Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite I GEMEINDERLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 18 AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN Von Dr. S. Samuel (Essen). Ein leiser Schauder überkommt uns, so oft wir dies Wort hören. Ks ist unschwer zu sagen, woher es stammt. Mitgefühl mit den Verletzten, Entrüstung Uber den Aue reifer, Furcht, dafi die Vergeltung das Mali Uberschreite und dann wieder Sühne erfordere - alles dies spielt hinein. Kein Wort scheint gerechter, keines grausamer zu sein. Hecht und Rache mögen in Urzeiten zusammengehört hahen; später sind sie feindliche Brüder geworden. Und nun soll das scharfgeschliffene Wort ein Leitmotiv der Thon Moses sein, von der es heifit: ihre Wege sind Wege der Anmut, all ihre Pfade führen zum Frieden!? Zwei spruchbefugte Gelehrte, Dr. Josef Norden und Dr. Benno Jacob, haben in kurzem Abstand die Frage nach dem sinn der Formel untersucht, beide gelangen in fast allen Punkten zu gleichen Ergebnissen. Nur dafi Dr. Jacobs Dach ') zugleich das gelehrte Rüstzeug mit sich führt und eine fast erschöpfende Exegese und Interpretation der :! Hihelslellen bietet, in denen der Ausdruck vorkommt: 2.Buch Mose 21, 22—25; S.Buch Mose 24, 17 21; B.Buch Mose in. 18 21. Dr. Jacob hal die Hauptlinien seiner Beweisführung bereits in einem Vortrage auf der Bonner Alttestamentlertagung von 1928 gezeichnet; er ist in seinem Buche der strenge Wissenschaftler und will als solcher beurteilt werden. Wir hier nehmen diese Stellung nicht ein. Uns genügt es. die Resultate sowohl der volkstümlichen Abhandlung Nordens als vorzugsweise des Weikes Jacobs darzulegen und kurze Bemerkungen daran zu knüpfen. Man kann in die Altsichten, den Plan und den Heist einer antiken Gesetzessammlung nicht tiefer hineinknieen, als es Dr. Jacob mit den betreffenden Abschnitten der Mischpatim getan bat. die w ir Buch Mose Kapitel 21 IT. lesen. Man kann die Bedeutung jeder Partikel, jeder Wortfolge, jeder Zeitform nicht schärfer unter die l.upe nehmen, die Analogien nicht weiterführen, die fremden Gesetzgebungen (altassyrisch, bettitiscb, Hammurapi usw.) nicht stärker heranziehen, als es hier geschehen ist. Könnten die Teilnehmer der Gelehrtendebatte von Baba kama s. s:i ff. aufstehen, sie würden ihre belle Freude an dem Buche haben. Dr. Jacob führt ihre Diskussion zu Ende und briiiL't die vielumstrittene, tahnudische Dialektik neu zu Ehren, indem er sie fruchtbar macht. Nicht weniger als Ii Beweise stellt Dr. Jacob für seine Behauptung ins Feld: in unserer Gesetzgebung bat Auge um Auge, Zahn um Zahn. Leben um l.elien nie etwas anderes bedeutet, als was die rechtmäfiige Überlieferung stets darin gefunden: das Gebot für die mit der Streitsache betafiten Richter, ausgleichende Gerechtigkeit dureb abgestufte Q eld b u ß e n zu Üben, nicht aber gleichartige V e r St ü m m elung vollstrecken zu lassen. Ks gab keine Talion im buchstäblichen Sinne (talis. gleichwie); auch die Todesstrafe ist nicht ausschließlich als solche für einen vorsätzlichen Mörder zu betrachten; denn auch andere Kapitalverbrechen werden mit dem Tode bestraft. Die Fachwissenschaft hat ein letztes Wort gesprochen. K> kann das Verdienst des Gelehrten nicht schmälern, wenn sich dennoch einige Zweifel reuen. Zwar soviel scheint auch uns mit höchster Wahrscheinlichkeit bewiesen, und mehr ist unmöglich, dafi die Absicht des Gesetzgebers wenigstens im sogenannten Bundesbuch (2. Buch Mose 21) Ablösung der eigentlich verdienten, gleichartigen strafe durch glei c h w e r t i u e G e i d b u Ii e gewesen i>t. Aber die Formel s.-ib-t stammt vermutlich aus einer Zeit, wo man an wirklicher Talion keinen Anstofi nabin. und wir halten eine allzu knapp angedeutete Milderung vor uns. Auch Dr. Jacob vermifil eine vergleichende Partikel, deren Gebrauch jedes Mißverständnis susgeschlossen hätte. Kr meint zwar, das Judentum verabscheue Leibesvcrstümmlungen durchweg. Es ist ihm gelungen, für das einzige Beispiel einer solchen (Abhauen der Hand 5.Buch Mose '_'.">, Ii) 'i R. Ja eob : A u l; e u m A u <j e. laue Untersuchung zum Alten und Neuen Testament. Berlin 1929 (Philo-Verlag). eine ebenso geistreiche wie einleuchtende Erklärung zu geben. Aber was hilft es, da «loch feststeht, dafi die l'artei der Saddukäer zur Zeit ihrer Macht im Widerspruch mit der vorgeschrittenen Volksmeinung ilie b u o h 81 ä b 11 C h e T a 1 i o n übten. Zu ihnen gehörten doch gerade Priester, in deren Händen die ältesten Oberlieferungen sich befanden. Mit ihnen lasen offenbar viele Gelehrte besonders die Stellen im 3. und .">. Puch Mose anders als unser zeitgenössischer Exeget. Das Verhältnis dieser Talionstellen zu der des Pundeshuches scheint uns verkannt zu sein. Da sie auch einmal eine gewisse Selbständigkeit besaßen, bedienten sie sich unserer Formel vermutlich in anderem Sinne. Gewifl wird ein getötetes Tier nach dem Geldwert ersetzt: aber :!. Buch Mose 24, Ii' -20 schildert geradezu das Verfahren der Talion. und wie immer auch die gerichtliche Praxis war, so bleibt der Grundsatz: „Kein Bibelvers darf aus seinem Wortsiii ne herausgenommen werden" zu recht bestehen. Noch mißlicher Steh) es um .">. Puch Mose Ii). Ii»; denn hier hat der lügnerische Zeuge mit Absicht den Tod des Beschuldigten herbeiführen wollen, und die Oberlieferung bezeugt, dafi er hierfür den Tod verwirkt hat: eine Geldstrafe wäre lächerlich. Was den Widerwillen gegen Verstümmelung betrifft, so darf mau nicht das arme und gebeugte Volk (Zetanja 'X 12) mit dem ungebrochenen alten Israel verwechseln. In letzterem war mau nicht zartbesaitet, wie die Massenurteile gegen ganze Städte oder gegen Familienangehörige bekunden. Wir sagen heule: besser tot, als verstümmelt; aber wir bezweifeln, daß man immer so gedacht hat. Das Zeugnis der Saddukäer. das Josephus und Philo aber damit abtun, daß sie Modernisten und Hellenisten gewesen seien, gehl nicht an; ganz abgesehen von dem Widerspruch, daß ja Griechen selbst die Leibesstrafe verpönten. So bleibt denn beim Thema „Auge um Auge. Zahn um Zahn" ein Rest des Zweifels übrig, und die Wahrhaftigkeit gebietet es. dies auch angesichts der Leistung eines Dr. Jacob einzugestehen. Um so freudiger bekennen wir. daß sein Puch überreich an erstmaligen Aufschlüssen ist. die der Wissenschaft nicht mehr verlorengehen können. Dahin gehört seine scharfe Abgrenzung zwischen göttlicher und rechtlicher Vergeltung. „Das Recht ist göttlich, alter die Justiz ist menschlich." „Mein ist die Rache" könnte mau geradezu übersetzen: „Mein ist die Talion." Dahin seine Ausführung über den Ren. die wirklich ein allerletztes Wort Uber die allumfassende Nächstenliebe unserer Bibel sagt. Dahin gehört die kritische Beleuchtung der berühmten Antithesen der Bergpredigt, die Sätze: Ihr habt gehört — Ich aber sage euch; die ja erst eigentlich die Formel Auge um Auge. Zahn um Zahn zum geflügelten Worte gemacht haben. In ihrer Beurteilung der Bergpredigt, sofern sie mit jenen zugespitzten Sätzen arbeitet, die eine neue, höhere Ethik zu lehren scheinen, gehen Dr. Norden und Dr. Jacob stark auseinander. Dr. Nord......rkennt eine „Fortbildung, Verinnerlichung und Vertiefung des ThoraWortes au. die uns tiefste Ehrerbietung einflößen muß". Dr. Jacob gehl mit der Rede nach Matthäus scharf ins Gericht und bemängelt eigentlich alles an ihr: die oberflächliche, ja unrichtige Wiedergabe alttestamenUicher Zitate, die Hereinnähme griechischer Ansichten: clie unglückliche Wahl der Beispiele; die Unmöglichkeit der Forderungen, die trotzdem mit voller Selbstsicherheil auftreten. Dr. Jacob erteilt des-„seichten" Apologetik eine Absage, nicht alter der Polemik. Wir gestehen es offen, diese Haltung ist leider durch Verfallserscheinungen innerhalb des Judentums nur allzu nötig geworden. Wie viele Gebildete in linsern Reihen erliegen nicht den Sirenentönen der Bergpredigt, lassen sich durch sie aus dem Bereich der jüdischen Ethik locken, fassen eine Voreingenommenheit für die Tnehterreligion, aber gegen ihren Viterglauben, den sie nicht kennen, (ierade sie werden durch Dr. Jacobs Puch zur Besinnung aufgerufen, damit sie nicht mehr ihren eigenen Gott und seine Lehre mit dein Schlagwort „Auge um Auge, Zahn um Zahn" abtun. Erst aus der Wahrheit wird auch der Friede der Konfessionen erblühen.