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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-11-26 · 48 (26.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
48 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Über die Sprache der Ostjuden schreibt Prof. Jacob Caro: „Hier kann man die fränkische, die schwäbisch-alemannische, die sächsisch-niederdeutsche Mundart deutlich genug erkennen". Vom Ursprung der Ostjuden erzählen am besten ihre Familiennamen. Wie sich die deutschen Juden in Italien nach ihrer alten Heimat Luz/.atto (aus der Lausitz) und Ottolenghi (aus Fttlmgeu) nannten, su gibl es audi uulei den Ostjuden Familiennamen wie Aschkenasi (der Deutsche), Sachs, Auerbach, Bacharach, Berlin, Cleve, Lipschütz (aus Loebschütz), MQhlhausen, Naumburg, Oppenheim, Zunz (aus Zons am Niederrhein) und zahllose andere Familiennamen, die noch in der Gegenwart an die deutschen Lande und Städte erinnern, aus denen die Ahnen der Ostjuden einst vertrieben wurden. Die Familiennamen sind ein Stück unserer Oeschichte; sie erzählen von den Wanderungen der Juden und von ihrer Anhänglichkeit an die alte Heimal. Die Geschichtswissenschaft hat uns mehrere Monographier über die berühmtesten jüdischen Familien im Osten geschenkt. In diesen Monographien wird die Geschichte der Familien Halpern (aus Heilbronn), Horowitz (aus Horowitz in Deutschböhmen), Landau (aus der Pfalz), Münz (aus Mainz), Oettinger (aus Dettingen). Spiro (aus Speier) geschildert. Aus Ballten unweit von Bordeaux in Südfrankreich ging die Familie Ballin hervor, die 14515 in Worms lebtn, sich von dort in West- und Süddeutschlai d ausbreitete und von der ein Zweit;, nach dem Osten verpflanzt, jüdische Gelehrte und geistige Führer hervororadite Aus Günzburg (in Bayern), wo es 1623 eine Judenverfolgung gab, stammen die osljüdisdien Familien Günzburg und Ginzberg, aus deren Mitte Schriftsteller wie Mordechai Aron Günzburg. Förderer der Wissenschalt und Führer im Judentum wie die Barone Josef, Horace und David Günzburg und Adiad ha-,m (Uscher Ginzberg), der vor kurzem erst an seinem siebzigsten Geburtstaue gefeierte Kulturphilosoph, hervorgingen. Der sagenhafte Eintagskönig Saul Wahl Katzenellenbogen entstammte einer jüdischen Familie, die aus Katzenellenbogen in der Lahngegend über Italien nach dem Osten auswanderte und dort zu ihrem u sprüngliehen deutschen Familiennamen Wahl Welsch aus dem Welschenlande wie Wallich, Wallach und Bloch) hinzufügte und dem Judentum vitle Gelehrte und führende Männer schenkte. Jede Judenverfolgung in deutschen Landen und Städten warf neje Scharen deutscher Juden nach dem Osten Furopas. Der dreißigjährige Krieg trieb besonders viele jüdische Familien zur Auswanderung nach dem Os'en. wo sie von ihren Brüdern mit Liebe aufgenommen wurden. 1638 und 1646 wurden in den jiidisdien Genieinden des Ostens ansehnliche Sumnen zur Unterstützung der „aus Deutschland vertriebenen Jünglinge" gespendet. 1642 faßte die Landessynode der großpolnisdnen Judenschaft folgenden Beschluß: ..Da Deutschland und andere Länder von Kriegssdiaren heimuesucht und verwüstet worden sind, wandern arme Vertriebene unstet und flüchtig umher. Jeder, der Herz und Ge wissen hat, und dem ein Vertriebener begegnet, sei es Mann oder Frau, Jüngling oder Jungfrau, hat die edle Pilicht, ihnen Brut und Speise zu geben und eine Stätte zu längerem Verweilen einzuräumen." In ihrer überwiegenden Mehrheit sind die Ostjuden Nachkommen deutscher Juden, die nach dem Osten ausgewandert sind, dort nach Jahrhunderten der Freiheit in Not und Druck gelebt. Furchtbares erduldet und in der Fremde deutsche Sprache und Kultur bewahrt haben. Mit Recht schreibt Prof. Adolf HilJebrand. daß „d;e Juden im Mittelalter (und nicht nur im Mittelalter) recht eigentlich die Träger der deutschen Kultur nach Osten gewesen, wohin sie aus Deutschland ausgewandert sind". Die Ostjuden, die zu uns kommen, sind Bekenner jüdischen Glaubens, Trager jüdischen Schicksals, Kinder der jüdischen Gemeinschaft und Nachkommen deutscher Juden. Heimatlos, von bitterstem Flend heimgesucht, von den Lasten und Leiden des Lebens früh gebeugt, mit einem Herzen, das tausend Martern durchlebt hat, kommen sie zu uns. Sollen wir tun, wie Isaak Pinto getan, oder sollen wir ihnen jüdische Nächstenliebe entgegentragen? In Spanien hat sich vor Jahren eine Vereinigung von Gelehrten und Politikern gebildet, um die Nachkommen der im Jahre 1492 vertriebenen spanischen Juden in die Heimat der Ahnen zurückzubringen. Ob unser deutsches Vaterland jetzt in seiner Not neue Menschen aufnehmen kann, das haben uidit wir und vor allem nidit hier zu entscheiden. An uns wird nur die Frage gerichtet, welche Stellung eine jüdische Gemeinde in Deutschland zu den Ostjuden einnehmen darf, die seit Jahren in unserer Mitte leben, und welche Gesinnung wir als Juden heimatlosen Flüchtlingen entgegenbringen müssen. Uberall, wo unsere Ahnen lebten, schufen sie eine jüdische Gemeinde. Die jüdische Gemeinde mit ihrem Gotteshause, ihren Lehrstätten und sozialen Institutionen ist eine wunderbare Schöpfung jüdischen Opfer- und Gemeinsinns. Ohne sie wäre das Judentum in Atome zerfallen und untergegangen. Die Gemeinde war unseren Ahnen nicht bloß ein Mittel zur Betätigung jüdischer Glaubenstreue und Nächstenliebe, sie war auch ein Wahrzeichen jüdischer Zusammengehörigkeit. Die Führer der Gemeinde hatten die Pflicht, nicht nur über das religiöse, geistige und sittliche Leben in der Gemeinde selbst zu wachen, sondern auch über das Wohl und Wehe des Gesamtjudentums. In jeder Gemeinde wurden die „fahrenden Schüler" erhalten, die aus der Fremde kamen, um in den Lehrhäusern der Gemeinde Thora zu lernen In dtn Zeiten der Verfolgungen und Vertreibungen hatte jede jüdische Gemeinde eine Zufluditsslättc für die Fleimatlosen. Waren Juden in den Zeiten der Entrechtung in die Hände der Gewalttätigen geraten, dann galt die Auslösung der Gefangenen als „großes Gebot". So löste einst die jüdische Gemeinde in Kordova den babylonischen Gelehrten R. Mose aus, der auf dem Wege nach Europa in die Gefangenschaft eines Piraten geriet, und der ausgelöste Gefangene wurde gar das Oberhaupt des I.ehrhauses in Kordova und der Erneuerer jüdisdien Geisteslebens in Spanien! Von jeher gehörte es zum Wesen einer jüdischen Gemeinde, daß sie am Schicksal des Gesamtjudentums teilnahm, und als das ungeschriebene Gesetz einer jüdischen Gemeinde galt die Gemeinsamkeit der Juden. Kann es zweifelhaft sein, daß Juden, woher immer sie kommen mögen, zur jüdischen Gemeinschaft und Gemeinde gehören? Wer als Kind einer jüdisdien Mutter, als Bekenner unseres Glaubens mit uns jüdische Lehre und Vergangenheit heilig hält und an die Zukunft des Judentums glaubt, soll der nidit als unser Bruder gelten von gleichem Rang und Redit? Auf unseren Kanzeln wird gelehrt, daß das Gebot jüdisdier NädislenMebe alle Menschen umfaßt. In unseren Abwehrsdiriften betonen wir, daß unser Judentum zuerst das Gebot der Fremdenliebe verkündet hat: „Und wenn ein Fremde! bei dir weilt in eurem Lande, sollt ihr ihn nicht bedrücken... Du sollst ihn lieben wie dich selbst." Ich verstehe nicht, wes halb das jüdische Gebot der Nächsten- und Fremdenliebe, da; alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens und der Ab stammung umfaßt, sich nicht auf die heimatlosen Flüchtlinge erstrecken soll, nur weil sie Juden und von unserem Glaubei 'ind Stamme sind! In unseren Gotteshäusern verrichten wi; täglich das Gebet: „Allen unseren Brüdern aus dem Haust Israel, die sich in Not und Knechtschaft befinden, möge Goü sein Erbarmen schenken". Die dieses Gebet eingeführt haben waren barmherzige Menschen, und auch die dieses Gtbet ver richten, müssen Erbarmen haben, wenn das Gebet nicht zui Heuchelei werden soll. Wir rühmen uns unserer höheren Kultur, aber höhere Kultur bekundet man nicht durch lieblose Gesinnung, sondern dadurch, daß man seine Brüder, sie und ihre Kinder, zu sich emporhebt. Es gab zwischen den Juden verschiedener Länder ein fortwährendes Geben und Empfangen. Von den deutschen Juden ging zur Zeit Mendelssohns der Ruf zur Kultur und zum Lichte aus und zeitigte bei den Ostjuden die Epoche der Aufklärung, der Haskala. Von den Ost-

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