Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« l GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer wie ein schwachsinniger Greis!... I>as sind nichl Gebete, Das sind hysterische Geißlerschreie. Wer sie Kindern zuraunt, macht sie tu Krüppeln der Seele und des Gelates. Er macht eie tu Paychopathen, zu Verirrten und Geduckten. Geaundea Volkstum ist der unversiegllche Quell nationaler Würde, die nichl an Utopien sich berauscht, die sich nichl einschüchtern läßt, 'Ii«' nichl Geapenater fürchtet, sondern die Aufrerhlerhaltung ist, das stolie Bewußtsein der Unbrechbarkell in jedem Schicksalrsturm, Bewußtsein dea Widerstandes und der Energie die niemand betrugen konnte, »ii<- niemand verraten kann... Ei uil>l kein Wort in um 'rer Sprache, das dies Verbrechen an deutschen Kindern deutschen Seelen, deutschem Zukunftswillen bezeichnet. Ks ist nichl Landesverrat, es isl Schlim.....res: ea isl Nationalverrat. Verrat an der Volkskraft. Verrat am Volkstum. Dr. Müller -Claudius schließt: Deutsche Politiker, Juristen, Ersieh >r, wachl auf aus allzulanger Lethargie. Schütxl den nationalen Gehall der Reichsverfasaung negen den Frevel an gesunden Kinder Beelen! Der Centrai-Verein soll mit seinen Kundgebungen nicht allein bleiben Was in Thüringen geschieht, ist vielleicht Au st In Ii dea Antisemitismus; im Z i e I isl es ge»en den Pulsschluu der gHsligen Gesundheit unseres Volkstums Oberhaupt gerichtet. Alle deutschen Renschen und Künde, denen Aufbauwille und Nationalehre mehr siml ■ - hingworte, alle, die sie psychologisch und biologisch begreifen, sind berufen und verpflichtet, ollen beim Namen zu nennen, was in \\ eintar geschieht. Die Thüringische Judenheil manifestiert gegen Frick* Ungeist. Der Landesverband Thüringen des Central-Ver ein> deutscher Staatsbürger Jüdischen Glauben veranstaltete am 15. Juni in E.isenach eine Protestkund gebung gegen die Beschimpfungen der deutschen und Ihürii sehen Juden durch den Staatsminister Dr. Frick. Die Kundgebung, die unter dem Melle: „Der alte und der neue Geist von Weimar" stand war uns allen Teilen Thüringens überaus stark besucht, der Su d war überfüllt. Fabrikbesitzer Heinemann-Meiningen leitete die Versamm lung. Der stellvertretende Vorsitzende des Centrnl-Vereins R.-A. Dr. Bruno Weil Berlin verglich den Geist der Goetheseit, der ein (leist des Weltbürgertums, der Tolerani und der Achtung des Nebenm< nschen war, mit dem gegenwärtigen Regime Fricks. Die deutschen Juden, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte die Gleichberechtigung erkämpf! hätten, seien nichl gesonnen, die Angriffe des Herrn Frick wehrlos und ohne Protest hinzunehmen, Der Versuch, die .luden und die jüdische Glaubensgemeinschaft als außerhalb der Gesetze stehend zu stempeln, werde an dem geschlossenen Widerstand der deutschen Juden zerschellen. Indem aber diese zum Protest gegen Frick auf rufen, handeln sie nichl nur in eigener Sache. Sie rufen zu Hunde? genossen alle die auf, denen an der Erhaltung des gegenwärtigen Staates gelegen ist. alle die, die der Meinung sind, daß ein modernes Staatswesen nur vom Gesichtapunkl der Gleichberechtigung uns existieren und sich Kaue, und Ansehen im Rai der Völker sichern kann. Darüber hinaus aber sei es gerade angesichts der großen deutschen Minderheiten, die zerstreut in fremden Staaten Europas leben, eine besondere politische Torheit, den Grundsatz zu verfechten, ßlutzugehörigkeit sei für den Aufbau des Staates entscheidend. Mit «reichem Recht wollten dann die Deutschen In der Tschechoslowakei, In Ungarn, in Polen den Anspruch vertreten an der Führung der Geachieke dea Staates mitwirken zu dürfen. Herr Frick, der sich zunächst nicht gescheut hat. offen auszusprechen, daß die Haßgebete gegen den jüdischen Volksteil in Europa, gerichtet seien, habe nachher Angst vor seiner eigenen Courage bekommen und zunächst in halber Form die einmal ausgesprochene Torheit zu dementieren versucht. Die thüringische Gesamtregierung habe ihn dann aber noch übertrumpft, indem sie seine Aeußerung als „offensichtlich erkennbare Ironie" bezeichnet bitte, Dr. Weil erinnerte an die sarkastische Definition der Ironie, die Heinrich Heine gegeben bat, wonach 'Ii.- Ironie eine Erfindung der Berliner sei. dazu gemacht, um bei Jeder Gelegenheit, l»-i der eine kapitale Dummheit geschehen ist, erklären zu können, daß es gar keine Dummheit, sondern ..Ironie" gewesen sei. Die deutschen .luden erinnern die verfassungsmäßig bestellten Hüter der Gleichberechtigung, den Reichs- Innenminister um! schließlich auch den Reichspräsidenten, au ihre Pflichten. \ueh Reichspräsident Kliert habe in den Fällen, in denen Landesregierungen sich in offensichtlichen Widersprach zu der Reichaverfassung gestelll hallen die Autorität des Reichs zu wahren gewußt. Wenn der Reichsinnenminister niebl die Kraft aufbringen werde, der offensichtlichen Verhöhnung und Verächtlichmachung der Reicbsautoritäl durch die thüringische Regierung energisch Halt zu gebieten, so bleibe der Reichspräsident als letzte Instanz gegen Olw griffe und llaßexzesse, zumal gerade Hindenburg den Gedanken d Einheil des deutschen Volkes immer erneul betont habe, Die de sehen .luden lassen sich BUCh nicht durch die Angriffe des Hei Frick, auch nichl durch die Lehrmeinungen des gegen den Willi i der Universität zum Professor gemachten Rasseforschers Dr. Gttnth vom geraden Weg der Pflichterfüllung und der vaterländischen l're abbringen. Aber sie fordern energisch, daß mit dem thüringisch spuk, der Deutschland vor Europa und der Well lächerlich zu mach, drohe, jetzt endlich und gründlich aufgeräumt werde. Der zweite Redner. R.-A. Dr. B 1 ü t h - Eisenach, sprach als Iii ringer von der V e r h u n <l e n heil d e r l Ii ii r i n g i s c Ii e n .1 den mit iiireu Volksgenossen und von ihrem liefen R dauern, daß das schöne l.and Thüringen zum Tummelplatz völkisch Elemente geworden sei. Es sei bezeichnend, daß man sich ein Hävern nach Thüringen habe holen müssen, um nationalsozialistisrl Politik zu machen. Die Thüringer .luden protestieren einmütig geg die Sonderbehandlung, gegen die Haßgebete, gegen die Bemühun ein Schüchtverbol einzuführen. Auch die Verwaltungsmaßnahmen zi Erschwerung der Einbürgerungen seien lediglich aus judcnfeindlicln Motiven geboren. Dr.Blüth riel den thüringischen Mitgliedern di Central-Vereins zu, sich nicht entmutigen zu lassen. Er sei der fesle Oberzeugung, daß auch die völkischen Wellen sich brechen werdei Der stellvertretende Syndikus des Central-Vereins, Dr. Hu R >• i ,• h m a n u - Herlin. setzte sich mil dem Nationalsozialismus al Idee auseinander. Diese Auseinandersetzung sei schwer, weil ein indeutige ld......ichl zu finden sei. Die Na t i o na I soz i 11 I i s I 1 seien geschickte P r 0 p a \> a 11 d i st e n . d i e d 1 e N 0 I d e Zeil ausheulen, um parteipolitische Geschäfte zu machen Sil gebürdeten sich nationalistisch, um die Jugend zu gewinnen. Es se bezeichnend, daß die Führer des neuen Nationalismus, Männer wi i'ünger und Schauwecker, (in den kleinbürgerlichen Parteibetrieb de herrn Hitler nur ein Lächeln übrig haben, l ud ebenso sei der denn trogisehe Kniff des Nationalsozialismus, sich zu einem Sozialismus' / bekennen, gerade in letzter Zeil von Kapitän Ehrhardt, als Betrug gi brandmarkt werden. In einem Punkte aber seien die Nationalsozia Ii ten klar: das ist ihr Judenhaß und die Judenhetze, die sie durch da: tragen. Dieser Judenhaß basiert auf der völkischen Rasse-Idei u 1 auf dem Grandsatz, daß Staatsbürger nur sein kann, wer Volks genösse sei. daß aber Volksgenosse nur sei. wer deutschblütig se Bisher habe man verschwiegen, wie man ..deutsche Blutzugehörigkeil I ststellen welle. Jetzt werde aber der Kniwurf eines Rassengesetze. II dei nationalsozialistischen Presse besprochen, wonach ein anthro pologisches Gutachten vor Verleihung des staatshürüerrechles ein/.u holen sei. Dieses Gutachten sollte feststellen, ob jemand als deutsch blütig gelten kenne. Der Redner erinnerte daran, daß ein solche Gutachten vor Jahren von dem alldeutschen Rassehygii r.iker Professoi von Graber über den Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler ab gegeben wurde, daß aber dieses Gutachten vernichtend ausgefallen sei. Graber bezeichnete Hitler als einen Mann von schlechter Rasse als einen Mischline. Wenn die völkische Wahnidee in der praktischen Politik sich hätte Geltung verschaffen kennen, dann wäre z. B. di< oherachleaiache Abstimmung mil Erfolg nicht durchzuführen gewesen In Oberschlesien sei man nicht mit dem Schädelmeßapparal herum geganzen und habe auch nicht in Reagenzgläsern das Blut der Ab Btimmungsberechtigten geprüft, sondern man habe an den Willen jedes Oberschleslers appelliert, sich zum Deutachtum zu bekennen Hier habe die Praxis die volkshildende Krall des Willens bewiesen Die de utschen •holen fühlen sich nichl art- und Volksfremd. Wenn allerdings die Brutalität und Gesinnungsroheit, die das Charakteristi kuin der nationalsozialistischen Propaganda sei. als deutsches Wesen ei lten sollte, dann würde mit den deutschen Juden die überwiegende Masse des deutschen Volkea art- und volksfremd sein. Rechtaanw. Dr. Freudenthal-Erfurt, der Vorsitzende des l.andesverliandes Thüringen des Central-Vereins, faßte die Protesterklärung zusammen und appellierte au die thüringischen .luden, den Kampf ums Recht weiter zu führen. Die Versammlung nahm folgende Entschließung an: „Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen .luden isl das Ergebnis eines mehr als 100 Jahre langen Emanzipatiotis kampfes, das durch selbstherrliche Willkürakte der Minister oder der Regierung eines einzelnen Landes in keiner Weise gemindert oder vernichtet werden kann Die Maßnahmen des nationalsozialistischen thüringischen Innenministers werden die thüringischen .luden auch in Zukunft nicht daran hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Aber