Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 19 (1.5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4876568-5968774-5968903--0449-4876964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT l^ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Opferwilligkeit Von Dr. Felix Goldmann Im Mittelpunkte der jüdischen Sittenlehre steht der Opfergedanke. Das Bewußtsein, daß die Bindung an Gott von jedem einzelnen Menschen die Hingabe von Kräften des Geistes und des Leibes, von Zeit, von lieb gewordenem Eigentum verlangt, schuf die gottesdienstliche Form des Opfers, das trotz aller äußerlichen Bedenken, die zu seiner Beseitigung aus dem Ritus des Judentums geführt haben, das reinste und klarste Symbol der menschlichen Einfügung in das Ganze religiösen Lebens geblieben ist. Tier- und Weihrauchopfer mögen geschwunden sein, aber der Opfergedanke bleibt in seiner Alleinherrschaft, (Urne den Willen zum Opfer ist religiöses Seimen unfruchtbare Sentimentalität, verkappter Egoismus, und religiöses Lehen wird zur peinlichen Phrase. Alles Unbefriedigtsein mit der Religion in unseren Tagen führt auf den einen Quell zurück. Daß die Opferwilligkeit versiegt ist, raubt dem religiösen Sein Kraft und Wirken! Für sie gibt es keinen Ersatz! Nicht wird sie ausgeglichen durch Flucht in die Gefilde mystischer Traume, nicht ist ihr gleichwertig die Geschäftigkeil politischen Lärms! Nicht der festeste Glaube, nicht die ehrlichste Erfüllung des Sittengesetz.es, nicht die peinlichste Beobachtung der Zeremonien ist wahre Religion! Wo aber in schlichter Selbstverständlichkeit wirkliche Opfer gebracht werden, wo Menschenseelen empfinden, daß ein echtes Opfer Entbehrungen, ja Schmerzen mit sich bringt, herrscht die wahre Religion der Tat. Auch des modernen Judentums Opferfreude und damit sein wahrhaftes religiöses Empfinden darf nicht bestritten werden. Riesige Summen an Geld werden vor allem für die sozialen Aufgaben der Religionsgemeinde und für die des Unterrichts aufgebracht und ausgegeben. Persönliche Kraft wird in Hülle und Fülle in den Dienst der Verwaltung gestellt. Nicht darüber ist zu klagen, daß es an Opferfreudigkeit fehlt, wohl aber bedarf die Einseitigkeit des Willens einer nachdenklichen Betrachtung. Denn gerade ein Gebiet, das nach der ganzen Entwicklung und Anschauung des Judentums das wichtigste sein sollte, der Gottesdienst und das Gotteshaus, entbehren insbesondere bei den liberal gesinnten Gliedern unserer Gemeinde jener opferstarken Fürsorge, die sie vor allem verdienen. Und eine kurze Betrachtung zweier deutlicher Beispiele möge die Forderung beleuchten, die auch Gotteshaus und Gottesdienst an den religiösen Juden stellen. Unsere Leipziger Gemeindesynagoge, die vor etwas mehr als siebenzig Jahren in einer Zeit des politischen Druckes und der bürgerlichen Zurücksetzung entstand, spiegelt in ihrem freudlosen Düster, in ihrem unechten Material, in ihrer Fnge und Unbequemlichkeit den Charakter ihrer Entstehungsperiode meisterhaft wider. Fs «ibt bestimmt in keiner deutschen Großgemeinde ein Gotteshaus, üas nüchterner und stimmungsloser die Beter empfinge. Bis zu einem gewissen Grade wäre es nun möglich, etwas betonter Frohes und Lebendiges den Besuchern zu weisen, wenn — wie in fast allen anderen Synagogen — festlicher Schmuck der Lade vorhanden und so für eine gewisse Abwechslung gesorgt wäre. Seltsamerweise ist aber seit etwa fünfzig jähren keine Einzelperson keine Organisation auf den Gedanken gekommen, etwas zur Zierde der Synagoge beizutragen. Sabbath für Sabbath und Festlag für Festtag prangen dieselben Vorhänge, ein roter und ein weißer, die auch schon die Spuren des herannahenden Verfalls aufweisen. Mehr ist nicht vorhanden) Und die Dürftigkeit unseres Synagogenschmuckes sollte ein steter dringender Appell an die Opferwilligkeit unserer Gemeindemitglieder sein, damit man bei freudigen, aber auch bei traurigen Anlässen sich unseres G.<t(eshauses erinnert und ihm jene Zierden zuwendet, über die andere Synagogen in reichem Maße verfügen. Ebenso brennend ist auch die Frage des Synagogen* chors. Daß in einem jüdischen Gotteshause der Sang zur Verherrlichung Gottes an sich nur von Juden angestimmt werden sollte, ist SO selbstverständlich, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. In der Pelerskirche zu Rom singen nur Katholiken, in der Thomaskirche singen nur Protestanten, und es wäre absurd, wenn dem nicht so sein sollte. Daß ein Synagogenchor nur aus Juden zusammengesetzt sein solle, ist demnach eine Forderung, die von den weitesten Kreisen der Gemeinde als unbedingt notwendig anerkannt wird. Der theoretischen Zustimmung mangelt aber die Folgerichtigkeit, die zum Opfer und zur Tat zwingt. Denn nur ganz vereinzelt gehen Meldungen von Juden zum Synagogenchor ein, und zumal bei den Männerstimmen ist die Zahl der geeigneten Bewerber gleich null Ich persönlich stehe auf dem Standpunkte, daß es unter diesen Umständen richtig wäre, den Synagogenchor solange eingehen zu lassen, bis sich aus den Kreisen der Gemeindemitglieder die erforderliche Menge von Kräften meldet. Ich weiß freilich auch, daß diese meine Ansicht in vielen Kreisen der Gemeinde nicht geteilt wird. Aber dann muß die erforderliche Opferwilligkeit sich regen, und wie in alter Zeit beim Bau des Tempels jede Kraft nach ihrem Können sich in den Dienst der Sache stellte, so muß auch heute wieder das Bewußtsein der Tatverpflichtung viel kraftvoller wirken als bisher. Solange es vorkommen konnte, was noch vor wenigen Monaten der Fall war, daß nur ein Fünftel der mitwirkenden Kräfte Juden waren, solange erklingt herbe Anklage gegen die mangelnde persönliche Opferfreudigkeit der Gemeinde! Und von diesem Aufruf erwarten wir, die wir im Dienste der jüdischen Religion stehen, daß er alle zur Mitwirkung befähigten Glieder der Gemeinde an ihre religiösen Pflichten erinnere. Zwei Beispiele sind herausgesucht worden, man könnte sie beliebig vermehren. Sie würden erweisen, daß der Strom der Opferlreudigkeit in unserer Gemeinde wohl Hießt, daß er aber nicht alle Gebiete befruchtet. Des Judentums Mittelpunkt ist aber Religion, und der Religion Inbegrill ist der Gottesdienst. Opferwilligkeit, die ihm nicht zugute kommt, ist löblich und erhaben, echtes Judentum bedeutet sie aber noch nicht! Und das zu betonen ist die zwingende Aufgabe, der diese Zeilen gerecht werden sollten. Besserung herbeizuführen ist die erste Pllidit einer Gemeinde, die auf ihren Opfersinn stolz! sein will. Poet?fdi-Kaffee Detailverkauf: Hainstr. 16 18 - Königsplatz 13 - Grimm. Steinweg 20 Der geflochtene Schuh als letzte Modeneuheit 16.50 19.50 NORDHEIMER