl Fassi, der aus Fez stammte, und dessen Biographie durch den Schrillsteiler Casea in seinem 18S4 erschienenen Kssai über die Geschichte der .luden Tunesiens gebracht wurde; Rabbi Isaac-Ilay Tayeb. dessen Lebenslauf vom Rabbiner Arditti im Juni ltM)4 in der „Revue de [/Institut de Carthage" veröffentlicht wurde, wie auch noch viele andere. Diese bilderreichen Lebensgeschichten verdienten eigentlich ausführlich wiedergegeben zu werden, wenn der Baum es uns gestattete. In Tunis spielt sich noch gleicherweise dieselbe wöchentliche Wallfahrt nach der letzten Buhestätte dereines gewaltsamen Todes gestorbenen .luden ab. Sie fielen entweder dem Antisemitismus oder einem Mord oder irgendeinen) Unfall zum Opfer; ihr Grabstein trägt irgendein symbolisches Zeichen ihrer Todesart bzw. der Waffe, unter der sie ihr Leben endeten. Wir wollen nicht unterlassen, unter jenen den berühmten Batou zu erwähnen, dessen Grab man soeben entdeckt und wiederhergestellt hat. Batou stand unter der Anklage, die mohammedanische Religion gelästert zu haben, und war IU! vMorteilung verurteilt worden. Dies geschah im Jahre 1860. Voll Entrüstung über ein derart barbarisches Verfahren, intervenierten die europäischen Mächte auf das nachdrücklichste bei dem zu jener Zeit regierenden Boy. Frankreich aber, getreu seiner humanitären Tradition, schickte ein Geschwader in die tunesischen Gewässer, um die einheimische Begierimg zu zwingen, ihren Untertanen einen grundlegenden Vertrag zu diktieren, d. h. eine Verfassung, die den Bürgern von nun an Sicherheit ihres Lebens sowie ihres Besitzes gegenüber dem Fanatismus der Bevölkerung und den amtlichen Ausschreitungen gewährleistete. Drei groBe Pilgerfahrten linden jährlich statt. Darüber ist folgendes zu sagen: Im luflersten Südtunesien beherbergt ein unweit von Qabes gelegenes Dorf, das La Hamna heilJt. in seiner Umgebung das Grab des in hohem Malle verehrten Itabbi Youcef Kl-Märabi. dessen Lebensgeschichte, ja selbst Herkunft, nur wenig Leute kennen. Manche malten sich das Hecht an, selbst seine Kxistenz abzuleugnen. Beweis dafür ist ein vor einigen Monaten in dem Zeitungsorgan einer ge-

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