Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 17 (25.4.1930)
- Date
- 1930-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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taieuiö ebktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Ccmrindcbliill t-radit-int |ed«a Iri-ila« und wird j den Mitgllcdt-rn di-r KrllKliinsftcim-indr iimiilucllllih : durdi dir Päd MAl - Schrlltlcllunii: j Cirmrlndrrabbinrr Cusluv Cohn, Leipzig, LöhrstraB«-10 NUMMER 17 / JAHRGANG 6 FREITAG 25»APRIL lOiO AiuoiccnverwAUunfl und Drmk: Buchd ruckerei AtwuM Pries, Leimig, BrOoentr. 59 - PcrnnU 70006 - ratsdirtk LnpriR 53920 - Nachdruck nur mit QucUenausübt* und um (•«'nrlHtii^iing des \ er hisse rs jjrst.itlct EIN WUNDER PUNKT Von Rabbiner Dr. Felix (Jnhlinann. Für jeden Menschen kommt einmal der Augenblick, da er seine Unkenntnis in jüdischen Dingen beklagt ,,.la, bitten wir nur unten Religionsunterricht gehabt!" Und es folgt eine Schilderung des Religionslehrers und der Religionsabende, über die insbesondere die Kinder sich fast krank Indien! So ungeschickt und unfähig war der Mann, so lächerlich und zeitverschwenderisch die Institution! Ich Fürchte, dal.) das Geschlecht von heute einmal genau dasselbe sagen wird. Insofern wenigstens, als auch ihm die Kenntnisse fehlen «erden! Wahrscheinlich wird es dann auch sich über den Religionslehrer und den Unterricht ereifern oder lustig machen. Denn ein Sündenbock muU sein! Aber daß es nur wider besseres Wissen sich von der Schuld wird reinwaschen können, und dali es in Wahrheil nur die Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit des Elternhauses ist, die dem Jungen Geschlechte die Möglichkeit des Lernens verwehrt, mufl offen BUSgesprOChen werden. Zunächst die Tatsachen! Die Gemeinde als Institution tut ihre Pflicht. In allen Stadtteilen gibt es Religionsschulen; der Orthodoxe und der Liberale Andel die seiner Anschauung entsprechenden Unterrichtsstätten. für jedes Lebensalter, vom Eintritt in das schulpflichtige Alter bis /um Abiturientenexamen ist gesorgt, Gemeindeverwaltung, Itabbiner und Rcligionslehrer sind unablässig bemüht, den Unterricht zu verbessern und auszubauen. Aber die Zahlen des Besn c ha s i n <l b e sc h ü m e n d I Etwa 1850 jüdische Schulkinder gibt es in Leipsig, nur 1174 sind Jedoch im jüdischen Religionsunterricht Das sind wohkjexthlte 08,5%, also noch nicht einmal zwei Drittel. Zieht man aber in der durchaus gerechtfertigten Annahme, dali Kinder aus orthodoxen Häusern fast alle einen Religionsunterricht erhalten, die Schüler der Höheren Israelitischen Schule (854), der ReligioUSehule II (206) und der Aha was Thora- Schule (10!») al>, so entfallen auf 1JS7 Kinder nur 611 Besucher des Religionsunterrichts. Mit dürren Worten ausgedrückt bedeutet diese Zahl, dal! von den nIchtor1hodoxen Teilen der QemeindeangehOrigen noch nicht einmal die Hälfte der K i ii d e r e i n e u Religionsunterrl c h t I) e s u c h e n! Die Verhältnisse gestalten sich um so trostloser, je älter die Schüler werden. Wlhrend von den kleineren Schülern ein Immerhin noch erheblicherer Teil religiöse Unterweisung erhüll, hört dies nach dem 18. Lebensjahre fast vollständig auf. V o n d e n im fO rtb11dungssehulflhigen Alter steh e n d e u Sc h ü lern u u d Schülerinnen nehmen noch nicht 80% am Unterricht teil. Wlhrend von den christlichen Schülern der höheren Schulen noch immer etwa 05% im Religionsunterriehl sind und auch bei den VolksschOlern die Zahl der Teilnehmer 80% erreicht, ist dem jüdischen Religionsunterricht eine nur geringe Einwirkungsmöglichkeit gegeben. Das Bedauerliche ist dabei, dali es sich nicht nur um die Gleichgültigen und die der Religion Entfremdeten handelt. Viele •luden, die grollen Werl auf ihre Religionssugehörigkeit legen, die sogar vom stolz auf ihr Judentum oft und gern reden, halten es nicht für nötig, ihre Kinder zum Religionsunterricht zu senden: und selbst unter denen, die im Ehrendienste der Gemeinde stehen, ist die Oberseugung von seiner Notwendigkeit nicht überall verbreitet. Insbesondere ist in vielen Kreisen der Obelstand eingerissen, die Kinder nach der Vollendung des 18. Lebensjahres der religiösen Unterweisung zu entziehen, (ierade in dem Alter, da das kritische Denken beginnt und die Schüler anderer Bekenntnisse «las tiefere Interesse zu gewinnen beginnen, hört bei uns der Unterricht auf! Es i>t wirklich schwer, keine Satire zu schreiben. Auch innerhalb des Unterrichts ergeben sich BUS der Haltung vieler Litern Mißstände, die man bei anderen Konfessionen nicht kennt. Nicht jedes Elternhaus steht mit seiner Autorität hinter der Iteliuiousschule, und eine Zusammenstellung der Gründe, mit denen das Kehlen der Kinder u'erechtfertig! wird. ULBI tiefe Blicke in die Seele des modernen Judentums tun. Welche Schwierigkeiten die Lehrer haben, wenn ihre Pflegebefohlenen fortbleiben, weil sie Geburtstag haben oder der Mitschüler Geburtstag hat. weil das Wetter so schlecht oder weil es so irul ist. weil das Kind so viel Schularbeiten aufbekommen hat. dali sein tätlicher Spaziergang nur unter Zuhilfenahme der Religionsstunde durchgeführt werden kann, lälit sich nicht beschreiben. Unter Vorwänden, um derentwillen man sich schämen würde, eine Klavierstunde zu verlegen, halten manche Häuser ihn' Kinder von der Religionsschule zurück, und es wird durch solche Leichtfertigkeit ein Heist der Verachtung gegen die Religionsschule groflgesogen, welche sich leicht auf den Lehrer und Schließlich auf die Religion selber übertrigt Und Immer, wenn Eltern darüber klagen, dafi ihren Kindern das jüdische Interesse fehlt und dafi -ie Wege gehen, die außerhalb der Tradition endigen, liegt der Schluß nahe, dal» das Haus durch seine Stellung zum Religionsunterricht und zum Religionslehrer diese Haltung selber groflgesogen hat. Religionslehrer sind auch Menschen, und es i^ibt unter ihnen, wie in jedem Berufe, Meister ihres Faches und solche, die nur Durchschnittliches leisten. Während aber das Haus bei jedem l'iol'anunterriehte es für selbstverständlich hält, die Autorität eines Lehrers beim Kinde mit aller Macht zu stützen, und so auch dem Lehrer, di r weniger die Kinder zu fesseln versteht, zur Seite steht ist es beim jüdischen Religionsunterricht anders. Hemmungslose Kritik, die auch dem Kinde seiher zu Ohren kommt, hindert ein rechtes V ertrauens-