Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 42 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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2. ytywm* 42 15. ©Btobcr \m mf!«4tW# der JerAeUtiScken Anf-Mches Ntchrichieiibß ^cicr d2Mizirt<lzvzrw^liuii e l igt on€qz tnziftdz \u &r>$tg SLKiAK a V Du* Omemdeblalt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es uu entgeltlich durch die Post zugestellt. Bezuaspreis für Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Gbcketislraße 1!. Telephon U449. Schriftleitung: Gemeinderabb. Gustav Cohn. Leipzig. Löhrstr. 10. Telephon 29641. Für den :nscratcnteil: Siegtnund Cohn. Leipzig, Ottosiraöe 24. Tel. 42945 Druck u, Verlag: W. Teicher. Leipzig. Glockenstr. II, Teleph. 14449. "Anzeiaenpreise: Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagselten und Textinseratc nach besond Tarif. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen des Verfassers erscheinenden Beitrage und die Veieinsnachr^hten nur die prcßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe vnd Genehmigung des Verfassers gestattet. Das Problem der jüdischen Wanderer Von Dr. Georg Baum, Dozent an der Handelshochschule Herlin Mit freundlicher Zustimmung des Vorstandes der „Zentralwohliahrtsstelle der deutschen Juden" entnehmen wir die nachstehenden Ausführungen dem in der .Zedaka, Z e i t s di r i f t derjüdischen Wohlfahrtspflege, Nr. 2, Aujiust 1826" veröffentlichten Referat über -Die Fürsorge für wirtschaftlich Notleidende", das der Verfasser «elejientlidi der Düsseldorfer Tanun« der ZVVSt. «ehalten hat. Die Schriftleitung Die Frage der Wanderurg st terade in der Zeit unmil telbar nach dem Kriege wohl das schwerste Problem jüdischer Fürsorge gewesen. Der ssarke Zustrom aus dem Osten, insbesondere aus Polen, der infolge der dortigen politischen Verhältnisse einsetzte, und die zahlreichen Osijuden, die während des Krieges von den deutschen Behörden aus dem besetzten Gebiet nach Deutschland gebracht wurden, stellten die bisherigen von den jüdischen Gen einden für die Durchreisenden ge schaflenen Lir.riditungen vor unlösbare Prohltme. An sich bestand ja die jüdische Wanderung in Deutschland stets aus zwei Komponenten: die eine war die Wanderung als Mittel zum Zweck, die Übesee- und reine Durchwanderung, die andere die sogenannte Binnenwarderung, d. h. die Wanderung derjenigen Leute, die ohne ein bestimmtes Ziel, lediglich von der Not geirieben, auf die Wanderung gingen. Beide Komponenten wurden durch die Sonderverhältnisse der Nachkriegszeit ergriffen Der WH"derstrom nach Amerika und Palästina nahm gegen friher ungeahnten lüinfluß an, wurde aber d; rdi Hindernisse der Weiterreise, Paßschwierigkeiten. Weigerung der Aufnahmeländer usw. s ark beeinflußt. So kam es. daß auch ernsthafte Durchwanderer teilweise lat ge Zeit ohne Unterhaltsmittel in Deutschland verbleiben mußten. Hierzu kamen zahlreiche Elemente, die die Durchwanderung notgedrungen oder von vornherein absichtlich zu einem längeren Aufenthalt in Deutschland benutzten oder sich hier niederlassen wollten, ohne die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen hierfür zu besitzen. Es kam dann aber auch die Schicht der eigentlichen Binnenwanderer Die Binnenwanderung hat ja nach dem Kriege auch bei den Nichtjuden stark zugenommen. Hier wie dort fielen ihr zahlreiche Menschen anheim, die durch den Krieg und seine Folgen aus der sozialen Bahn gerissen waren. Es ergab sich aber bei der Binnenwanderung der gleiche Unterschied in verstärktem Maße, der auch schon im Frieden bestand. Die nichtjüdische Wanderung hat ihren Ursprurg in den fahrenden Leuten des Mittelalters, die ganze Gewerbe und Berufe von vornherein nur auf der Grundlage der Wanderung ausübtrn, und in den Wanderungen der Handwerksgesellen, bei denen die Wanderjahre ein T. il des Lebensweges und der Berufsausbildung waren. Beide Schid ten waren schon lange vor dem Kriege fast völlig verschwunden Die gewerkschaftliden Organisationen und das Arheusnaehweiswesen hatten die normalen Handwerksgesellen län.st von der Landstraße weggenommen, und was übrig blieb, Aar eine aus der eigentlichen *\rbet1sklasse herabgesunkene Schidit von mehr oder weniger aus der normalen Bahn herausgeratenen Personen, meist wenig arbeitswillig, /um Teil mit kriminellem Finsdilag, aber nach Herkunft, Ausbildung und körperlicher Beschaffenheit wesentlich für schwerere Arbeit geeignet Das jüdische Material der Binnenwanderung dagegen besteht nur zum geringen Teil aus wirklichen Handarbeitern, zumeist sind es frühere kaufmännische Angestellte und selbständige Kaufleute, zum Teil völlige Luftmei sehen, die durch die wirtschaftlichen Verhältnisse im Osten überhaupt nie zu einer geregelten Tätigkeit gelangt waten. In gewissem Umfange allerdings befinden sich darunter auch Angehörige der speziell unter den Juden des Ostens betriebenen Handwerksberufe, insbesondere des Bekleidungsgewerbt s. Den gleichen Schiditen gehörten nicht nur die nach de n Kriege zugewanderte) Ostjuden, sondern audi die von den deutschen Behörden während des Krieges nadi Deutschland verbrachten und auch diejenigen deutschen Juden an, die die Not der VVinsdiaf skrisc auf die Wanderschaft trieb. Die Verhältnisse waren besonders deswegen schwierig, weil für den größien Teil der Auswanderer eine Rückwanderung in ihre Heimat nicht in Frage kam. Zum Teil waren es Staatenlose, zu deren Aufnahme überhaupt kein Staat verpflichtet war, zum Teil hatten sie Bes;rafung wegen unerlaubter Auswanderung. Verletzung der Wehrpflicht usw. zu befürchten und man konnte ihnen nicht zumuten, eine Rückkehr ir, die Heimat zu wagen, die mit unmittelbarer Lebensgefahr verbunden war. In diesen schwierigen Zeiten ist das Arbeiterlürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutsdilands geschaffen worden, das in hunderttausenden von Fällen, zum Teil mit dankenswerter Unterstützung aus dem Ausland, segenswerte Hilfe geleistet hat. Das schwierige Problem hat sidi aber inzwischen in ungeahnter Weise vereinfacht. Die politischen Verhältnisse im Osten sind weser.tlidi ruhiger geworden, I aber auch bei uns haben sich, das muß ehrlich gesagt werden, , infolge der Stabilisierung die wirtschaftlidien Verhältnisse doch