Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT I»KR ISRAELITISCHEN RELIGI0NSGEME1NDE. LEIPZIG 2. Jahrgang Gelobt und gepriesen, gerühmt und erhoben, erhöht und verherrlicht, angebetet und verehrt werde der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über alle Lobsprüche und über jedes Lied, über jedes Lob und jeden Trost, die in der Welt gesprochen werden. Darauf sprechet: Amen! — Amen! — Möge das Gebet und das Heben von ganz Israel Aufnahme finden vor dem Vater im Himmel! Darauf sprechet: Amen! — Amen! Vom Himmel komme viel Frieden und Leben über uns und über da< gesamte Israel! Darauf sprechet: Amen! — Amen! — Er. der Frieden stiftet in seinen Hüben, er stifte auch Frieden bei uns und bei ganz Israel! Darauf sprechet: Amen! — Amen! — — Unseren ältesten religionsgesetzlidien Quellschriften, Mischnah und Talmud, ist das Kaddisch noch nicht bekannt. Wir finden von ihm im Talmud nur den Satz „j'he sch'me rabbo usw. (sein «roßer Name sei gepries n usw. , dem eine ganz außerordentliche Bedeutung beigemessen wird; aber nicht als einem Teil des Kaddisch Mar pflegte ihn vielmehr nach Beendigung bezw. Anhörung eines religiösen Vortrages zu sprechen. Lr ist dann weiterhin zum Kern des Kaddisch geworden, wahr* scheinlich, weil sich in Anlehnung an ihn bei solchen Gelegenheiten der Wortlaut des Kaddisch herausgebildet hat. Es war nämlich Brauch daß man diese religiösen Vorträge in die jüdischen Zukunftshoffnungen ausklinken ließ: die allgemeine Heiligung des gütlicher Namens und das Kommen des R< 'dies Gottes. Diesem Ausdrucke der Zukunftshoitnungen lügte man unter Benutzung des ,.fhe sch'me rabbo ...". ein entsprechen* des Gehet um ihre Erfüllung an. Dieses war. wie alle der artigen Gebete, anfänglich ohne bestimmtet. sich gleichbleibende! Wortlaut; die Wahl der Werte war dem Vortragenden Uberlassen Allmahlich erst prägte man festere Formen; unter ihnen fand eine immer weitere Verbreitung, verdrängte andere Formen und setzte sich schließlich endgültig dureb. Auf diese Weise ist bei den meisten der allen Gebete der Text entstanden (so erklaren sich die Abweichunger der verschiedenen Riten untereinander», und so ist wohl auch der Text unseres Kaddischgebe'es in seinem ältesten Kern entstanden. Diesen ältesten Kern bildet ollenbar nur der erste Abschnitt, der mit der alten Lobpreisung ..j'he sd'me rabbo . . ." endet. Einer alten Übung gemäß hatte man zu seiner Abfassung an biblische Reminiszenzen angeknüpft: der Anfang: „jissgaddal w'jisskaddasdi (verherrlicht und geheiligt werde)" hat eine Parallele in Ezechiel '.W.2.i: w'hissgaddilii w'hisskaddischti (ich werde verherrlicht und geheiligt werden)"; und dem Satze: j'he sch'me rabbo . . . entspricht der fast gleichlautende Vers 2 des 113 Psalms. — ja, die einzelnen Gedanken müssen schon frühzeitig in sehr ähnlichen Ausdrücken geläufig gewesen sein, denn sie haben dem christlichen „Vater unser" zur Vorlage gedient. Der ausschließlichen Verwendung als Abschluß des Vortrages entspricht auch die Sprache dieser ältesten Fassung des Gebetes, jenes ans Aramäische anlehnende Sprachgebilde, dessen sieh die Lehrer in den Schulen ausschließlich bedienten. Es ist wohl zu verwundern, daß der Talmud auch von diesem Kern des Kaddischuebetes nur eben den einen Satz kennt, obwohl mit Sicherheit angenommen werden darf, daß dieses ganze h:ück in der Entstehungszeil des Talmud (4. und 5. Jahrhundert) schon textlich festgelegt war. Wir können jedoch die^-e Tatsache leich damit erklaren, daß man in dieser Zeit das Gewicht vornehmlich auf den >atz levtc, um derentwillen man das Gebet sprach, auf den AtiSL'argssatz: je sch'me rabbo . .. obwohl das Gebet auch in seiner erweiterten Form schon in Übung war Erst seine weitere Verwendung als liturgisches Gebet hat dem. Kaddisch seinen Namen ur d seine Bedeutung verliehen. Zu dieser Aufnahme in die Liturgie hatte die dem aramäischen Texte im zweiten Abschnitte: jissboradi w'jischtabbadi (gelobt und gepriesen . . .) eingefügte hebräische UrrSchreibung des im alten Kernsatze j'he sch'me rabbo ... liegenden Gedankens verholten. Er betont noch schärfer und noch ausschließl eher den Wunsch um die Herbeiführung der allgemeinen Heiligung des göttlichen Namens, und sein hebräischer Text ließ nun das Gebet ins Gotteshaus drinsen, wo, anders als im Lehrhause, die hebräische Sprache vorherrschte. Schon an einer anderen Stelle kannte die Liturgie eine „Heiligung des göttlichen Namens", die Keduschait, mit der mau dem Thoraworte (III M. 22, 32): „Ich soll geheiligt werden inmitten der Kinder Israel" im Gottesdienste genügen wollte. Dieser Forderung entsprach auch vollauf das bis dahin allerdings nur im Lehrhause verwendete Gebet. Und zudem enthielt es in den Worten „über idle Lobsprüche und über jedes Lied ..." einen Hinweis auf d:e liturgischen Gebete, der seine Eignung für den Gottesdienst noch hob. So fügte man das Gebet unter dem Namen . Kaddisch" dem Gottesdienst an und gab ihm die gleiche Stellung wie der Keduschah. In dieser Verwendung fmJen wir das Kaddisch schon in den nachtalmudischen sogenannten „kleinen Traktaten". Seit: r ursprünglichen Bedeutung als Abschlußgebet im Lehrhaus et) - spricht hier auch seine liturgische Einreihung; es wird am Schlüsse gewisser Teile des Gebetes und als Abschluß des Gottesdienstes gesprochen. Für diesen letzteren Zweck erfuhr es alsdann noch eine Erweiterung um den dritten Absatz, der die Bitte um Erhörung der gesprochenen Gebete enthält. Auch außerhalb des Gotteshauses hatte sich inzwischen schon das Gehet als „Kaddisch" eingeführt und zu weiteren Ergänzungen Veranlassung gegeben. Wir erfahren von einem Brauche, daß man am Sabbath nach Beendigung des Gottesdienstes den Trauernden einen Besuch machte und in ihrem Hause ..den Segen und das Kaddisch" sprach. Hierbei pflegte man eine Begrüßtmgsformel auszurufen, und als solche haben wir uns den vierten Satz entstanden zu denken, dem schließlich a's fünfter die hebräische Umschreibung desselben Friedensgrußes angeschlossen wurde Beide Zusätze wurden dann auch im gottesdienstlichen Kaddisch gebräuchlich. Auch Abarten des Kaddisch bestanden schon in jener Zeit. So wird in den „kleinen Traktaten" das Kaddisch erwähnt, das noch heute vielfach nach einer BeerJigung gesprochen wird, in alter Zeit nur bei Gelehrten verwendet wurde: b'olmo d'ossid l'iss'chad'to usw. — Sdion das älteste uns erhaltene Gehelbuch, vom Gaon Saadia (leb e 892 bis 942) verfaßt, bringt den Wortlaut des Kaddisch i.nd die genauen Bestimmungen über seine Verwendung, und die späteren Gesetzeslehrer sprechen darüber in einer \\ i ise, die an seiner ganz allgemein gewordenen Einführung im Gottesdienste keinen Zweifel lassen. Wohl sind sie sidi bewußt, daß das Gebet seine „Geschichte" hat, und ein bedeutender Lehrer des 12. Jahrhunderts macht kein Hehl daraus, daß wir „von den Alten keine Nadirich en" über seine Einführung besitzen. Aber nirgends wird gegen das neue Gebet Stellung genommen: es gehört im vollsten Sinne zur Gebetordnung. — Eine neue Phase in der Entwicklung des Kaddisch bedeutet seine spezielle Einfuhrung als Trauergebet der Waisen. Iis war sdion erwähnt, daß man das Kaddisdi im Hause von Trauernden spradi, denen man einen Tröstungsbesuch abstattete. Die innere Veranlassung dazu gab ursprünglich die in ihm ausgesprochene Bitte um das Kommen des Reiches Gottes. Damit verband man den in den Reden des Propheten Ezechiel häufig wiederkehrenden Gedanken, daß mit dem Kommen des Reiches Gottes auch die Wiederbelebung der Toten statthaben werde. Zudem war schon in talmudisdier Zeit der Glaube verbreitet, daß das innige Rezitieren gewisser Sätze, insbesondere des Amen, j'he sch'me rabbo ... von günstigem Einflüsse auf das Gesdiick sei „für Lebende wie für Tote". Und rein äußerlich bezog man die Erwähnung des „Trostes" im zweiten Abschnitte auf die Trauernden, die Troslbedürftigen. So war i es natürlich, daß man den gleichen Brauch vom Trauerhause I aud. iiu das Gotteshaus übertrug und die Waisen beim gemeinsamen Gottesdienst zum Vortrage des Kaddisch und an- I derer Abschnitte heranzog, um ihnen damit Gelegenheit zu