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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-06-27 · 26 (27.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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IT. Juni 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN HEMOIONSG EMEINDE ZU LEIPZIG Seile 3 ine Polle reinster Beobachtungen enthält die Schrill .lulius Babs: „Das Leben Goethes, Eine Hotschatt"; eindringlich und besinnlich wird da die Seelengeschichte Goethes dargestellt, Zum Schlüsse sei hier auch der Verdienste Alberl Colins um die (loethe-Forschung gedacht, Alberl Cohn geboren 1827 in Berlin iml gestorben daselbst im August 190!5 war kein Goethe-Forscher von Beruf, Er war von Berul Buchhändler und aus Neigung Bibliophile, Jahrelang hat er von Goethe Bratdrucke, Originalhandschritten und lindere literarische Kostbarkeiten gesammelt; der größte Teil dieser Sammlung isl in den ßesiti des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar übergegangen Cohn soll der erste gewesen sein, der bei der Großheraogin Sophie die Gründung einer Goethe-Gesellschafl anregte. ZUM TODE ADOLF HARNACKS Am In. .luni isl im Aller von 70 Jahren Professor v, llarnack, einer der bedeutendsten Theologen und Präsident der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft /.ur Förderung der Wissenschaften, geworben. Mit ihm isi einer der größten Gelehrten Deutschlands dahinegangen, der in gleicher Weise durch seine ungewöhnlich erfolgeichen Forschungen, wie durch seine organisatorische Arbeil für die Förderung der Wissenschaften Überhaupt, sich einen bleibenden Plati ii der deutschen üelehrlengeschichte erworben hat. Seine akademische Lehrtätigkeil;ds Kirchenhistoriker ging von Leipzig uns. führte ihn iili:>r (ließen und Marburg nach Berlin, wo er später Direklor der Kgl. Bibliothek wurde; in den letzten Jahren widmete er, frisch Ins in die letzten Tage hinein seine Krall fast ausschließlich der durch ihn zu einer bedeutsamen Höhe geführten Kaiser-Wilhelmi lesellschaft. Für uns .luden ruft der Heimgang des in seinem Sondergebiet unbestritten führenden Gelehrten eine Polemik in die Erinnerung, die sich um die Jahrhundertwende an das wegen seiner großen Verbreitung besonders eindrucksvolle Werk llarnacks über ..Das Wesen ie> Christentums" wach. Die Schrift stellte die Aufzeichnung eines in Jahre Inno au der Berliner Universität gehaltenen öffentlichen Kollegs dar. In ihr kommt der Standpunkt des liberalen Theologen Mar zum Ausdruck, der zu der protestantischen Dogmatik eine durchaus eigene Stellung gewonnen hat. Gerade die vom Judentum abteilenden dogmatischen Gedankengänge, vor allem der (Haube au die Göttlichkeil Jesu und die damil zusammenhängenden Lehren, Ii iben danach für llarnack ihre Bedeutung verloren. Kr sieht in Jesus die rein menschliche (iestall in ihrer ethischen Größe, siellt die Bedeutung seines Auftretens gerade auf die Ausstrahlung seiner grollen Persönlichkeit, Bei dieser Betrachtung gewinnt nun seine Frage nach dem Wesen des Christentums einen besonderen Sinn. Worin bestand denn, so formuliert denn auch llarnack seine Frage, die besondere Leistung, die aus Jesu Auftreten eine neue, weltbewegende Religion wachsen Meli/ l'ml darauf geht auch die Eigenart seiner Antwort zurück, die und darum mußte ihm von den V ertretern des Judentums scharf begegnet werden das Wesentliche an Jesu Wirken in der Freimachung der jüdischen sittlichen Forderungen von dem sie einengenden, ja geradezu verhindernden Beiwerk erkennen will. Er gebrauchte das Bild von dem Quell lauleren Wassers, der. durch eine Fülle von Geröll verschüttet, nicht mehr fließen kann, und der ersl wieder freigelegt werden muß. Aber darüber hinaus ist ihm. wie auch sonst zuvor bei anderen Theologen, das Christentum die Steigerung des Judentums zur Religion kat exochen. Erst im Christentum sei die Absolutheil der Religion zu einem wahren Ausdruck gelangt. Drei Hauptgedanken stellen die Besonderheit und die Vollendung der religiösen Weile in Jesu Wirken dar: Seine Verkündigung des Reiches Gottes und dessen Kommen, die Lehre von Gotl dem Vater und dem unendlichen Werl der Menschenseele, und die bessere Gerechtigkeit, das Gebot der Liebe, Die Verkündigung dieser drei Gedanken knüpfe wohl an Anschauungen und Lehren auch des Judentums au. sie hallen aberi in Judentum weder die reine Aus prägung gefunden, die ihnen durch Jesus gegeben worden ist. noch auch nur in ihren Anfängen sich durchsetzen vermocht. Es war begreiflich, daß derartiger Beurteilung des Judentums um 8o weniger mit Stillschweigen begegnet werden durfte, als sie von einem Manne mit so weitklingendein Namen erfolgte. So traten eine ganze Reihe führender Geister im Judentum auf den Plan, um dieser mit allem wissenschaftlichen Apparat vertretenen Ansicht die Lehren des Judentums entgegenzuhalten, und Stück für siück die Unrichtigkeit der Beweisführung llarnacks darzulegen. Unter anderm seien hier die Arbeiten von Eschelbacher (,.l>a> Judentum und das Wesen des Christentums"), Baeck („Wesen des Judentums"), J Goldschmidl (..Das Judentum in der Religionsgeschichte der Menschheit" und ..Das Wesen des Judentums"), GUdemann („Apologetik des Judentums") genannt, Es dar! gesagt weiden, daß die Notwendigkeil dieser Verteidigung doch auch ein Gutes gehabt hat, Ihr verdanken so bedeutsame Werke, wie die eben genannten, ihr Entstehen. Aber darüber hinaus wurde dadurch das Nachdenken über die Kernfragen des Judentunis in einer Weise angeregt, wie vielleicht in solcher Breite und Wirkung nichl in Jahrhunderten zuvor. Eine ungewöhnliche Fülle von Aufsätzen und Abhandlungen in Sonderausgaben und periodischen Zeitschriften brachten diese Gedanken in die breite jüdische Menge hinein und zeigte ebenso den Zusammenhang zw ischen den Grundlagen des Christentums mit denen des Judentums, wie auch »Ii«- scharfe Auseinanderhaltung der Grundgedanken in beiden Religionen. Es isl wohl nicht zu viel gesagt, wenn auf diese Polemik zu einem nicht unerheblichen Teile eine Festigung des religiösen Selbstbewußtseins im Judentum des 20. Jahrhunderts zurückgeführl wird. Kern der gegen llarnack veröffentlichten Abhandlungen mußte ja immer die Betonung des Eigenwertes der jüdischen Lehre sein. Ks kann nichl Aufgabe dieser kurzen Erinnerung sein, auf den ganzen Komplex von Fragen einzugehen, die in diesen Erörterungen angeschnitten wurden. Wohl als die wesentlichsten seien jedoch einige herausgehoben. Durch die Beurteilungen des Judentums bei den protestantischen Theologen der neueren Zeit ziehl sich fast einstimmig die Auffassung, als kenne das Judentum nur den Glauben an einen strafenden Gott, der in solchen Schriften vorzugsweise als der „Gotl der Rache" bezeichne! wird, llarnack stell! dem >l"n christlichen Glauben an den liebenden Gott, <oiit als Vater, gegenüber, Es war nicht schwor zu zeigen, daß das Judentum in rechl alten Ausprägun gen seiner Gebete Qotl als Vater, als liebenden, verständnisvollen verzeihenden Vater kenn! und anbetet. Die Untersuchungen, die zu diesem Thema angestellt wurden, konnten bezeichnenderweise auf die Feststellung sich stützen, daß das christliche Grundgebet „Vater unser" sich durchweg aus Gebetsausdrücken aufbaut, die in der jüdischen Gebetssprache geläufig waren. Äußerst interessant waren insbesondere die Vergleichungen, die Eschelbacher zwischen dem Kaddisch-Gebel und dem „Vater unser" vornahm. In gleicher Weise wurde die Behauptung zurückgewiesen, als lj;i11<• dem Judentum der Wert der einzelnen Menschenseele nur wenig. Von außerordentlicher Kraft sind die Betrachtungen, in denen Baeck die Autfassung des Judentums von der Seele de- Einzelnen zur Darstellung bringt. Nicht minder eindringlich haben Baeck, GUdemapn u. A. Bewefc-material gegen die Auffassung vom Judentum als einer national begrenzten Religion beigebracht und sein ernsthafte Belege für den Universalismus der jüdischen Lehre aufgezeigt. Ganz besonders nachdrücklich aber wurden geschichtliche Tatsachen dafür herangezogen, daß das Judentum eine rechl wirksame Sittenlehre hat, die dem Christentum au Höhe keineswegs nachsteht. Der Bergpredigt, auf die llarnack sich stützte, entsprechen in allen ihren Sitzen sittliche Forderungen 'jh'icher Höhe in Bibel und talmudischem Schrifttum, l ud nichl nur in der Lehre: es konnte auch darauf hingewiesen werden, welche bedeutsamen Zeugnisse sittlicher Höhe das jüdische Lehen aufwies und im Laufe der Jahrhunderte bewahrt hat. May es auch vergebliehe Mühe gewesen sein. Harnack selber durch dies,. Gegenschriften von der Irrigkeit seines Standpunktes zu überzeugen im Laufe der späteren Jahn' hat Harnack seine Ansichten der Lehre ..Allen Testamentes" gegenüber sogar erheblich

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