Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer!! und Führer der Individualpsychologischen Bewegung Internationale Bedeutung gewonnen, er hat auch als Angehöriger der sozialistischen Bewegung viel für die sozialistische rlihlungsarboil in Wien getan und auf die neuartigen Einrichtungen der Stadt Wien, besonders die pädagogischen und jugendpflegerisohen, weitgehend Einfluß genommen. Jüdische Verbände und Gemeinden l>ie Stellung der Frau im jiidi>cheii (ieseU. Nach einer längeren Diskussion wurde von der liberalen Welt- Konferenz eine Resolution über Stellung und Hechle der Frau in der |ttdi8chen Gesetzgebung angenommen, in der es heißt: Die Wellunion für liberales Judentum Biehl in der grundlegenden Umwälzung, w elche der moderne Geiet in die Stellung der Frau gebracht hat, eine Kraft, die auf jede ethisch fundierte Frauengesetzgebung von tiefem Einfluß ••ein muß. I'ie Resolution erkennt dann die fortschrittliche Haltung der Halacha zur Rechtstellung der Frau an, und bringt die Ueberzougung der Weltunion zum Ausdruck, dafi die modernen Juden aus ihrem religiösen Gewissen heraus weitere Schritte im Geiste dieser Haltung vorwärts zu tun haben. Die Resolution postuliert i. ,|i(> vollständige Gleichberechtigung der Frau mit dein Manne In Ehe- und Scheidungsfragen, 2. die Befreiung derjenigen Ehefrauen, die ihren Ehegatten im letzten Weltkrieg verloren haben, ohne dafi deren Tod erweisbar ist, von ihrer eherechtliehen Stellung als „Agunoth" (Flauen, die an den verschollenen Ehemann gebunden sind), 3. daß Nichtausführung der Chaliza-Zorcmonie kein Hindernis für die Wiederverheiratung von Witwen sein soll. In einer nur für offizielle Delegierte zugänglichen Konferenz unter Vorsitz von Professor Julien Morgenstern (Cincinnati) wurden Maßnahmen zur Ueberwindung der religiösen Indifferent: beraten. Reil rate hielten Rabbiner Dr. Josef Norden (Elberfeld) und Rabbi Martin Zielonka (El Paso, U.S.A.). Edmond Fleg auf der liberalen Weltkonlercnz. Im Rahmen des Programms der jüdisch-liberalen Weltkonferenz fand eine Öffentliche Kundgebung stall, bei der unter dem Vorsilz von Rabbi Israel Mattuck der bekannte französisch-jüdische Schriftsteller Edmond Fleg, Rabbi Felix A. Levy vom Temple Eninnuel. Chicago, und der Nobel-Preislräger für Chemie, Professor Richard Will- BtItter, München, als Redner auftraten. Edmond Fleg sagte u. a.: Ueberall in der jüdischen Welt geht die Rede von der jüdischen Renaissance um. In die gegensätzlichen Meinungsgruppen der Orthodoxen, Liberalen und Zionisten gespalten, -i heinen jedoch die Juden erst noch nach der zentralen Idee zu Buchen, um die sie sich von neuem zusammenschließen könnten. Diese Zentralidee, die imstande sein müßte, die verschiedenen (iruppen enger aneinanderzubringon und, zu gleicher Zeit, jeder ihr eigenes Feid zu überlassen, scheint sich in der alten Konzeption der ..jüdisi hen Sendung" zu finden, die aus der lebendigen Kraft der Vergangenheit und Gegenwart heraus zu neuer Jugend und neuem Leben erweckt werden muß. Israel ist heute eine große menschheitliche Familie unter den anderen Völkern, ihnen allen zugehörig und doch von ihnen unterschieden. Israel bildet mitten unter den Nationen einen Bund der Nationen, nicht kraft eines Vertrages, sondern durch Verwandtschaft. Damit Israel seinen Einfluß in der Welt fortsetzen kann, muß es luerst bestehen bleiben. Hätten unsere Vorfahren ihre religiösen Riten nicht strenge bewahrt, dann würde wahrscheinlich niemand von uns hier heute anwesend sein. Dei sweite Redner des Abends, Rabbi F. A. Levy, sprach über die A u -•• i n and e rset IU n g d e r Religion mit der innilern e n W <■ 11. Drei Kräfte sind in der modernen Welt wirksam: Wissenschaft, Nationalismus und Industrialismua. Die Wissenschaft hat uns die Kontrolle über die Well gegeben, sie hat das Leben für Millionen leichter und be>s«-r gemacht. Aber sie hat auch gelehrt. U'ben zu vernichten. Industrialismus und Nationalismus sind die beiden Feinde der Religion, und die Religion befindet sich heute in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem zweiköpfigen Ungeheuer. Unterliegt die Religion in diesem Kampf, dann wird sie verschwinden, weil sie dann nicht wert ist. erhalten zu werden: überwindet sie aber das Ungetüm, dann tritt sie erst in die eigentliche Phase '1er Erfüllung ihrer Aufgabe ein. Das Judentum ist die Religion eines Volkes, keine Religion der Persönlichkeit. Das liberale Judentum, sagte der Redner unter starkem Applaus, ist durch und durch jüdisch. Die Intellektuellen sind für uns wichtig, aber wichtiger ist die Gewinnung der jüdischen Massen. Diese wird uns aber nur gelingen, wenn die Massen fühlen, daß unsere Wurzeln im Erdboden der jüdischen Vergangenheit stecken und daß wir jüdisch bis ins Mark hinein sind. lieber dio „Juden in der modernen Welt" sprach Pri Richard Willslätter. Er führte ungefähr aus: Erst in der moderneu Well ist den Juden die Möglichkeil gewo den, am geistigen Fortschritt der Menschheit voll mitzuwirken, manchen Staaten gleichberechtigt mit Nichtjuden, in anderen noch g hemmt durch Gegenströmungen, Die Entwicklung der Juden in d< modernen Well soll zur völligen Ueberwindung derjenigen Charal tereigenschaften führen, welche durch Abschließung und Ausschi r ßung, Unterdrückung und Verfolgung, Unsicherheil und Zurficl selzung ausgeprägt werden mußten. Seit der Befreiung aus dei Ghetto ist der Anteil gewaltig gewachsen, den das Judentum zu Rechtspflege, zur Volkswohlfahrt, zur Kunst, zur Ethik beiträgt. Fii die Wissenschaft bringen die Juden eine starke Eigentümlichkeit de jüdischen Art als besondere Begabung mit. In der Slaatskunsl fäl ihnen die Aufgabe zu, Apostel des Friedens und der Verständigung / sein. Das Gebiet des geistigen Lebens stellt dem fortschrittliche Juden die größten Aufgaben. Den Völkern sind Religionen vor Jahl lausenden gegeben worden, in Zeilen primitiver Kulturen. Der Zwii spult zwischen religiöser Geschichtstreue und der freien Entwicklun des Judentums unter den Bedingungen der Gegenwart bedarf de Ueberbrückung. Die Menschheit ist lief erfüllt von Sehnsucht nai Ewigkeitswerten. Möge es eine Mission der Juden sein, entgegenzi wirken der Ueberschälzung materieller Interessen und zu arbeiten ai sittlichen Werten und Werken. Zur Ueberwindung der Gegensatz und Länderglenzen im I der Weltmeere bedarf es besserer Brflckei und Verbindungen, als die Technik zu erreichen vermag; suchen w i sie in Werken der Kunst und Wissenschaft, in Ethik und Religioi Unsere Gemeinde Berichtigung, In der in der letzten Nummer des Gemeindeblattes an diese Stelle veröffentlichten Notiz über eine Vorführung eines nationa sozialistischen Films ist Irrtümlicherweise vom U.-T.-Lichtspielhau ..Königspavillon" gesprochen worden. Wir stellen hiermit richtig, da das in jener Notiz Gesagte sich auf die U.-T.-Lichtspiel .,11 a i n st r a ß e" bezog. Inhaltlich werden unsere Angaben Wiedel holt und aufs bestimmteste bestätigt, daß die ursprünglich angeküi digle Vorführung nicht stattgefunden hat. Festschrift aus Aulall des Tüjiihrigen Bestehens der Gemeinde Synagoge. Aus Anlaß der Jubelfeier unserer Geineindesynagoge wird de Gemeinde-Vorstand eine Festschrift herausgeben. Um rechtzeitig ein. Uebersichl über die Zahl der Gemeindemitglieder zu gewinnen, di diese Festschrift zu besitzen wünschen, wird gebeten, die diese Nummer des Gemeindeblattes bei 11ege n <l e Kart e ausgefüllt b I zum 15. August dem Gemeindeamt zugehen zu lassen. Die Fest schrift wird unentgeltlich abgegeben, jedoch höchstens 1 Stück fii eine Familie. Spätere Meldungen können nur nach Maßgabe der ihm verbleibenden Stücke überlassen werden. Uebcr die Ausgabe de Festschrift wird zur Zeit eine Ankündigung im Gemeindeblatte ei folgen. Festgotlesdienst am 7. September. Die Vorbereitungen für die Feier dos "öjührigen Bestehens in serer (iemeindesynagoge sind in lebhaftem (lauge. Der musikalisch Teil der Feier in der Synagoge wird enthalten: 1. Aus Psalm IM, Mannen hör von S. .lada-sohn (komponiert zu Einweihung unserer Synagoge 1S.V»): 2. Ilalleluja (aus dem Oratorium Messias) von G. F. Händel; 3. Kantate für Chor. Solo, Solo-Ijuartett und Doppelchor mit B< gleitung von Orgel und Klavier. Text von Dr. F. Goldmanu, kompi niert von s. Lampel. Es dürfte reizvoll sein, in der Synagoge Orgel- und Klavierklan neben- und ineinander zu hören. Leider sind bis heute noch zu wenig Meldungen von musikalische Damen und Herren der Gemeinde trotz wiederholten Aufrufen eil gelaufen. Die nächste Chorprobe findet am Freitag, dem h. August 17 Uhr im Uebungsraum der Synagoge, Gottschedstraße, statt. Zum .lahrzcit-lue von Frau Rccina l'IcffcrhlUth s. A, Am Sonntag, dem 10. August (10. Ab) jährt sich der Tau, an den Frau Regina PlefTerblülh ^»t uns unerwartet entrissen wurde, di Frau, deren großes, gütiges Herz sie zu einer ^JOE^a DKzu eim Muter in Israel machte. Ihre liebevolle Sorge galt allen Notleidende kein Weg war ihr zu weit oder zu unboipioni, wenn sie dadun