Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(Bemeinö cUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I {■|D7|/m AMTLICH ES NACHRICHTEN BLATT IaIm 1 iZ« IV7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Diis (>i'im'iiuli'bUill tTsdieliil Jeden l'relMK und *ird den Mitgliedern der KeUgtonigeauelnde^unentgelttfch tlurdi die IVisl «UHestellt — N C h r i f 11 C 11 U n g I OeinelndtTUhblner (jUS(A\ ('ohivLeip/.itf, LöhrstmUr 10 NUMMER 7 / JAHRGANG 6 FREITAC 14» FEBRUAR 10IO ^nie'jicnVerwaltung mul Druck! Buchdruckcrel tuguit Prict, Lelpxlg, brQuentr* 89 - rernrul /000b - Kwt« Mheox Lcipilg 53920 - Ntdidrudt Rur mit Quellen* •ngsbc und mit Licnehintgung uei VerlRMen gvtuutcl EIN NEUER „MOSES tc Von Samuel Taube Mau mag der Ansicht sein, daß die Gestalt Moses allgemein zu bekannt sei, um durch ein Essai Uber Moses einem, der die biblische Geschichte kennt, noch wesentlich Neues bringen IU können. Dein ist nicht so. Diese gewaltigste GestaM der Menschongeschichte spiegell sieh, je nach der Auffassung des Betrachters, außerordentlich mannigfaltig wieder. Wir kennen Moses-Darstellungen, sei es in Romanform, sei es in rein biographischer Zeichnung, «Ii«- jede für sich stärkstes Interesse beanspruchen dürfen. Erst jüngst hat ein Moses-Ducli von Edmund Flog lebhaft die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein Moses-Itueh von besonderer Art hat D r i e I D i r n b a u in vor etwa einem Jahre im Kähmen einer rcligiuns-philosophischcn Bücherreihe „Religio" (im Verlag Georg Müller, München) erscheinen lassen. Bekommt mau das schmucke, bescheidene Küchlein zu Gesicht, SO wird mau wohl schwerlich ein Vorstellung von der Bedeutung, von dem reichen Inhalt und von der möglichen Wirkungskraft dieses auf knapp 100 Seilen sich erstreckenden Essais erhalten. Wer aber mit dem Namen U r Lei Di r n b a u m vertraut ist, wer von den bisherigen Schöpfungen dieses außerordentlichen Mannes Kenntnis hat, der wird auf das Duch, schon als auf ein Werk D i r n b a u m s , gespannt sein; wild wissen wollen, Wie «las Dild Moses in der Auffassung eines so genialen Künstlers und Yicl-iuchr-als-Künstlcrs gesehen wird. Hat man aber dieses Duch in die Hand genommen, um sich dem anfänglich beabsichtigten kontemplativen Heiz der Wiederspiegelung einer historischen Gestalt in der Auffassung einer bekannten, künstlerischen Persönlichkeit zu überlassen, dann wird mau gar bald eines anderen belehrt. Denn Birnbaum gibt mehr, viel mehr, als man nach dem engen Kähmen der Ausgabe bitte vermuten können. Es handelt sich aber hierbei keineswegs etwa um eine besondere Originalität seiner Konzeption, um irgendeine aparte Nuance im vertrauten Dild oder gar um eine funkelnagelneue „wissenschaftliche" Entdeckung, w ie sie den Slolz eines Unlversltltsdoienlen auszumachen pflegt. Im Gegenteil, Die klare, schlichte, an der Hand des Bibellexles durchgeführte Analyse der Persönlichkeit Moses erweckt im Leser sehr bald die zwingende Vorstellung, hier der einzig einleuchtenden, sich wie selbstverständlich ergebenden Auffassung der geschilderten Persönlichkeit zu begegnen. Und doch ist das, was Birnbaum sagt, neu. Es ist die Wahrheil, aber die vergessene, im Wusl der Jahrtausende verschüttete Wahrheit, die er mit einfachen Worten, aber mit der vehementen Wirkung, die oft gerade in der Eiiifachtheit liegen kann, zu neuem Koben erweckt. Schon die Anordnung des Duches ist meisterhaft. In den einleitenden Seiten orientiert uns der Autor zuerst über das Fundament, das er seiner Abhandlung lugrunde legt gegender demokratischen Denkweise, das Individuum - irag Iweder Entwicklung, ohne sich dabei auf die, bei so] . .... iten übliche, metaphysische Begründung hierfüi eiuzul -- Empirie, die tatsächlichen Erfahrungen der Geschichte erweisen die Einzel- Persönlichkeiten als Bildner der Weltgeschichte, Mit d< m ihm eigenen Temperament, das aus der Intensität seiner tiefen und durchgebildeten Überzeugung erwächst, wendet er sich darnach gegen wissen schaftliche Arroganz in Dingen des Glaubens und erweist die Paradoxie eines solchen (iehabens. Mit wuchtigen Schlägen fertigt er die Bibelkritik ab, als ein lügenhaftes Ergebnis einer gewissen Bibelforschung, wendet sich gegen die Konjekturalphilologie und verweist die Anmassung der Ausgrabungswissenschafl In die gebührenden Schranken, um die Dibel ein für alle Male al> einwandfreie Quelle der Geschichtsforschung festzusetzen, Den Höhepunkt dieser Ausführungen bildet die Kontroverse gegen die seinerzeit populär gewordi ue Behauptung, dafi das Sinai-Gesetz nichts anderes sei als eine Kopii des früher entstandenen Kodex Ilamurabis, indem gerade die sitt liehe Begründung des jüdischen Gesetzes, die jenem Kodex fehlt, eben den fundamentalen und einzigen Unterschied zwischen diesen Gesetien bilde. Nach einer außerordentlich Interessanten und plastischen Schilderung der allgemeinen Weltlage zu Moses Zeiten, die das profunde historische Wissen des Autors erweisen (ohne dafi letzterer sich jedoch in historischen Kleinkram verliert), führt er uns schließlich an die Gestalt Moses selbst. Kr folgt hierbei - wie schon erwähnt — in der Hauptsache der Bibelquelle, zieht aber auch den Midrasch zu Hilfe, um uns die zu gestaltende Persönlichkeil nahe zu bringen. In erster Linie aber ist es sein erstaunliches Einfühlungsvermögen, seine großartige „rückwärts gerichtete" Phantasie, die es ihm ermöglicht, uns Moses in einer Weise bildhaft zu machen, daß wir ihn leibhaftig und wie unter uns seiend empfinden und dafi die von jenem einzigartigen Menschen vor Jahrtausenden ausgegangene welthistorische Bewegung uns machtvoll ergreift und mit der Wucht und Stoßkraft aktuellsten Geschehens erfüllt. Nach echt Jüdischer Auffassung siebt er in Moses zwar nur einen Menschen, aber einen gottbegnadeten, großen, den größten Menschen der Welt. Er vermeidet es daher keineswegs, uns auch die menschlichen Schwächen dieses heroischen Mannes aufzuzeigen, um ihn gerade dadurch unserem Verständnis und unserer Teilnahme zugänglich zu machen. So lernen w ir den Jüngling Moses kennen, w ie er als verwöhnter ägyptischer Prinz am Hofleben teilnimmt. Wie er dann, aus übermächtigem Trieb zur Gerechtigkeit, ein Verbrechen begehl und sich mit Dlut befleckt, um vielleicht darin, in der Tiefe seines Falles das Sprungbrett, die Anspannung zu seinen späteren über