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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-11-26 · 48 (26.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
48 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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2. 3at)rgang, (Hr. 48 26. Sloüember 102* wd»Mktt der Jzr&elitiscken Amtliches Ntcfirichieiibli *cler tie/Heiiideverw&ltHM kz l iqionZqz mzindz $u &tw<a ZiKH4R.IL fcf Du Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Dan Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Bezugspreis für Nichtrnitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teichel, Glockcnstraß» 11 Telephon 14449. Schriftleitunq: Gemeinderabb. Gustav Gohn, Leipzig. Löhistr. 10, Telephon 29641. S Für den Inseratenteil: Siegmund Cohn, Leipzig, Ottostraße 24. lel. 42945. Druck u, Verlag; W. Teicher. Leipzig. Glockenstr II, Teleph: 14449. Anzeigenpreise: Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagselten und Textinserate nach besond. Tarif. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Name« des Verfassers erscheinenden Beiträge und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Isaak Pinto a Von Rabbiner Dr Um sich an einem einzelnen Juden zu rächen, der zu seiner Demütigung beigetragen hatte, schrieb Voltaire ein gehässiges Pamphlet gegen alle Juden. Zur selben Zeit lebte der portugiesische Jude Isaak Pinto, der aus seiner Geburtsstadt Bordeaux nach Amsterdam Ubersiedelte und dort zu Wohlstand und Einfluß gelangte. Er war ein Mann von Bildung, stolz auf seine Abstammung von portugiesischen Juden und blickte mit Geringschätzung auf die deutschen Juden herab. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bildete sich in Bordeaux eine Gemeinde von Marannen, die dem Kerker und dem Scheiterhaufen der spanischen und der portugiesischen Inquisition entronnen waren und in Bordeaux ihren jüdischen Glauben wieder angenommen hatten. Die portugiesische Gemeinde in Bordeaux erfreute sich unter den christlichen Mitbürgern allgemeiner Achtung. Die bedeutende Handelsstadt zog aber auch deutsche Juden an, die sich durch proße Opfer das Aufenthaltsrecht in der neuen Heimat verschafften. Den Portugiesen waren die eingewanderten Glaubensgenossen ein Dorn im Auge. Sie wollten nicht mit den deutschen Juden auf eine Stufe gestellt werden und beschimpften ihre GlaubensbrUder, die aus der Fremde gekommen waren, als Bettler, die ihnen, den Wohlhabenden, „zur Last fielen" und durch ihr Gewerbe „dem Judentum nicht zur Ehre gereichten". In ihrer Engherzigkeit vereinbarten die Portugiesen sogar ein Gemeindestatut, das dem Vorstand ihrer Gemeinde in die Hand gab, fremde Juden innerhalb dreier Tage aus der Stadt zu weisen I Während Moses Mendelssohn zur selben Zeit mit warmen Worten für seine heimgesuchten Glaubensbrüder eintrat, den Juden in der Schweiz durch seinen Einfluß Erleichterung verschaffte und die Juden in Dresden vor der Verbannung bewahrte, wünschten die portugiesischen Juder, und an ihrer Spitze Isaak Pinto, daß die deutschen Juden Bordeaux verlassen möchten. — Isaak verfaßte sogar eine Schrift, um die lieblose Gesinnung der portugiesischen Gemeinde zu verteidigen. An die gehässigen Worte anknüpfend, mit denen Voltaire die Juden verunglimpft hatte, wies Pinto auf „den weiten Abstand" zwischen den portugiesischen und den deutschen Juden hin. Die portugiesischen Juden, schrieb er, stammten von den edelsten Familien des Stammes Juda ab; bei ihnen fände man keine der Untugenden, die Voltaire den Juden zum us Bordeaux Bergmann (Berlin) Vorwurf machte. Isaak Pinto rühmte den Geburts- und Seelenl adel der portugiesischen Juden, die deutschen Juden gab er dagegen der Verachtung preis. Er erreichte zwar, daß Voltaire in seiner Erwiderung den portugiesischen Juden Kompliniente machte, aber nichtsdestoweniger fortfuhr, das Judentum heri abzusetzen.... Was Isaak Pinto tat, ist verächtlich; denn er hob gleichsam die Steine auf, die ein judenfeindlicher Schriftsteller auf die Juden geworfen hatte, um diese Steine noch einmal auf seine eigenen Brüder zu werfen und ihrem Herzen doppelt wehzutun. Er verdient wahrlich, daß wir seinen Namen der Vergessenheit preisgäben. Allein, er ist im Judentum ein Typus geworder, und sein Name ist nicht vergessen worden. Die Juden sprechen von Hiobs Leiden, von Hiilels Geduld, von Aristoteles' Klugheit und nennen den Hochmütigen einen „Pinto aus Amsterdam". Die Begebenheit in Bordeaux, von der die Geschichte berichtet, hat sich vor mehr als anderthalb Jahrhunderten ereignet, allein sie hat sich später mehrere Male wiederholt. Ein Fünkchen vom Geiste Isaak Pintos glimmt in den jüdischen Gemeinden fort, in denen immer wieder verhandelt wird, ob die Ostjuden, die seit Jahren dort leben, als Gemeindemit^lieder von minderem Grad und Recht gelten sollen oder nicht. Ein Fünkchen von diesem Geiste offenbart sich in der Abneigung, die mancher unter uns dem Glaubensbruder aus der Fremde entgegenbringt. Zu uns kommen jüdische Flüchtlinge aus dem Osten. Not. Entrechtung, Verfolgung haben ihnen den Wanderstab in die Hand gedrückt. Gequälte Menschen suchen die Sonne, die Befreiung von seelischer Pein; sie warten mit Sehnsucht auf den Tag, an dem Amerika seine Tore öltnel und ihnen zur Heimat wird Wir sehen an ihnen das Fremdartige, und sie erscheinen uns als Fremde, als Bettler mit verkümmertem sittlichen Empfinden. Mancher von uns urteilt über die Ostjuden j ganz wie Isaak Pinto einst über die deutschen Juden geurteilt hat. Wer sind die Ostjuden, und woher sind sie? Zur Zeit i der Kreuzzüge und später nach jeder Judenverfolgung in Deutschland wanderten deutsche Juden in Massen nach dem Osten, und mit ihnen wanderte deutsche Art und deutscher Brauch und erhielten sich in der neuen Heimat länger als in der alten. Deutsch blieben ihre Namen, ihr religiöser Ritus, ihre Sprache.

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