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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-04-23 · 17 (23.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
17 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Spanien und die «luden Die große Madrider Zeitung „ABC" richtete kürzlich an die Regierung die Aufforderung, die Königliche Geschichtsakademie möge nunmehr offiziell und allgemeingültig feststellen, daß Columbus Spanier, nicht Genuese, war, und daß somit der Ruhm der Entdeckung Amerikas uneingeschränkt der spanischen Rasse zugeteilt werde. Es heißt — und wird seit langer Zeit von spanischen Historikern behauptet —, daß Columbus sich dem spanischen Königspaar Fernando und Isabel nur deshalb als Genuese vorstellte und seine wahre Herkunft verheimlichte, weil seine Mutter Jüdin gewesen sei. Bekannt ist, daß gerade zu Zeiten Ferdinands und Isabellas die |udenver!olgungen in Spanien begannen. Die spanischen Historiker führen eine ganze Anzahl von Beweisen ins Treffen, daß Columbus in Spanien geboren sei. Diese Anregung der Madrider Zeitung ist ein Symptom für eine tiefgehende Bewegung im Denken der Spanier. Das Schicksal der einstigen jüdischen Bevölkerung der Pyrenäenhalbinsel ist in jüngster Zeit stark in den Vordergrund der Betrachtungen getreten. Schon seit geraumer Zeit bahnt sich ein sehr ernster Wille der Spanier an, das Unrecht, das einst an den Juden begangen wurde, wieder gut zu machen. Anfangs zaghaft, dann immer wärmer und dringender ließ die spanische Regierung ihren Wunsch kund werden, wieder eine jüdische Bevölkerung ins Land zu ziehen. Vor bald zwanzig Jahren wurde ein jüdischer Gelehrter an die Universität Madrid berufen, mit dem ausdrücklichen Auftrage, durch Erforschung der alten jüdisch - spanischen Literatur zur Überbrückung der Spanne zwischen der Vertreibung und der Neuzeit beizutragen. - - Zu spanioiisdien Juden auf der Balkanhalbinsel (den Nachkommen der einst aus Spanien und Portugal Vertriebenen) sprach der spanische Gesandte wie zu einstigen Landsleuten: in tiefer Rührung habe er den Klang des Spanischen aus dem Munde von Juden gehört, die durch mehr als vier Jahrhunderte im Festhalten an der Sprache die Liebe zum Heimatiande ihrer Vorfahren bekundeten; Spanien gebe nicht die HoHnung auf, daß die Nachkommen der einst spanischen Juden wieder den Weg in dieses Land gehen würden. — Und so lassen die entsprechenden Stellen keine Gelegenheit vorübergehen, ohne immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Seßhaftmachung der Juden in Spanien durch jegliches Entgegenkommen seitens der spanischen Behörden erleichtert und gesichert werden würde. Haben auch diese Bemühungen bisher nur zu geringen Ergehnissen geführt — in einzelnen Städten, wie z. B. in Barcelona, haben sich kleine Gemeinden gründen können —, so haben sie doch Anlaß dazu gegeben, daß man sich innerhalb und außerhalb Spaniens wieder eifrig mit der Geschichte der Juden in jener so unglückselig abgebroch'inen Epoche beschäftigt, und daß, mit weitgehender Unterstützung der Regierung, eine Fülle neuer Erkenntnisse über die äußere und innere Geschichte der Juden auf der Pyrenäenhalbinsel zutage gefördert wird. Diese Forschungen haben auch Anlaß zu jenem eingangs erwähnten Ersuchen gegeben. Es war natürlich, daß wissenschaftliche Untersuchungen mit besonderer Liebe die Entwicklung des Marranentums klarzustellen trachteten. Jene vielen Tausende, die unter dem Drucke der Inquisition zum Scheine das Christentum annahmen, um den Verfolgungen zu entgehen, sind wohl zum Teil schließlich doch aus dem Lande gegangen, um in anderen Ländern sich wieder offen zum angestammten Glauben bekennen zu dürfen; viele aber haben allmählich ihren Zusammenhang mit dem Judentum ganz aufgegeben und sich restlos mit der nichtjüdischen spanischen Bevölkerung vermischt. Damit aber gewinnen diese Fragen auch für die Spanier selbst an Interesse. In der Tat sind durch die von der spanischen Regierung nun zugestandene Benutzung der Archive ganz ungeahnte Ergebnisse gezeitigt worden. Die familiengeschichtliche Forschung hat außerordentlich weitgehende Zusammenhänge zwischen ganz hochstehenden spanischen Familien und Marranen festgestellt. Namhafte Gelehrte gehen sogar soweit, zu behaupten, es gäbe kaum eins unter den altadligen Geschlechtern Spaniens, dem nicht Marranenblut einen sehr bedeutsamen Einsdilag gegeben habe. Im Rahmen dieser Untersuchungen traf man nun auch auf gewisse tiefe Beziehungen zwischen dem „großen Spanier Columbus" bezw. seiner so folgenreichen Entdeckungsreise und den Juden und Marranen seiner Zeit. Ernste Historiker stellten die These auf, daß auch der mutige Seefahrer selbst einer Marranenfamilie entstamme. Spaniens berechtigter Stolz auf diesen seinen großen Sohn verlangt nach Klarheit. So wird es verständlich, daß auch unter diesem Gesichtspunkt die Forschung immer tiefer in die Frage des Marranentums und damit auch in die zahlreichen ungeklärten Probleme der Geschichte der spanischen Juden eindringt. Ein gewaltiges Material wird zutage gefördert. Umfangreiche Urkundenwerke lassen Verhältnisse wieder aufleben, von denen wir kaum etwas hatten ahnen können. Fast gewinnt es den Anschein, als ob wir jetzt erst am Anfange eines wahren Verständnisses für die Bedeutung sehen, die die spanischjüdische Epoche für die Gesamtgeschichte des europäischen Judentums besitzt. Wie sich das Marranentum herausbilden konnte, wie es um sich griff, welche Persönlichkeiten es innerlich überwanden, und welche ihm zum Opfer fielen, Fragen, auf die bisher nur vage Antworten erfolgen konnten, treten in ganz neue Beleuchtung; „die Urkunden zeigen die Menschen deutlicher, ohne Schleier und ohne den Affekt des Berichterstatters". Wir gewinnen Einblicke in die furchtbare Gewalt dieses „von religiösen Suggestionen und Kämpfen durchwühlten Zeitalters", von denen sich nur wenige eine Vorstellung gemacht haben. Selbst wenn diese Untersuchungen, wie es den Anschein hat, zu dem Ergebnis gelangen, daß die Hypothese aer Abstammung Columbus' von spanischen Juden zusammenfallen muß: wir müssen ihre Aufstellung begrüßen, weil das den Anstoß zu so wertvoller Vertiefung unserer Kenntnis von jener Geschichtsepoche gegeben hat. Wir erfahren von der Struktur der spanischen Judenheit, wie sie im Gemeinde- und Geistesleben sich entfaltete, von ihrer Stellung zur Wissenschaft und zur Kultur der Zeit, von ihrer sozialen Gliederung und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Die Biographien einzelner Persönlichkeiten, von Talmudgelehrten, die sich daneben auch als Ärzte oder Astronomen oder als Gelehrte auf anderen Gebieten öffentliches Ansehen erwarben, erhalten eine große Bereicherung und runden dadurch das Bild ab, das wir bisher nur auf Grund unserer jüdischen literarischen Quellen zeichnen konnten. Und so wird uns die Entwicklung und der tragische Ausgang dieser Epoche um vieles verständlicher. Wenn auch jenes Verlangen Spaniens nach einer neuen jüdischen Bevölkerung noch keinen großen Zustrom bewirken konnte: die literarische Durchdringung des spanischen Volkes Der gef lochlene Schuh als letzte Modeneuheif! 16.50 19.50 NORDHEIMER

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