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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-06-27 · 26 (27.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Bette - GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer DER AXTEIL DER JUDEN AN DER GOETHEFORSCHUNG Von 8. Melsels (Wien). In diesen Tagen wurde Professor Dr. Friedrieh Gundoll 50 Jahre all. Der Heidelberger Literaturhistoriker (sein eigentlicher Name isi Qundeltinger) hal naeh einer Reibe in wissenschaftlichen Kreisen sehr beachteter Schriften, gani besonders durch sein ungewöhnlich kraftvolles Werk Uber „Goethe", seinen Namen weithin bekannt genweht. Sein erstes Meisterwerk, „Shakespeare und der deutsche Geist", das schon 8 Autlagen erreich! hat, bewies, wie eine Reihe von Shakespeare-Übertragungen, d;is besondere Gefühl Gundolfs [flr die Sprachform und das Verstehen für die Persönlichkeil dos Dichters. Die gleiche besondere Kraft hal auch seinem Goethe-Werk schnell höchste Schätzung verschafft Unvergessen bleibt die tragikomische Wirkung, die das Werk auf die deutschvölkischen Kreise ausgeübt hal Nach dem Erscheinen von Gundolfs „Goethe" jubelten die Deutschvölkischen, daß endlich einmal Goethe von einem wahren, echten Deutschen voll verstanden und gewürdigt sei. so wie es keiner d t sahireichen jüdischen Literaturhistoriker vermocht habe, sie winden dann recht kleinlaut, als sich herausstellte, daß der von ihnen so lau) gepriesene Gundoll der Sohn des jüdischen Darmstädter Hochschulprofessors Gundelflnger sei. — Aus Anlafi dieses Jubeltages dürften die nachfolgenden Betrachtungen über den Anteil der .luden au der Goethe-Forschung Interesse linden. Die Schriftleitung. Gleichlautend mit dem Geistesstrom Goethe zieht still und tiel ein Nebenfluß einher, der vom Hauptstrom gespeist wird, von den seinen Laut nimmt und zurück in ihn mündet: »ii«■ Goethe- Porsrhung. nie Goethe-Literatur, die sich zunächst als Anhang zu des Meisters Werken darstellt, hat sich in unsern Tagen zu einem gesonderten und eigenwertigen Fachgebiet entwickelt Die Goethe- Philologie i<t ein weitgedehnter Begriff geworden, ein Begriff, der Wortkenntnis, Literaturforschung und Lebensbeschreibung umfaßt; alle Fragen biographischer, kritischer, ästhetischer, literatur- und kulturgi schichtlicher Art sind in ihn Kreis ihrer Erörterungen mit einbezogen. Nirgends in der Literaturwissenschaft ist das Mail au Kenntnissen so voll gerütteil wie in den Schriften, die von Goethe und seinem Werk handeln. Goethe wird da in allen seinen Erscheinungsformen erfaßt und dem Verständnis nahegebracht. Die Lebens- Keschichte des Dichters wie die Geisteswell seiner Dichtung wird in leiner, gelassener Arl durchforsch! und beleuchtet. Die Goethe-Forschung i»t heute, wenn man will, mehr als eine Wissenschaft sie ist ein Wissen um Vieles, ja ein W issen um alles, was mit dein LoImmi und dem Lebenswerk des Olympiers zusammenhängt Sie gewährt Einblicke in die Gedankenwerkstat! des Schaffenden, in die Wortprägeanstall des Dichters, in die Erlebniswell des schöpferischen Geistes. Sie verzeichnet gewissenhaft das Wann. Wie und YV<> jeder geistigen und künstlerischen Leistung. Wir sehen, wie der Dichter schafft, wie er Ereignisse der Zeil ins Zeitlose überträgt und aus vorübergehenden Erlebnissen unvergängliche Dichtung gestaltet Der größte Vorzug der Goethe-Forschung besteht indessen darin, daß sie immer mehr uns dem engen Zunftkreis hinausstrebt; das Goethe- Schrifttum bietet heul,- jedem Gebildeten des Interessanten und Belehrenden die Fülle. Dei Ani. il dei Juden an der Goethe-Forschung ist groll, unbestreitbar uro';. Die Anzahl der .luden, die den Weg zu Goethe nicht nur mitschritten, sondern vielfach wegweisend vorausgingen, ist nicht gering. Das i>t um so weniger verwunderlich, als doch die Juden bekannterroaften von jeher für Goethe nichl nur Ehrfurcht und Bewunderung, sondern auch Hingabe und Verständnis in starkem Maße bekundeten. Es durfte sicherlich kein /.iifidl sein, dall das Wort „goethereif von einem Juden geprägt wurde. Auf dem Gebiete der Goethe-Forschung haben Juden Grundlegendes geleistet und manche neu.. Quelle erschlossen. In dieser Besiehung seinaufschlußreich ist ein tufsata von Robert Petseh: „Wege und Ziele der Goethe-Forschung'4, der die aoethe-Festsusgabe des Bibliographischen Instituts einleitet. Darin macht der Verfasser den Versuch, den bisher zurückgelegten Weg der Goethe-Forschung klar und übersichtlich abzumessen und Ihre Zielrichtung zu bestimmen. Petseh zeichnet die Entwicklung der Goethe-Forschung nur im Umriß und führt hauptsächlich diejenigen Literarhistoriker und Philologen an, die der Goelhi Forschung neue Wege uml Ziele wiesen. Und da zeigt es sich, dal luden mit unter den ersten waren, die den Grundstein zur moderne Goethe-Forschung gelegt haben. W'erivolle Bausteine zur Goethe-Forschung lieferte Michael Bei nays. der als der eigentliche Begründer der historisch-philologischei Methode angesprochen werden darf. Bernays veröffentlichte; „Obei Kritik und Geschichte des Goetheschen Textes". ..Briefe Goethes ai Friedrich Augusl Wolf, und ..Das Leben Goethes" (erschienen in de. Allgemeinen Deutschen. Biographie). Sein Hauptwerk: ..Der jungi Goethe" wird von allen Fachgelehrten als hervorragende Leistuni gepriesen; Petseh nennt es ..den vielversprechenden Vorläufer elnei großen Goethe-Ausgabe". Von ganz, anderer Art war die Methode, die Albert Bielschowsky in seinem epochemachenden und heute noch stark verbreiteten Werke: „Goethe, sein Leben und seine Werke anwandle. Der Hauptwert des Buches „lag in der (freilich nicht inline, gleich erfolgreich) durchgeführten, aber immer sehr wirksamen, Iiis weilen künstlerischen Analyse der einzelnen Dichtungen nach ihrem Erlebnisgehall und ihrer äußeren Form", Unter den Goethe-Forschern linden wir au hervorragender Stelle Ludwig Geiger, Sein Verdienst um die Goethe-Forschung ist unbe stritten. Volle _»:t Jahre leitete Geiger das von ihm 1880 begründete „Goethe-Jahrbuch", das dann als „Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft" fortgeführt wurde. Geiger hat als Herausgeber von Goethe-Werken wie als Verfasser zahlreicher Goethe-Schriften überaus nützliche Ar bei! geleistet Mit Umsicht und Sachkenntnis besorgte er eine Aus gäbe von Goethes Werken in III Bänden (tSS(l): lerner gab er heraus Goethes Gespräche mit Eckermann, Briefwechsel zwischen Goethe und /elter. Goethes Italienische Reise (Jubiläumsausgabe) und Goethe« Brietwechsel mit den Brüdern Humboldt, Von seinen Goethe-Schriften wären zu nennen: ..Aus All-Weimar". „Goethe in Frankfurt 1797", „Goethe und die Seinen". „Goethes Leben und Schaffen", und schließlich auch der einleitende Band zu Nesses Uoethe-Ausgabe. Geiger hal wirklich ..mit unbeirrbarer Sorgfall Steinchen auf Steinchen" gehäuft und damit Vorarbeit geleistet, die heute die Goethe-Forschunii nicht entbehren kann. Um die Goethe-Forschung hat sich auch Richard M. Meyer mit seinem Goethe-Buch verdient gemacht Petseh rühml die ungeheure Belesenheil und die blendende Kombinationsgabe Meyers, der an allen schwierigen Punkten Parallelen aus der deut sehen oder ausländischen Literatur heranzuziehen verstand. Kim- Vertiefung der allgemeinen Goethe-Kenntnis förderte auch Georg Wil i.owski mit seiner gediegenen Goethe-Biographie. Als ein Wortführer neuer wissenschaftlicher Richtung auf dem Gebiete der Goethe-Forschung ist vor allen andern Georg Simmel zu nennen. Simmeis „Goethe" ist keim- Biographie, sondern ein psychologischer Versuch, die lebendige Persönlichkeil Goethes von innen zu erfassen. Simmels Goethe-Buch handelt von den Werten des Goetheschen Lebens; er versucht, die mit allen Zaubersäften der Natui und <les Lebens getränkte Krafterscheinung Goethe im Spiegel seines Werkes zu betrachten und umgekehrt das Werk durch das Medium seiner Persönlichkeit zu erschließen. Dem Philosophen Simmel würdig /ur Seile steht der Literaturforscher Friedrich Gundolf. Seinen „Goethe" nenn) Robert Petseh danach Einstellung und Methode eigenartigste und geschichtlich bedeutsamste Goethe-Buch der Gegenwart. ..Die tiefe und wesentliche Einheitlichkeit, die Goethes Schöp hingen, ja alle seine Äußerungen durchdringt, die dämonische Un entrinnbarkeit mit der hier geprägte Form sich lebend entwickelt, sie ist nie zuvor mit solcher Kraft uml Klarheit herausgearbeitet wollten wie bei Gundolf. Sein Werk hat die Literaturwissenschaft aul einen neuen Boden gestellt und eine neue Sonne über ihr aufleuchten lassen, in deren Schein sie sich ganz von neuem über die Zusammenhänge von Geschichte und Leben, Schöpfer und Werk. Dichtung und Sprache unterrichten muß." Ein Goethe-Deuter von eigener Kraft isl Emil Ludwig, dessen Buch: „Goethe, Geschichte eines Menschen" ein, l 'bendige Anschauung von dem deutschen Dichterfürsten vermittelt

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