Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ttaetau cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-M&INDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das (.Ii'mHntIcblatt crsdiclnt |rdcn Krcltag und wird den Mitgliedern der Religion sgcmclndc uncntgeltlldi durdi die Post zugestellt — Schrlftleltung: j Gemclnderabblncr Gustav Cohn, Leipzig, l.öhrst ratio 10 NUMMER 20 / JAHR6AN6 6 FREITAG 18» JULI 1 © * O Anzelgcnvcmaltung und Drink: Budidrudicrei August Prle«, Leipzig, Brüdcrstr. SB - Fernruf 70006 - l'oslsdlrck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Vertäuen gestaltet LEIPZIGER JÜDISCHE MESSMAKLER UND DIE AUFHEBUNG DER JUDENORDNUNG VON 1687 Am Ii). Juli feiert die Kinn» Manns Hermelin ihr hundertjähriges Beatehen. Aus Anlall dieser Feier luit der Si>roU lies Hauses Hermelin, Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Hermelin, eine Festschrift bearbeitet, «Ii,- auf Grund eingehender archivallscher Studien. Ober <lie Geschichte des Hauses hinausgreifend, einen wertvollen Beitrug zur (lesehiehte des Leipziger Rauchwarenhandels und damit der Stellung der Juden in Leipzig darstellt. Durch freundliche! K n l gegen koin inen des Verfassers sind wir in der Lage, die auf die Geschichte der Leipziger Juden lieziiglielien Btflcke des 1. und 2. Teiles der Arlieit zu vcrölTcnt liehen, — über die Bedeutung de» Hauses Hermelin vgl. die Ituhrik „Unsere Gemeinde" in der vorliegenden Nummer. Hie Bchriftleitung. Leipiigi Bedeutung als siatlt der Messen und des Rauchwarenhandeln beruht — das darf heule unumwunden festgestellt werden — 7.u einem grnUcu Teil auf dein oft gegen den Willen einheimischer Handelskrise ertrotzten KinfluU der jüdischen Kauf- 'iiannsrhaft, der zunächst dein Meßverkehr neue Bahnen erschloß, jplterhin aber zur Soßhaftmaehung bisher nicht vertretener Handelsiweige führte und die Entwicklung von Gewerbe und Industrie in Leipzig und Umgehung begünstigte. Der Hauchwarenhandel insbesondere ist geradezu eine Schöpfung ostjüdischer, vorwiegend Brodyer Kaufleute. Brody, nächst Lemberg und Krakau die bedeulenste llandels- -tadt Galiziens, wurde 1084 von dein Woiwoden Stanislaus Zolkiewski inweit der Oslgrenze des Königreichs Polen gegründet. Schon früh ntwickelle sich das junge Stadt Wesen zu einem wichtigen Un> ichlagplatl für den Handelsverkehr tier Linder zwischen dem schwarzen Meer und Ostsee. Nachdem (ializien 1772 an Österreich gefallen war, wurde Brody 177!) zur freien llandelssladi erhoben. Diese Gunstbezeigung der Habsburger brachte der Stadt einen erstaunlichen Aufschwung. Hamburger und Mailänder Handelshäuser errichteten Niederlassungen, und auch der Zuzug deutscher Kaufleute lieh der kleinen, nur etwa 20 (MM) Seelen zählenden Stadl ein westliches (iepräge. Die zu zwei Dritteln jüdische Kinwohnerschaft, anderwärts trotz des kaiserlichen Tolernnzedikts vom 18. Oktober 1781 viellarh noch In mittelalterlichen Anschauungen befangen, ergab sich, geiiilirl von Männern wie Alexander Kaller (um 1785), mit Begeisterung dein Einflüsse westeuropäischer Kultur. Haiti war das Deutsche zur Amts--und Umgangssprache geworden, und in geselligen Zirkeln vereinten sieb zur Pflege wissenschaftlicher und künstlerischer Bestrebungen jene Familien, deren Nachkommen später in vielen Weltteilen zu Namen und Ansehen gelangen sollten. Von Dr. Wilhelm Harmelin (Leipzig). In Leipzig und überhaupt in Sachsen, wo den Israeliten bis über die Mille des Ii). Jahrhunderts — von wenigen Ausnahmen abgesehen — die Ansiedlung verwehrt war, wo man nicht einmal die Bestattung jüdischer Leichen duldete, stand man den zur Messe eintreffenden Juden um die Wende des 18./15). Jahrhunderts nicht gerade sonderlich wohlwollend gegenüber: man schätzte zwar das Held, das sie brachten, war aber im übrigen bestrebt, sie durch zahlreiche Beschränkungen an einer Ausbreitung zu hindern. Sie erschienen bestenfalls als ein notwendiges Übel. Immerhin stieg die Zahl der jüdischen Meßbesucher im Zeitalter der Aufklärung ganz erheblich. Wahrend zur Oatermesae 1750 neben 2507 christlichen Meßbesuchern 484 Juden eingetroffen waren, zählte man zur Ostennesse 180(i bereits 18H0 Juden neben 48.") 1 Fremden christlichen Glaubens. Dieses Wachstum der jüdischen Melibesucher war in der Hauptsache eine Folge der hohen Zölle des preußischen MeUaccisetarifs vom 5. Mai 1772, den Friedrich der Grolle für die Meßgüter in Frankfurt a. (). und Breslau aufgestellt hatte, um die Fabrikation seines eigenen Landes vor der Überschwemmung mit fremden Waren zu schützen. Die Juden aus den östlichen Ländern wanderten deshalb von diesen Meßplützen ab und wandten sich noch zahlreicher als früher nach Leipzig, wo die sächsische Kegierung gerade damals in dein Mandat vom 12. September 1772 den auf die Messe reisenden fremden Juden die früheren schweren Lasten durch die K r r i c h t u n g von F r e i p ä s s e u erleichterte. Dali die Leipziger Handelshäuser — 1784 bestanden in Leipzig neun Handlungen mit Hauch waren und Leder — zuverlässigen Kinkäufern aus dem Osten langfristige Kredite zu gewähren pllegten, trug ebenfalls zur Hebung des Geschäfts bei. Die Juden vermittelten vornehmlich den Rauchwaren- und Lederhandel mit Kuli land; ihren Stand hatten sie in Leipzig am Brühl. Seil 1772 zählen tlie B r o d y c r K a u f I e u t e zu den wichtigsten Besuchern der Leipziger Messen. Den von 1725) bis 18:11 regelmäßig an die sächsische Kegierung erstatteten Berichten der 172(> gegründeten, seil 1704 „Landes-!)ekonomie-Manufnt'tur- und (omnicreifudeputntion" genannten Körperschaft und den von 1780 bis 18:50 erstatteten Berichten der Geheimen Finanzrälhe ist zu entnehmen, dafl der Krfolg der Leipziger Messen vielfach geradezu davon abhing, ob und in welchem Umfange eine Beteiligung Brodyer Handelshäuser stattfand. Auf der Neujahrinesse 1781 sollen die polnischen Juden, besonders die Lissaer und Brodyer, teils auf ihren eigenen, teils auf gemieteten Wagen „circa 4(MM) Centner" verladen haben. „Auch handelten die Bolen wenig auf Kredit, sie zahlten meist mit barein Oelde oder guten Assignatien." 1784 macht sich die Tatsache, daß Brody 1779 zur freien Handelsstadt erhoben worden war, bereits auf der Leipziger Messe I