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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-06-25 · 26 (25.6.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
26 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 , 4" ■ R GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Jüdische Wirtschaftsnot, Ihre und Ihre Bekämpfung Zur Tajjunj: der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Düsseldorf (ö.-8. Juni) Die Svmpl me einer speziell jüdischen Wirtschaftsnot sind für jeden deutlich erkennbar. Weniger klar sieht der Einzelne die lieferen Ursachen der mit ihr verbundenen Erscheinungen. Und doch ist Klarheit darüber notwendig, weil sich aus ihr die Einstellung des Einzelnen zu den Eragen jüdischer Wohlfahrtspflege ergibt. Bei der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, die vom 6. bis 8. Juni in Düsseldorf stattfand, «ab die Erage, ob es eine speziell jüdische Wirtschaftsnot gibt, und ihre Bejahung den Grundton für die verschiedenen Referate, die von prominenten Sachkennern jüdischer Wohlfahrtsorganisation gehalten wurden. Es könnte zunächst scheinen, als ob die Juden, die in den allgemeinen Wirtschaftskörper eingegliedert sind, nicht mehr und nicht weniger unter der herrschenden wirtschaftlichen Depression zu leiden hätten als alle übrigen Bevölkerungsschichten. Sie tragen auch gleich stark an allen Eolgen der Inflation und Stabilisation. Der jüdische Rentner ist genau wie alle anderen um den Erfolg seines Sparens gekommen, der Kaufmann um sein Betriebskapital, die Angehörigen der Ireien, geistigen Berufe um den wirtschaftlichen Rückhalt, der ihnen ein freies, geistiges Schaffen ermöglichte. Aber über alle diese, sämtliche Glieder des Wirtschaftskörpers gleich stark betreffende, Nöte hinaus ist die jüdische Gesamtheit durch ihre ungünstige Berufssdiiditung besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Es ist wiederholt von Bevölkerungspolitikern auf die bedauerliche Tatsache hingewiesen worden, daß die Berufsverteilung der Juden eine zu einseitige ist. daß sie in der Landwirtschaft und im Handwerk, denjenigen Berufszweigen. die wirtschaftlichen Krisen noch am ehesten gewachsen sind, ein ganz geringes Kontingent darstellen. Diese Tatsache wirkt sich jetzt verhängnisvoll aus. Unter der gegenwärtigen Wirtschaftsnot leiden am stärksten alle kaufmännischen Berufe, und hier wiederum die Branchen, die von Juden vielfach bevorzugt werden, das Bankgewerbe, die Textil-, Leder- und Rauchwarenbranche usw. Der Niedergang der kaufmännischen und gewerblichen Betriebe zieht als unvermeidliche Eolge die Entlassung vieler Angestellten nach sich, sodaß damit eine andere unter den Juden stark vertretene Berufsschicht In den Strudel der Wirtschaftsnot gezogen wird. Der Nachkriegs-Antisemitismus, der den judischen kaufmännischen Angestellten mehr als je die Möglichkeit, in nidujüdischen Betrieben eine Anstellung zu erhalten, nimmt, der dem jüdischen selbständigen Kaufmann Hemmungen und Schwierigkeiten in den Weg legt, die der nichtjüdisdie Kaufmann nidit kennt, ist audi eins der wesentlichsten Momente, die eine speziell jüdische Wirtschaftsnot geschaffen haben. Mach! sidi die Wirtsdiaftsnot schon bei den jüdischen Inländern verstärkt bemerkbar, wieviel schlimmer noch bei den jüdischen Ausländern, die unter ungleich erschwerten Verhältnissen leben. Es handelt sidi hierbei zunächst um Eamilien, die schon seit Jahrzehnten liier ihren Wohnsitz haben und ihre Existenz gefunden hatten. Ferner um solche, die während des Krieges zwangsweise aus dem Auslande nach Deutschland gebradit wurden und nun nicht mehr ohne schwerste Nachteile in ihre Heimat zurückwandern können. Schließlich auch um solche, die wohl noch nidit so lange in Deutschland leben, die aber nur unter dem wirtschaftlidien Zwange der Übervölkerung zum Wanderstab gegriffen haben. Auch vor dem Kriege gab es eine jüdische Wanderbewegung mit den Endzielen Amerika und Palästina; die Nachkriegsgesetze haben diese Wanderung durch Paßschwierigkeiten und Einwanderungsbeschränkungen aller Art ungemein erschwert, sodaß viele Auswanderer in den Durchwanderungsländern verbleiben mußten. Der vom Standpunkte deutscher Volkswirtsdiaft immerhin verständliche Gedanke, es darf die deutsche Wirtschaft nicht durch Ausländer geschädigt werden, hat nun dahin geführt, daß die Existenzmöglichkeit für jüdische Ausländer als Arbeitnehmer immer mehr eingeengt wird. Mußte so in den Referaten der Düsseldorfer Tagung die Tatsache einer besonderen jüdischen Winschafisnot festgestellt werden, 5.0 lag darin zugleich die Erklärung für das allerorten bemerkbare ungeheure Anwachsen aller Aufgaben jüdischer Wohlfahnspflege. Es mußten und müssen infolgedessen die bereits bekannten Mittel bewußter ausgewertet und durch A' sschau nach neuen Wegen ergänzt werden. Einige Stichw* i e mögen die Grundsätze für die jüdische Wohlfahrtspflege kennzeichnen, die in den Referaten berührt wurden: möglichst starke Inanspruchnahme der zuständigen gesetzlichen Einrichtungen, Aufhöhung solcher Ansprüche aus Mitteln der jüdischen Wohlfahrtspflege zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse, intensivere Arbeitsvermittlung (,,Anstellung eines jüdischen Lehrlings bedeutet eine jüdische Tat"), zweckmäßige Berufsberatung, Hilfe bei notwendiger Berufsumschichtung, Stärkung des Lebensoptimismus durch körperliche Ertüchtigung, Erweckung des Verantwortlidikeitsbewuß:seins bei der Eheschließung (gesunde körperliche und wirtschaftliche Voraussetzungen) u. a. Als ein ganz besonders schwieriges Problem bedarf ganz besonders sorgfältiger Behardlung die Wanderer Fürsorge. Soweit Wandernde ein klares Ziel haben, gilt es, sie diesem zuzuführen und ein zweckloses Hin- und Herfahren zu vermeiden. Zum fast unlösbaren Problem wird es bei denen, die kein Ziel kennen. Die christliche Wanderfürsorge hat für diese Fälle Arbeitskolonien geschaffen (Pastor v. Bodelschwingh). Ein jüdischer Versuch in dieser Richtung besteht in der jüdischen Arbeiterkolonie Weißensee. Bei dieser Fülle der Nöte bedarf es des ganzen Solidaritätsgefühls, um die jüdische Wohlfahrtspflege nicht versagen zu lassen. E. C. Über den Verlauf der Tagung geht uns weiterhin folgender Bericht zu: Herr Ministerialrat Dr. Wittelshöfer sprach am Montag vormittag Uber „Grundlagen der staatlichen Wirtschaftsfürsorge" mit besonderer Betonung der lür die jüdische Wohlfahrtspflege in Frage kommenden Punkte (Erwerbslosenfürsorge, Ausländerlürsorge), während der Korreferent, Herr Rechtsanwalt Dr. Georg Baum, die Hauptgebiete der jüdischenSozialpolitik (Durchwandererfürsorge.Arbeitsnachweiswesen, Berufsberatung) von großen allgemeinen Gesichtspunkten aus zur Darstellung brachte. Daran sdiloß sich der Vortrag von Herrn Dr. Theilhaber über „Jüdische Bevölkerungsfragen", der in erster Linie die sozial-hygienische Fürsorge im Interesse der Gesunderhaltung der jüdischen Der geflochtene Schuh als letzte Modeneuheit 16.50 19.50 NORDHEIMER

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