Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 23 (4.6.1926)
- Date
- 1926-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Jüdische Familienforschung von Dr. Arthnr Czelilzer (Berlin) Die Notwendigkeit der jüdischen Familienforsdiuug Wilhelm Schallmayer legt in seinem klassischen Werke „Vererbung und Auslese" sich die Frage vor, warum die Chinesen es vermocht haben, durch Jahrtausende sich auf einer Kulturhöhe zu halten, von der Griechen und Römer rasch hörabglitten, Kontinuit&t des Staates und der Sprache zu bewahren und „eine Volkstüchtigkeit zu erreichen und zu be haupten, wie sie kein anderes großes Staatswesen jemals auch nur vorübergehend, geschweige auf so lange Dauer zuwege gebracht hat". Er findet die Antwort auf diese Frage in dem von alters her entwickelten chinesischen Familiensinn: „Alle Volksklassen, die höheren nicht weniger als die niederen, sind dort von der Anschauung beherrscht, daß der Besitz zahlreicher Kinder, besonders Söhne, das größte ülück ist, das einem Menschen beschieden sein kann. Diese Anschauung wird genährt durch die außerordentlich hohe Verehrung, die bei ihnen den Eltern seitens der Kinder zukommt sowie durdi die strengen Pflichten, die den Kindern gegenüber den hltern auferlegt sind Die Familienbande sind so innig wie kaum irgendwo. ... Infolgedessen ist das Aussterben hervorragender Familien in China keine so häufige oder gar regelmäßige Sache wie in Europa, und nicht ohne berechtigten Stolz weist der Chinese auf die große Zahl chinesischer Familien hin, die einen zweitausendjährigen und selbst dreitausendjährigen Stammbaum aufweisen können". Wenn auch nicht ganz so intensiv wie bei den Chinesen, wo alle Religionstlbung auf Ahnenkult d. h. Pflege der Familientradition beruht, ist auch bei uns Juden die Familie der gebotene Angelpunkt des Lebens. Im „Z a r a t Ii u s t r a" spridit Nietzsche jedem Volke als besondere Figenheit ein Sonderideal zu: „Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner Überwindungen Tafel. Siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht". Zweifellos hat Nietzsche Israel im Auge, wenn er, nachdem erst vom Griechen, dann vom Polen die Rede war, an dritter Stelle sagt: „Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen zu sein, diese Tafel der Überwindung hängte ein anderes Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit". Das Volk, das der Welt den Sabbath geschenkt hat, schuf durch die Art. wie im Familienkreise dieser Ruhetag begangen wird, sich selbst den unversieglichen Jungbrunnen und umkleidete die Familie mit der Gloriole der gottgewollten Institution. In seiner Familie fand der Jude den heiligen Boden und den schützenden Schoß, der ihm durch Jahrhunderte der Verfolgung die Kraft gab. um dem Neid und Haß seiner Feinde, den oft erniedrigenden Kämpfen des Alltags zu trotzen. Die moderne Bevülkcrungswissensdiaft kennt das Problem des Aussterbens der städtischen Familien. Die Städter sterben aus, aber die Städte bleiben bestehen durch den Zuzug vom Lande. Von hier fließt dauernd neues frisches Blut in die Adern des Volkstums und befruchtet und erhält seine Kultur. Die judcn sind seit jaiu iiunderieii vom Bodenbesitz ferngehalten, der „Mutter Erde" entfremdet. Und sie sind dennoch am Leben geblieben. Die Muttererde des Juden war seine Lamilie, die ihm vieles, schließlich alles ersetzen mußte! Sie ist heute für dieses Volk ohne eigen Land, ohne eigene Sprache - zum mindesten für die Vielen, die aller rituellen Betätigung und jeder dogmatischen Bindung entfremdet sind, die einzige Klammer geworden, die sie mit ihrem Wurzelboden verbindet und im Judentum festhält. Auch diese Klammer ist durch die Entwicklung der letzten hundert Jahre gelockert worden. Viele Gründe sind es, die dazu führten, die alten Formen jüdischen Familienlebens und die alte Tradition zu zerstören. Teils s jziologische, die sich erklären aus dem Charakter des Städters, Und die Juden sind ja in den letzten hundert Jahrreu überwiegend ein Stadtvolk, ein Großstadtvolk geworden. Noch vor vierzig Jahren wohnten 67" 0 aller preußischen Juden ht Orten mit weniger als 50000 Finwohnrn. Im Jahre 19M waren es nur noch 200 „. Heute werden es höchstens 17" , sein. In Berlin wohnen heute etwa 250000, also die Hälfte aller deutschen Juden! Das bedeutet eine Umwälzung, eine Art Völkerwanderung, denn 50" ,„ also die Hälfte aller preußischen Juden haben ihre Heimat verlassen und sind von kleinen Städten in große gezogen Was bedeutet aber solche Wanderung für die Familie? Meist sind es nur die Jungen, die weggehen; die Alten bleiben auf dem Lande oder in der Kleinstadt. Die Kinder der Fortgezogenen wachsen in der Großstadt auf. Sie kennen oft schon die Großeltern nicht mehr, und die beste und na:ürlidie Gelegenheit zu lebendiger Anschauung der Vergangenheit geht verloren. Stadtkultur ist aber auch jeder indirekten Überlieferung abhold. Ihr hastendes Treiben läßt dem Einzelnen keine Zeit zur Finkehr und Besinnung auf sidi selbst. Den Blutsverwandten fehlt die Zeit und die Gelegenheit zu regelmäßigen Zusammenkünften und mit diesen schwindet auch rasch das Gefühl der Zusammengehörigkeit! Früher floß in mündlidier Überlieferung der Strom der Familienerlebnisse, der Kunde von dem, was die Altvorderen gelitten, der Stolz auf das, was sie geleistet, durch die Zeiten. Fs bedurfte keiner gedruckten Chronik, um die Tatsachen, und keines Stammbaums, um die Personen vor Vergessenheit zu bewahren. Das alles wurde anders, als die Aufklärungszeit und die ihr folgende Emanzipation mit vielem Abgestorbenen und Wertlosen audi gute und widitige Institutionen hinwegfegte. Wie ein Sturmwind, der neben toten Ästen audi blühende Zweige knickt und lebende Wurzeln aus ihrem Erdreich reißt. Mit den alten rituellen Formen, die Fest- und Ruhelage zu feiern, verloren gerade diejenigen Intellektuellen, die ihre Köpfe und Herzen am frühesten liberalen Ideen und moderner Kultur erschlossen, in vielen Fällen den lebendigen Zusammenhang mit ihrer Familie. Während die traditionsfeindliche Wirkung der Großstadt niditjüdisdie Familien ebenso trifft wie die jüdischen, kommt bei diesen noch hinzu, daß außer dem sozialen Aufstieg zu höherer Bildung und neuen geistigen Interessen aud< der Claiibenswechsel, die Taufe oder doch die religiöse Gleichmütigkeit und Indifferenz eine kulturelle Kluit zwischen Nach fahren und Vorfahren entstehen läßt, die am schmerzlichsten von den führenden geistigen Schiditen empfunden wird. Die Pietätlosigkeit steigert sich bei Getauften oder den: Judentum Entfremdeten mitunter bis zu dem bewußten Willen, alle Spuren jüdischer Ahnen zu vernichten. Ist aber erst ein mal das lange und sorglich bewahrte Traditionsgut, die Doku mente, Reliquien oder Famiiienpapiere vernichtet, so ist di Kette zwischen Vergangenheit und Zukunft unwiederbringlk zerrissen. Späte Enkel können selbst bei wärmstem Interess und eifrigstem Forschen den verschütteten Weg zu ihren Vor Vätern nicht zurückfinden. Der geflochtene Schuh als letzte Modeneuheit! 16.50 19.50 NORDHEIMER