Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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i Bemeinö cWatt I ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MErl N DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! GoBlfilndfiMlH fTsiiielnl jeden frcitag und uinl Mtl gliedern der H e11ui<>nsj>rnieindr unriil^rll 1 iili di die Poet nwettelll - Schrlftleltunfi H'imlcrabblnrr (iustav Colin, Leipzig l.ohrstratir 10 NUMMER 24 / JAHRGANG 6 FREITAG 1t» JUNI IDIO Aii/xipcnvrrHaltiin^ und Druik: Hiididriio\t'rt*l Aujxusl Pries. Letarig, liriidrrsir. 59 - Irrnruf 70006 - Poet- KÜU'tk l.Hp/.l« 53920 - Nadidrmk nur mit QueUeit- -in^.ihe und mit (•curhmlKung des Vrrlassrrs utstatti'l SIEDLUNG TUT NOT Von Prof. I ran/. Oppenheimer. In einer öffentlichen Kundgebung, die der „Relchshund für jüdische Siedlung" vor kurzem in Herlin veranstaltete, im rhic der berühmte V o I k s w i r t a c Ii ■ f 11 e r l' r o f. Frans Oppen hei nie r liedcutaame Auanihrungeti. Dureh freundliches (Entgegenkommen "Ii-; IMS. sind wir in der Lage, den nur wenig gekürzten Wortlaut den Vortrages zu veröffentlichen. Nähere Information n!• n Ober die Prägen der jüdischen Hiedlungsbcwcgung Ii Ii ii ii i' n Ii i' i in \l <■ i c h s Ii m n il I' ii i' .i ii il i s I- Ii e Siedlung in Deutschland, Berlin W IT.. Kur rilrstendainin 200 e i n g o holt « e r 'I <■ n. Die Bcbriftl. Als ich vnr nunmehr 36 Jahren diese Forderung stellte und begründete, land ich kaum ein Echo. Heute aber ist diese Forderung samt Ihrer Begründung der Gemeinbesitz schlechthin aller Kreise, aller Partelen dea Volkea geworden. Der jetzige Präsident Reichsbank, «Irr IrOhere Reichskanzler Luther, hat nur der allgl leinen Oberaeugung Auadruck gegeben, als er das Wort prikgte: Siedlung ist nicht eine, sondern dir Forderung der Stunde." Sil lial allen anderen Aufgaben voranzustellen, nicht nur allen Wer ki II der reinen Wohlfahrt, sondern sogar allen denen der wirklichen kswirtaehattapolltik. Niehls kann verkehrler rein, als diese Iteslreiu einer Linie mit den Unternehmungen der Wohlfahrt, der 1 ritas, der Philanthropie zu verwechseln: sie ist nicht darauf hinaus. ei izeinen leidenden Menschen emporzuhelfen, sondern sie w ill die i nzhell emporheben, und zwar als die allerwichtigste, vielleicht ar alt die ei neige aller volkswirtschaftlichen Maßnahmen, die wirk I' i dem großen ("bei unserer Zeit an die Wurzel geht, l ud eben diesem Grunde vor allen anderen den Vorrang hat. lie hier waltenden Zusammenhange sind in der letzten Zeit in der ntlichkeil so od und so eindringlich dargestellt worden, daß ich Ii mit den kürzesten Andeutungen bescheiden kann. Das Übel lerer Zeit ist dl e u n g e Ii e u re Verstad111 c Ii u n g i Bevölkerung. Das bedeutet eine schwere Störung des iirlichen Gleichgewicht» der Volkswirtschaft, Die Produktivkrafl Industrie wichst ins Ungeheure, während die Kaufkraft des 'blandes kaum zunimmt, vielfach sogar zurückgeht. Die Folge der schwere iiruck aul die Preisgestaltung und RenlabiliUll dei lustrie, die Not, den im Inlande nicht absetzbaren Oberschuß ins -land abzustoßen, der Kanipl um den Weltmarkt, wo die deutschen werbe mit den von der gleichen Not bedrängten Gewerben der deren Länder sich um den Absatz raufen müssen, der Immer mehr isehrumpft, sind die schweren Depressionen, die «eitwelllg in echten isen explodieren und die Saalfelder der Arbeit verwüsten. Das di ■ Ansicht dieser Gleichgewichtsstörung von der Seile der Unterhmer her. Ebenso arg wirkt sie auf die Arbeiterscbafl. Sie vermlilet die ungeheure, bisher nie erhörte Arbeitslosigkeit; nach <l •' III II e i c h s a r be i t 8 Uli M i sie r Steuer w a I d III U II D e u t s c h la n d Ii e u l e 4,2 M i 11 i o n e n Arbeitslos e u n l e rs t ü I /. e ii. I a s I e i n e M 111 i o ii m e Ii r a I s d i e Ii e s c h ii d i g I e n des letzt e II . des für C Ii llllll'sl e Ii all e r K r i e g e. Unter diesen Umständen kann die Industrie die Löhne nicht zahlen, die sie nicht nur aus Menschlichkeit, sondern im ureigensten Interesse gern zahlen winde, weil ja jede Lohnerhöhung eine entsprechend vermehrte Kaulkraft des Binnenmarktes gerade für die Gewerbeerzeugnisse bedeutet: denn mit Lebensmitteln sind unsere Arbeiter ja zum Glück einigermaßen versorgt. Ferner bedeutet diese Gleichgewichtsstörung eine immer wachsende Oberfüllung der Großstädte, die an sich schon längst in jeder Beziehung ausgesprochen krankhafte Gebilde geworden sind. Stätten der Entfernung von der Natur und damit der Unnatur, Brutstätten der Krankheit, der Unsittlichkeit, des Verbrechens, der politischen Oberreizung. Das Problem der Woh ii u ngstür sorge für diese großstädtischen Massen erweist sich als unlösbar, so lange die Massenein Wanderung in sie fortdauert. Die Großstädte macheu verzweifelte Anstrengungen bis au die Grenze, ja bis über die Grenze ihrer Kraft, um durch massenhafte Neubauten Abhilfe zu schaffen, und es gelingt ihnen kaum, auch nur soviel neuen Wohnraum herzustellen, wie für den Zuwachs ihrer Bevölkerung ausreicht: kein Gedanke daran, das bestehende, seil Jahrzehnten eingewurzelte (Miel ernstlich anzufassen. Dadurch wird das Einkommen der unteren Klassen, nicht nur der Arbeiter, sondern auch der unteren und mittleren Mittelschichten, noch einmal stark gekürzt, weil sich unter diesen Umständen unerbittlich ein Monopol der städtischen Grund- und Hausbesitzer einstellen muH. das die Mieten für Wohnungen, Werkstätten und Laden hoch über ihren natürlichen Preis emportreibt. Das sind in den gröbsten Zügen die Hauptsymptome der sozialen Traue für die städtische Bevölkerung. Was die landwirtschaftliche anbelangt, so gedeihl heule im allgemeinen nur der kleinere und mittlere Bauer und der Gärtner, oder halt sich doch wenigstens in der schweren Ungunst dieser Zeil. Aber die größeren Besitzer, vor allem die Großgrundbesitzer des Nordostens sind verloren, wenn ihnen der Staat nicht mit ungeheuren Opfern der Allgemeinheit zu Hilfe kommt, und ich persönlich bin sogar davon überzeugt, daß alle diese Hilfe ihnen bestenfalls eine Atempause, aber niemals die wirkliche Rettung bringen wird. Was sie allein reiten kann, wäre der Obergang zu höherer Intensität ihrer Wirtschaft, zur Erzeugung veredelter Produkte mit den besten Methoden der Technik und der Kaufmannschaft, alier diesen Weg können sie nicht beschreiten, weil ihnen die gleichen Arbeitskräfte fehlen, die die Grundeigentumsverfassung zur Fortwanderung gezwungen hat.