Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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88, Februar 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Das jttdlwh-theologiseh« Seminar Fraemkelsehe Stiftung II Breslau beginnt das Sommeraemeiter 1890 am 24. April 1880. Die Aufnahmeprüfungen finden am 23. April 1930 vormittags 9 Uhr statt. Das VorleBungaverzeichnis wird durch das Sekretariat ttberaandt. Das Kuratorium der Kommeraienral Praenckelachen Stiftungen, V im der Kabbinisehen Lehranstalt „Jcsrhiwn", Frankfurt a. M. Das Sommeraemeiter au unserer Lehranstalt „Jeschlwa" beginnt am Dienstag, dem '29. April 1830. Anmeldungen für alle vier Abteilungen (Vorstufe, Unter-, Mittel- und Oberstufe) werden schon jetzt entgegengenommen. Der Unterricht erstreckt sich auf: Bibel, llebr. Grammatik, Talmud mit Kommentaren, kursorisch und Itatariach, und Dezisoren. Den Schülern ist eventuell Gelegenheit geboten, sich in prolanen Flehen unter fachgemäßer Leitung fortzubilden. Für den Lehrgang in der Vor- und Unterstufe werden schulentlassene Knaben und Jünglinge aufgenommen, die schon einige Kenntnisse im Talmud besitzen. Anmeldungen sind zu richten an den Leiter, Herrn Rabbiner Dr. .1. Hoffmanu, Frankfurt a. M., Börneplatz der zu jeder näheren Auskunft bereit ist. Unsere Gemeinde Dr. Alexander Goldstein kämmt nach Leipzig. Wie uns mitgeteilt wird, kommt demnächst Herr Dr. Alexander Goldatein nach Leipzig, um hier einen Vortrag über seine Erlebnisse wählend seiner Weltreise, die ihn durch die entlegensten jüdischen Gemeinden der Welt geführt hat. zu halten. Herr Dr. GokUtein ist in der jüdischen Welt bekannt als Vorkämpfer für die jüdische Gleichberechtigung in Rußland. In den letzten Jahren hat er sich der Arbeit für das Jüdische Palästina werk gewidmet, die einen außergewöhnlich großen Erfolg gezeitigt hat. Sein Vortrag verspricht sehr interessant III sein. Zionistische Vereinigung lür Deutschland (Ortsgruppe Leipzig). A in 18. F e b r u a r 1880 f a n d die d i e s j ä Ii r i g e G e n e r a I- V e r s a m in I u u g der Leipziger Z i o n i s t i s C Ii e n Vereinigung statt. Herr Louis Tumpowsky, der 10 Jahre laug den Vorsitz der hiesigen Ortsgruppe innegehabt hat. sah sich aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, die Leitung niederzulegen. Dieser Rücktritt ist um so mehr zu bedauern, als Herr Tumpowsky es in den 10 Jahren seiner aufopferungsvollen Arbeit verstanden hat, das zionistische Arbeitsgebiet in Leipzig in großzügigster Weise auszubauen. Zum Dank für seine hingebungsvolle Arbeit hat die Generalversammlung beschlossen, Herrn Tumpowsky in das Goldene R u c h e I n s u t r a g e n. In den neuen Vorstand wurden gewählt: Herr Dr. Fritz Loche Ii stein als 1. Vorsitzender; Herr Wilhelm Du Ii in er und Herr Hermann Bromberg als stellvertretende Vorsitzende: Herr Jakob Itromherg wurde wiederum mit der Leitung der K e r e n - II a j e s s o d Arbeil und Herr ReerSudowicz mit der Führung der Reren Kajemeth-Arbeit betraut. Außerdem wurden noch eine Reihe von Damen und Herren, darunter auch viele Jugendliche, in den weiteren Vorstand und in die A usschüssc gewählt. Hilfswerk für das jüdische Kind in Litauen. Wir erhalten eine erschütternde Nachricht aus Litauen. Am 27. Januar ist das jüdische Kinderkrankenhaus in Kowno. das in den letzten neun Jahren eine Heimsätte für die verwaisten und von Verwahrlosung bedrohten jüdischen Kinder Litauens geworden ist. einem Brande zum Opfer gefallen. Das Kinderkrankenhaus wurde von deutsch-jüdischen Anten geleilet. Ks umfaßt Säuglingsheim. Kinderambulatorium, KinderfQraorgestelle, Schulbadeanstalt, Kleinkinderheim mit Kindergarten. Schulkinderheim, Lehrlingsheim. Kinder- Werkstätten und Gärtnereischule. Hei der Katastrophe sind zwei Kinder ums Leben gekommen, ein drittes schwebt in Lebensgefahr. Die mit großer Mühe geretteten Kinder sind notdürftig untergebracht. Der Hitfaverein der Deutschen .luden, der seit seiner Begründung die Fürsorge für die jüdische Jugend im Osten als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet, fordert seine Mitglieder, die weitesten jüdischen Kreise in Deutschland, die jüdischen Gemeinden und die Bne BriSC-Logen auf. ihre Mithilfe zur Wiedererrichtung des Kinderhausea zu gewähren. Es gilt, eine Erzieliungsstätte aufzubauen, die den modernen hygienischen und pädagogischen Anforderungen entsprechen und der getarnten jüdischen Kinderfürsorge Litauens dienen soll. Es geht um die Rettung lausender jüdischer Kinder! Gütige Spenden bitten wir mit der Bezeichnung ..Für das Litauen Hilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen .luden" aul unser Rankkonto: Deutsche Rank und Disconto-Gesellschaft, Depositenkasse C, Berlin W 9, Potsdamer Straße 127/28, oder auf unser Postscheckkonto, Berlin NW 7, Nr. 88] 26, zu überweisen. Geschäftsstelle des Hilfsvereina der Deutschen Juden: Berlin W 35, Steglitzer Str. 12 1. Tel.: Lützow 8286. Ililfsverein der Deutschen Juden: Dr. James Simon. Das Lhcpriiblcm im Judentum. Der Jüdische Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, veranstaltete am 8, Februar d. .1. im Saale des Sozialpädagogischen Frauenseminars (inen Vortragsabend mit einem Referat von Frau Siddy Wronsky . ..1) a s K h e p r o b 1 e m i in .1 u d e n t u m." Eheprobleme hat es zu allen Zeiten gegeben; erinnert sei nur an Helen a und M e n e 1 a U 8, Ibsens Nora, Maeterlincks M o n u a Van na usw. Aber unsere Zeit, die eine Zeit des Übergangs ist, wird von diesen Fragen in besonderem Ausmaße berührt. Als jüdische Frauen Deutschlands interessieren uns besonders die Probleme, die sich sowohl aus der gegenwärtigen deutschen Gesetzgebung wie aus der Innehaltung der jüdischen Ehegesetze ergeben. Unsere deutsche Reichsverfassung spricht von der Gleichberechtigung beider Gesohlechter in der Ehe, das Bürgerliche Geaetsbuch dagegen, das 19 Jahre früher entstanden ist, quält die Frau in unerträglicher Weise. Selbst den Bemühungen von Elisabeth Lüders und Prof. Kahl ist ea noch nicht gelungen, Aenderungen in besug auf Bherechtabeatimmungen durchzusetzen. Im Jahre P.MM), als das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft trat, gab es noch keine Frau im Parlament; daher berücksichtigen die Geaetse nicht die Fraueninteressen; die elterliche Gewalt liegt in den Händen des Vaters, die Frau hat keine Verfügung über ihr eingebrachtes Vermögen, es wird der unehelichen Mutler alle Sorge für ihr Kind auferlegt. Bis zum Jahre 1927 bestand kein Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Außer diesen in einseitiger Gesetzgebung beruhenden Ursachen haben auch Gründe wirtschaftlicher Art zu einer Problematik der Ehe geführt. Je mehr die Industrialisierung fortschreitet, desto mehr werden Manu und Frau durch ihren Beruf vom Hause entfernt. Durch die Vervollkommnung der Maschine wird die Frau immer mehr von der schaffenden Arbeit im Hause entlastet und in ihrer Persönlichkeit entwertet. Der Mann als der Produktive wird zum Herrn erhoben, die Frau, die ein Drohnenleben führt, kommt in ein Abhängigkeitsverhältnis. Neuerdings tritt als Schwierigkeit die Wohnungsnot hinzu, die ebenfalls zu Zerwürfnissen führt. Die Frauenbewegung, die die geistigen Fähigkeiten der Frau zu schneller Entwicklung brachte, schuf eine neue Problematik nicht nur auf wirtschaftlich-kulturellem Gebiet, sondern auch in Fragen des Trieblebens. Die Talsache, dal'. Ehebruch und Polygamie seitens des Mannes seit Jahrhunderten geduldet wurde, hat viele Frauen zu der Auffassung geführt, daß ihnen nicht verwehrt sein dürfte, was ihr Ehepartner ungestört genoß. So wurde die Eheaiiffassung immer lockerer und wirkte sich in dem starken Geburtenrückgang aus. An statistischen Tabellen zeigte Frau Wronsky: auf KHI Fhen entfallen bei der katholischen Bevölkerung 270 Kinder, bei der evangelischen Bevölkerung 195 Kinder, bei der jüdischen 109 Kinder, also hier der stärkste Geburtenrückgang. Interessant sind die Zahlen aus evangelisch-katholischen Mischehen, wo auf KHI Ehen 121 Kinder entfallen. Aus jüdisch-christlichen Mischehen (die in Berlin jetzt 50",, ausmachen) entfallen auf 100 Ehen nur 58 Kinder, also auf jede zweite Ehe erst ein Kind. Bevölkerungspolitisch ist dieses außerordentlich bedenklich. Wir haben in Deutschland einen großen Frauenüberschuß, der bei der jüdischen Bevölkerung noch größer ist. Die legitime Ehe ist für das jüdische Mädchen sehr erschwert. Dazu kommt, daß der jüdische Mann in der Regel erst später heiratet. Die Lebensanfordeningeu sind noch größer als bei der christlichen Bevölkerung, die Heirataebance für das jüdische Mädchen also noch geringer. Die kinderarme Ehe hat Schwächere Bindungen als die kinderreiche. Eine besondere Problematik ergibt sich aus den jüdischen Ehegesetsen. 15000 polnische Frauen, deren Männer im Weltkrieg verschollen sind, können nicht heiraten, weil nicht zwei Zeugen vorhanden sind, die beim Tode des Mannes anwesend waren. Das Ehegeaetz ist Menschenwerk, einst zum Schutz der Frau erdacht. Es muß wie jede andere menschliche Form der Entwicklung unterworfen sein. An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion, in der u. a. Frau Anna Neuniann und Herr Dr. Dzinlowski die von der Rednerin betonten Probleme vom Standpunkt der jüdischen Ueberlieferung betrachteten.