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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-05-09 · 19 (9.5.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
19 (9.5.1930)
Date
1930-05-09
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN IiK1.1 (iIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer i KAMPF DES STAATES GEGEN DIE LUGE Von C o n i t a n 11 n Ii r u n n e r. Im Verlage von Gustav Kiepenheuer (Potsdam), eracheinl demnächst ein neuea Werk von Consta n t i u Brunner; Von den Pflichten der .1 ii «l n ii n <l n.iii den Pflichten dea Staates. Durch freundliches Entgegenkommen lies Verlages mimI wir In <Iit Lage, schon beute ein BtOck au> dem Werke zu veröffentlichen. Wir werden nach ili'in Erscheinen des Buches nochmals darauf einzugehen haben. Die Schriftleitung. t^v ie Emanzipation der Juden hängt ab von der fortschreitenden YJ Emanzipation dea Staates, ist ein Teil von ihr. si.' liiiii sich niclii ganz und gar nur rational und mechanisch leiten, und die Gegensätzlichkeil gegen die jüdischen Staatsbürger ist so wenig zu beseitigen wie die Gegensätzlichkeiten unter den übrigen Staatsbürgern: der streit der Parteien, der Klassen, der Berufsarten, der Familien, der Individuen. Bs kann nichl die Autgabe dos Staates sein, so wenig wie der Well ihren Charakter der Bewegung zu nehmen, ebensowenig dem durch das Game auch des Menschenwesens hindurchgehenden Kampf zu wehren, die Egoisten ihres egoistisch unbändigen Charakters iu entkleiden und sie von ihrer Rangerhöhung durch ihren Hochmut und ihre Verachtung andrer abiubringen. Der Staal ist nicht der Kampf gegen die Menschennatur. dafi es mit dieser aus oder anders werde, sondern der Kampf mit der Menschennatur. sie, wie sie ist. zu bändigen; und dies ist seine Aufgabe: alle die egoistischen und egoistisch unbändigen Staatsbürger der verschiedensten Art, so weil nur irgend möglich, in der Rechtsgemeinschaft, in der Rechtsfähigkeil und ungeschmälerten Rechtsgleichheil zu halten. Und die Emanzipation der .luden betreffend, so ist der staut ohnmächtig, aul einen Schlag alle Hindernisse zu beseitigen, die sich ergeben im allgemeinen aus den unbändigen Naturen der egoistischen Staatsbürger, welche den allen Menschen natürlichen Egoismus den .luden Bichl zulassen Wullen und diesen Egoismus bei den .luden mit den unfliitigsten Schimpfwörtern belegen, oder aus der besonderen politischen und bürgerlichen l'nreife der Nation, hier noch obendrein gesteigert dadurch, dafi sie interferiert mit einem Wahne, gegen den Widerspruch sich ohnmächtig erweist'), K. in Verfolgungswahn des einzelnen, Wahn verfolgt zu werden, ist beilbar durch Widerspruch der Vernunft: ebensowenig solch ein allgemeiner Verfolgungswahn, Wahn verfolgen zu müssen, den man mit menschenfreundlicher Überzeugung gleichfalls pathologisch nennen mufi. Die Vernunft, das Hecht, der Staat kann da nichts erwarten. Der Staal kann die SelbstenuMlSipation der .luden erwarten, ihre Selbstloslassung von der Knechtschaft durch ihren Wahn und ihr Siehselber-wieder-Aufrichten von den Nachwirkungen des dem Menschen widernatürlichen Druckes: die Selbstemanzipation der Nicht judon von ihrem Unrecht gegen die .luden steht, wie schon gesagt, kaum zu erwarten, gani gewifl aber Steigerung dieses l'nrechts. so lang es erlaubt i-t. einigermaßen ungestraft begangen werden kann und für gar nicht wenige, nicht zuletzt für am Mali schmarotzende Schreiberlinge, sojjar zu . ine.....inträgliehen Geschäft wird. Der Judenhafi ist ja jetzt in diese neue, besonders gefährliche Phase eingetreten, dafi er was eiuträut und dafi Lügen und Fälschen in seinem Dienste ein ganz gutes lirot gibt. Tuek, Tuck, kommt alle her, wo was zu haben ist! — Der fortgesetzte Druck des Unrechts und die Versuche zu seiner Steigerung mitsamt dein Wahn des vermeintlichen Hechts, wozu sie. in ihrem Wahn, ungezählte Anlässe und Beweise finden (ich spreche hier nicht zu solchen, denen nur der einzelne Wahnkranke Eindruck macht. Millionen Wahnkranke aber kou......D ihnen überhaupt nicht krank vor) — das alle« kann nur allmählich naehlasaen unter der beständig fortgeführten Arbeil an der Emanzipation seitens der Regie- 'i i b. r den Wert dieser Schimpfwörter, vielmehr ihren völligen Unwert kann gerade ein deutscher Judenhasser sich unmöglich länger , täuschen, sobald er vom Deutachenhafi in der Well erfahren hat (vgl. „Deutschenhaß, Judenhafi und Judenhafi der Deutschen" und ..Der Judenhafi und die .luden" - so könnte meinen, wer den Matt nicht kennt und nicht die mit dem Mali verbundene Denkunfähigkeitl rungen. wenn die allgemeinen Verhältnisse gebessert und die Intel essen der Allgemeinheit auf andres, hoffentlich von wesentlicheren Nutzen und größerer Schönheil gelenkt sich linden. Vorerst nocl müssen die Regierungen beibleiben, dürfen auf ihren wahrlich immer hin mitbestimmenden rationalen Auteil keineswegs Verzicht tun un. müssen vor allem denn klar werden, worin dieser Anteil und Binflul besteht. Der Staat schreite fort in seiner Emanzipation, werde immer mein Rechtsstaat mit (Sesetzen, die feststehen, wie die Berge Gottes, gegei Gewalt Und List; der Staat sei für all e Staats b ii r g e r g e g e i alle der Damm, an keiner einzigen Stelle zu durchbrechen (sonst is er bald kein Damm mehr, für keinen): er lasse nicht Spott treiben mit dem Recht und sich nicht die Augen verkleben weder durch Trug nocl Schein, »obnhre selber mit schnurgerader, ungesehnilzter Rede und Redlichkeil und nehme dem durch alles Recht sich durch bohrenden durch schnatternden und des Staates Kraft und Einheil bedrohenden Mittel des Unrechts, der Lüge, die Freiheit des Wirkens, bevor es aus den Idealen und arkadischen Träumen des Unrechts zu seinen male Hellen Erscheinungen kommt: er beschränke das öffentliche gedruckte und nach Möglichkeit auch das ungedruckte Lügen der Parteipolitikanlen. die gänzlich unpolitisch, unstaatlich, un vaterländisch rein pri vatmenschtierisch einander bekämpfen; er dulde nicht die organisierte Lüge und Verleumdung, wie sie auch Namen habe, welche darauf aus ist, die (iesetze dem Unrecht dienstbar zu machen, und sorye, dal.t die Prefifreiheit, nachdem sie die Tyrannen gestürzt bat, nicht die Tyrannei der Lüge auf den Thron erhebe: er ziehe die Redner zur Rechenschaft, zwar nicht für jedes unnütze, aber für jedes schädliche Wort der Bosheit und Metze und verweigere sich nicht seiner Aufgabe, die ahnungslosen Staatsbürger der sämtlichen Parteien aufzuklären über ihre ihnen angeborene und angeerbte Lügenhaftigkeit, über das furchtbare Element des Lügens in der menschlichen Natur. Mit welchem allen der Staat keineswegs die Parteien an der Vertretung ihrer verschiedenen Interessen und am Kampf für ihre Anschauungen und Ideale hindern. sie vielmehr darin fördern, i n d e r N a t i o n a b e r d a s (i e f ü h I für d i e N o t w e n d i g k e i t hier dringend erforderlicher (iesetze stärken und die Na t iou für d i e A usführung dieser 0ese11e reit mach en wird: denn ohne dies baut dumme Beglückungsgewall (iesetze in die Luft, da es. Iiier wie überall, für den gegenständlichen Inhalt des Denkers ankommt auf das Zuständliche derer, die ihn denken sollen. In jedem Mause wird von jedem Kinde Wahrhaftigkeit Verlane! als seine vornehmste Pflicht und Lügen auf das ernsteste bestraft: denn das Lügen ist unbestritten unsre natürlich-widernatürliche menschliche Schlechtigkeit, von allen Menschen, von allen Lügnern selbst dafür erkannt (so nehme ich hier die l.üge als Schlechtigkeit, wie sie von allen Menschen bezeichnet wird), und in unsrer Kultur ist jedes l'nrechts Anfang, Mitte und finde die Lügel Da nun die Erwachsenen in der Wahrhaftigkeit vor den Kindern wahrlich nichts voraus zu haben pflegen, so erhellt sich die frage, ob man denn nicht entweder die Kinder Ungestraft soll lügen lassen oder auch die Erwachsenen bestrafen muß? Ich will nicht antworten, dafi die Erwachsenen aufhören sollen, die Kinder für das Lügen zu strafen; aber ich kann nicht dagegen streiten, wenn man dieses Tun der Erwachsenen höchst absurd, empörend unsittlich und echt „moralisch" nennt, da das Lügen der bestraften Kinder eine schneeweiße Tugend erscheint, verglichen mit dem Lügen der die Kinder für ihr Lügen strafenden Erwachsenen. Diese lügen nämlich nicht aliein natürlich mutatis mutandia immer noch selber in der gleichen Art. wie sie gelogen hatten, da sie noch Kimler waren (die dafür erhaltenen Strafen haben sie nicht gebessert), sondern obendrein durch geselliges Lügen und viele von ihnen durch demagogisches Lügen; wovon die Kinder aus sich selbst noch frei sind, wozu sie erst neuerdings durch die Erwachsenen — vielfach bereits mit Erfolg - angetrieben werden. Und wie denn die

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