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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-03-14 · 11 (14.3.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
11 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQI0N8GEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer ll Seite •-' weisen, dafi diejenigen, die >i<- erlebt, jeweils einen Gedeuktag Ittr „ewige Zeiten" eingesetzt haben und ihn ebenfalls „Purim" nannten. Ich habe bisher Ihrer 80 festgestellt, aber es dürfte wohl mehrere Dutiend davon gegeben haben. Allein, man wurde wegen der greifen Zahl es milde, Immer von neuem ein Purini einzusetzen. Unwillkürlich wird man dabei an ein Worl aus neuerer Zelt erinnert. Vlexander Zeder bäum, dei berühmte hebrllache Publliiil ■ iii,i Begründer der „Ha Melii" in Petersburg, stand l>.-i Pobjedonossow In hoher Gunst und hat mehr als <-in Verhängnis, daa der allmächtige Prokuror dea heiligen Synoda plante, von den Köpfen der Juden abgewendet. Einmal fragte ihn Pobjedonoszow halb im Scherz: „Was ~;u:.'n die Juden daxu, dafi Ich ile seit Jahren >(> unbarmherxlg verfolge und ihnen keine Ruhe gönne?" „Daa möchte ich Ew. Heiligkeit tagen, wenn ich nichl fürchtete, sie 7.11 beleidigen." „Sprich nur frei, ich werde nichl Löse tein." ..Nun. die Juden sagen: ,Budjel praidnik' (ea wird ein Feal geben)." „Waa für ein Fett, da Ich ale auarotte, vertreibe und aushungere?" »Die Juden aagen, das war Immer ao, Zuerst kam Pharao und wollte ale ausrotten, jetat haben wir Pessach, dann kam Antiorhus und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Chanukka. Dann kam ii.im.in und wollte ale ausrotten, Jetzt haben wir Purint. Es kamen dann noch viele, die uns ausrotten wollten aber man kann ja am Ende nicht alle Tage Feste leiern." Ks wird nicht Überliefert, was Pobjedonosaow geantwortet. Purini war zur Zell dea Josepbus, also in den leisten Tagen lerusalems, schon überall unter den .luden bekann, aber erwähnt wiiii ea erst im /weiten Makkabäerhuche, also ungefähr hundert Jahre vor der üblichen Zeitrechnung. Doch die darin erzählte Begebenheit s|iieli unter dein Perserkönig Xerxes I.. der von 180 bia löä regierte, dessen Namen babylonisch Achsch i wa rschu, bei den •luden Achaschweroseh lautete. Es waren also inzwischen mehr als drei Jahrhunderte verstrichen. Wir können natürlich nicht feststellen, wann die Erzählung in die jetzige Form gebracht wurde. Aber wir können es verstehen. daU Iii- Judengemeinden in Persien gerade in der Zeil der Bedrückung Palästinas durch die syrischen Griechen das Bedürfnis verspürten, ihren fernen Brüdern in der Heimat Knude zu geben von einer allen Ueberlieferung, die unter ihnen leide, wonach sie einmal auf wunderbare Weise aus der Hand eines gefährlichen Todfeindes errettel wurden, ein Ereignis, von dein ein alljährlich gefeiertes, fröhliches Fest Minen Ursprung nahm. Da- Buc h E sther ist eigentlich die Qeschichte e i 0 e » v ere 11eII e n I' 0 g r 0 m a. ea ist die ersl e Pogromgeschichte und will als solche beurteil! werden. Der Verfasser hat offenbar im Volke umgehende, vielleicht zum Teil bereits schriftlich fixierte Sagen mit historischem Hintergrund kunstvoll und geschickt verarlieitel und aus der persischen Umgangssprache in ein etwas prätentiös literarisches Hebräisch Ubertragen, gleichwie dies in unserer Epoche so häufig geschieht. Niehl Geschichte wollte er bieten, sondern volkstümliche Ueberlieferung, wie ale 111 Munde der breiten Massen lebte. Dem Verfasser eignete nur eine grolle achriftslelleriache Begabung, sondern bedeutendes künstlerisches Talent und feines psychologisches Verständnis. Die göttliche Führung der Dinge setzt er stillschweigend voran-, aber es ist nichl seine Sache, fortwährend Gott im Munde ZU rühren. Er 1 mühl sich, das Kolorit der Zeil und des Ortes treu wiederzugehen, und die modernen Forscher, auch solche, die ihn ablehnen, haben anerkannt, «lati er die Sitten und Bräuche dea persischen Hofes und seine Oertlichkeiten vollkommen zutreffend schildert offenbar aus eigener Anschauung. Daü die Geschichte in den Annalen des persischen Reiches nic ht verzeichnet i-t. brauen! uns nicht Wunder zu nehmen. Alle die aehauerlichen russischen Pogrome von issi ,s:t und 1906700 wurden in der offiziellen russischen ReichsberiehterstaHung ja auch nur höchstens mit ein paar Worten in einem Nebensatz abgetan. Wäre nicht die Presse, insbesondere die ausländische, so manche grausige Judenmetzelei wäre ohne San" und Klang verschollen. Dane, i-t der Hamansebe Pogrom rechtzeitig vereiteil worden... Aus tilgung ganzer Bevölkerungen kamen im Perserreich vor. das erzählt uns Herodot. Ein solcher Plan mufl nichl gleich der ganzen Judensehafl dea Persischen Reiches gegolten haben. Er mau nur einer der 127 Provinzen zugedachl gewesen -ein. und die Volkssage vergröBerte di>- Dimensionen ms ünucheuerliche. AIm i alle Miligriffe und Fehler iiiuli mau dem Verfasser verzeihen, wenn man die von ihm vorgetragene Psychologie des Judenhasses erwägt, Hier bat der unbekannte, anspruchslose Schriftsteller im (einen Persien ein Meisterstück ersten Ranges geleistet, welches zweilausend Jahre nach ihm in unserem Europa unter -o unsagbar veränderten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen seine volle Gellung behält. Gorki saut einmal: ..Der Künstler sucht nicht die Wahrheit, er schafft sie." Eine solche schöpferische Darstellung der Wahrheil enthüll das Estherbuch. Sein Verfasser halte das geug zu einem grollen Dichter in sich. Dajüdische Volk hat dies naiv herausgefühlt und hat ihm die denkbar gröfite Huldigung dargebracht, indem es wählend zwanzig Jahrhunderten in zahlreichen Fällen jedesmal, wenn es aus der Hand eines feindlichen Menschen oder Schicksals wie durch eine wunderbare Fügung, errettet wurde, das Ereignis in dem Lichte seiner Erzählung gesehen, den aus diesem Anlasse eingesetzten Erinnerungstag nach dem in dieser Erzählung verherrlichten Feste benannt und nach seinem Musler das Ereignis in einer Erzählung verewigt, die den Stil der Megfllath Esther nachgeahmt hat. Das jüngste dieser kleinen Purimfeste wurde eben int) Jahre all. Ea isl dies das l'urim von Bobowno, das am IN. Adar Scheni 1820 eingesetzt ward. Vom Jahre 1828 Ins 1n:s."> zog sich der Ritualinordprozefl von Wellach (Gouvernement Witebsk) hin, einer der fürchterlichsten Prozesse dieser Art, der sogar damals, unter «lein Schreckensrcgiinenl des Zaren Nikolaus I.. da das Schlimmste nicht mehr überraschte, die .luden von ganz. Ruilland länger als ein Jahr zehnt in ungeheurer Autregung erhielt. Kine Episode dieses Prozesses spielte in Bobowno. Kili getaufter Jude namens (i rudinski bekundete, er habe als kleiner «nahe im Dause eines Verwandten namens Sabbatbai Turbowitz der Schlachtung und Enthüllung eines kleinen Christenkindes beigewohnt. Die Hlulspuren seien noch jetzt in dem Talmud Traktat Pessachilll zu sehen, der sich im Hause jenes Turbowitz befinde. Eine hochnotpeinliche Untersuchung wurde eingeleitet, die mehrere Tage dauerte, während das Haus von Soldaten umzingelt war. Dem Untersuchungsrichter Rodakowski neiaiiL: es. der Wahrheil auf den Grund zu kommen, der Angeber wurde entlarvt. Das war der unmittelbare Anlafi, daB die höheren Behörden auf die Machinationen des Witebsker Gubernators Chow anskI, der den ganzen Prozeß eingefädeil halte, aufmerksam wurden. Im Jahre 1883 entschied der Staatsrat unter persönlichem Vorsilz des Zaren, dafi die Anklage sich auf gänzlich unhaltbarem Grund aufbaute. Die Angeklagten wurden in Freiheit gesetzt. Qrudinski wurde wegen falscher Zeugenaussage zur Militärstrafkolonie verurteilt. Der ganze Hergang wurde in einer Megillah Salibathai erzählt, welche die Nachkommen dea Verleumdeten aufbewahren, ts. Dubnow hat sie seinerzeit in Luach Achiasaph veröffentlicht. In deutscher Sprache wurde sie im Jahre ItHMi in „Ost und Westiien 10 11 abgedruckt) Am 20. Adar 1616 wurde in Frankfurt a.M. das Pur im Vlnz eingesetzt, zur Erinnerung daran, dafi an diesem Tage die Juden dieser Stadt wie im Triumphe mit Paukenschlag und Hörnerschall von den K o m in i sa a r i e 11 K u r m a i 11 /. e 11 s und D a r m s I a d I s in ihre Wohnungen wieder eingeführt wurden nachdem sie am JJ. Augual 1614 auf Betreiben des Lebkuchenbäckera Vinzenz Fettmilch, des ..neuen Hainaus der Juden" gegen den Willen der Stadl- und Landesregierung auagetrieben worden waren. Das älteste uns bekannte l'urim dieser Art dürfte vielleicht dal'urim Narbonne von 1286 sein, zur Erinnerung au die Abwehr eines Ueberfalles auf die dortige jüdische Gemeinde, hervorgerufen durch eine Schlägerei zwischen einem Juden und einem Christen auf dem Fleischmarkt. Ea ist Indessen unwahrscheinlich, dat.! dieses Purim das erste seiner Art sein sollte. Das Charakteristische der meisten dieser Purimfeste ist neben der betreffenden Megillah, dafi ihnen stets ein Fasttag vorausgehl wie beim ursprünglichen l'urim. Bs gab auch eine ganze Anzahl von Faillilien-Purimfesten, die nur von einzelnen Familien gefeiert wurden, zur Erinnerung an eine glückliche Errettung eines ihrer Vorfahren aus i-im-r Gefahr: Brände, Erdbeben, Explosionen, räuberische Ueberfälle. Verleumdungen u.dgl. Das berühmteste isl wohl das l'urim dea gefeierten Jomtow Lippmann Heller, welches er im Jahre 1644 für seine Nachkommen eingesetzt hat. zur Erinnerung au die stürmischen Jahre seines Lehens, die aufhörten, als er zum Rabbiner von K rakau erwählt wurde. An diesem Tage sollten die Nachkommen das bekannte Schriftehen ..Megillath Ebba" lesen, das die Geschichte seine-. Lehens enthält, nach vorhergehendem Fasten einen Festlag hallen. Almosen gelieu und fröhlich sein. So i-i Purim zu einem Typus der jüdischen Geschichte geworden.

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