Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 24 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang e Weihe des Ehrenmals 6. Juni 1926 Eine eindrucksvolle Feier, ernst, weihevoll und tief in ihrem äußeren Verlauf und an innerer Erhebung, so hörte man die Stimmung kennzeichnen, von der die Teilnehmer an der Weihe des Ehrenmals erfüllt wurden, das „Ihren für das Vaterland dahingegangenen Söhnen die dankbare israelitische Religionsgemeinde" iso lautet die Inschrift) auf dem Ehrenfriedhof errichtet hat. Unter außerordentlich starker Beteiligung (es wurden an 2000 Personen geschätzt) ging die Weihe vor sich. Neben zahlreichen Gemeindemitgliedern hatten sich Vertreter von staatlichen und städtischen Behörden und Abordnungen verschiedener Organisationen eingefunden: Kreishauptmannschah (Oberregierungsrat llempel), Amtshauptmannschaft (Regierungsassess. Dr. Stahl), Rat der Stadt Leipzig (Stadtrat Dix u. a. Stadträte), Reichswehr, Reichsgericht (Reichsgeriehtsrat Dr. David), Landgericht. Amtsgericht und Oberstaatsanwaltschaft, das Reichsbanner Schwarz - Rot - Gold in großem Zuye. sächs. Krieger¬ und Militärvereine mit Fahnen* abordnungen, die Vereinigung sächsischer Feldkameraden, der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, die Genossenschaft freiw. Krankenpfleger vom Koten Kreuz, der Landes- Sanitäterverband, das Sanitätsrettungskorps Leipzig, ferner der Verband sächsischer Religionsgemeinden, die Religionsgemeinden Dresden. Chemnitz und Zwickau, die Verbindung im K.-C. „Saxo-Bavaria" und der Burschenbund im B. C. „Alsatia" waren vertreten; geschlossen waren erschienen der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Ortsgruppe Leipzig und Bund jüd. Frontsoldaten der ehem. ÖSterr-Ungar. Armee (Leipzig). Vom R. j. F. waren ferner fünf auswärtige Ortsgruppen vertreten. Eingeleitet wurde die Feier durch einen Gesang des Synagogenchors: ..Der Herr ist mein Hirt". Die Weiherede hielt Herr Gemeinderabbiner Dr. Goldmann. Das Denkmal, so etwa führte der Redner aus, wird errichtet als ein Zeichen persönlicher Dankbarkeit für die, deren Andenken es wacherhalten soll, der Dankbarkeit der Hinterbliebenen an die, die in treuer Pflichterfüllung dem Vaterlande gegenüber dahingehen mußten. So soll das Denkmal ein Symbol der Treue sein; es ehrt die Treue derer, die im Dienste des Vaterlandes den Tod gefunden, aber ehren soll es auch unsere Treue, die wir ihrem Andenken bewahren. Treue bewährten jene Tapferen, deren Namen das Ehrenmal trä^t. Sie haben trotz mancher Hemmungen, die ihnen hartnäckige Vorurteile hätten bereiten können, in jeder Art der Betätigung in Treue zum Vaterlands »ehalten, und haben damit eine gewaltige sittliche Leistung vollbracht. Sie konnten sie vollbringen als Glieder des Volkes der Treue, das stets seine Ireue gewahrt hat, wie seinem Glauben, so auch dem Vaterlande. Und wenn nun das Ehrenmal von solcher Treue künde, so soll es zugleich das Gelöbnis der Lebenden ausdrücken, auch ihnen, denen es gilt, die Treue zu wahren. Ihre Namen werden schwinden, aber der Geist der Treue, der sie beseelte, darf nicht vergehen; ihr Idealismus, ihre Großzügigkeit, ihr Mut, die Einheit, die sie praktisch vorgelebt haben. Diesem Geist treu verbunden bewähren wir gleicherweise Treue zum Staate und Treue zum Judentume. Wenn der sittliche Geist der Treue die Welt erfüllte, würden alle Kriege vermieden, würde Friede in der Welt herrschen. Treue ist die sittliche Forderung, die des ewigen Friedens Grundlage ist Mit dem Denkmal verknüpfen sich wohl in erster Reihe die 121 Gefallenen unserer Gemeinde, aber die Gedanken um fassen auch die 12000 jüdischen Gefallenen der deutschet: Armeen, die 40000 im üsterr.-ungarischen Heere gefallenen Juden und darüber hinaus die Millionen deutscher Volksgenossen, die Millionen nichtjüdischer Mitkämpier in den verbündeter Armeen. Um sie alle schlang sich die Einheit der Treue. So wollen wir ihr Andenken in diesem Geiste der Einheit ehren, aus dem heraus wir um Einheit und Frieden für das Vaterland und für die ganze Welt beten. Als Vertreter des R. j. F. gab dann Herr Rechtsanwalt Dr. A. Jacoby seiner Freude Ausdruck über die Einheitsfront, die sich bei dieser Weihefeier gebildet habe: Kameraden aller Truppengattungen und aller religiösen und politischen Schichtungen hätten sich zusammengefunden. Zum Wohle des Vaterlandes müsse sich auch ein Weg finden lassen zur Einigung Deutschlands, die alle in gleicher Weise an der Befriedung Deutschlands mitwirken lasse. Namens der „Frontsoldaten der ehem. österr.-ungar.Armee" sprach Flerr Seemann, der ein Bild von der Stellung der Juden im österr.-ungar. Heere zu Volk und Vaterland und nicht zuletzt gegen Deutschland entrollte und zeigte, wie auch bei ihnen das Gefühl treuer Pflichterfüllung bestehen dürle. Nach weiteren Ansprachen des Vorsitzenden der Ortsgruppe Leipzig des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, des Herrn Rabbiner Dr. F u ch s für die Isr. Religionsgemeinde Chemnitz, und des Vorsitzenden das Reichsbanners, Herrn Ehrich, wurde das Lied vom treuen Kameraden gesungen. Alsdann übergab Herr Gemeindevorsteher Carl Goldschmidt das Ehrenmal der Öffentlichkeit, indem er namens der Gemeinde gelobte, daß die Obhut für das Denkmal sich nicht allein auf die äußere Sorge für seinen Schutz erstrecken solle, sondern auch die Pflege des Geistes, aus dem heraus das Ehrenmal errichtet wurde, umfassen solle, des Geistes der Pflichterfüllung und der Dankbarkeit. — Hierauf ordneten sich die Fahnenabordnungen, die Ehrengäste und alle übrigen Teilnehmer zu einem Zuge, der sich zum Ehrenfriedhof hin bewegte, um dort zu Kaddisdigebet und Kranzniederlegung Halt zu machen. Kränze wurden gewidmet vom Rat der Stadt Leipzig, der Reichswehr, dem Reichsbanner, den Militärvereinen, von verschiedenen Ortsgruppen des R. j. F., sowie von zahlreichen Angehörigen der auf dem Ehrenmai verzeichneten Gefallenen. Alsdann bewegte sich der Zug am Ehrenfriedhof vorbei; etwa dreiviertel Stunde verstrich, bis alle Teilnehmer vorüber waren. Ein ehrendes Zeugnis dankbarer Gesinnung ist in weihevoller Stunde seiner Bestimmung übergeben worden: zu erinnern und zu mahnen. $