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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-04-09 · 15 (9.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
15 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIÜI0NSGEME1NDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Polen und Die Umwälzung Europas, die der Weltkrieg verursacht hat, | besdierte der Politik eine Fülle von Problemen, unter denen das polnische Judenproblem auch außerhalb des engen jüdischen Kreises von einschneidender Bedeutung ist. Auf der einen Seile leben auf polnischem Boden, der den ehemaligen Ansiedlungsrayon umschließt, etwa drei .Millionen Juden, andererseits aber herrscht ein zähes Ringen zwischen den Polen, die wirtschaftlich die bisher von den Juden innegehabten Positionen erstreben, und der jüdischen Bevölkerung, die einstmals allein die Stelle des handeltreibenden Mittelstandes einnahm, und die mit der Kraft der Verzweiflung um ihre Existenz kämpft. Heftig sind die Begleiterscheinungen dieses Kampfes, und mehr noch als anderswo ist die antisemitische Bewegung in Polen im Grunde eine rein wirtschaftliche, der das nationale Moment nur als eine Ar! von idealem .Mantel gilt. Das bedingt freilich auch, daß in Polen die Feindschaft gegen die Jaden wen tiefer und schwerer zu bekämpfen ist als in den meisten anderen Ländern. Trotz der heftigen Kampfe, die von beiden Seiten mit Erbitterung geführt wurden und werden, läßt sich an Gegeben- 1 heiten nicht rütteln. Der polnische Staat ist eine Tatsache, die starke jüdische Bevölkerung ist gleichfalls eine Tatsache. Und der Umstand, daß Polen zu den Kulturstaaten gerechnet werden will und muß, bedingt, daß das Land in ein erträgliches, friedliches V erhältnis auch zu den Juden zu kommen versucht. Audi bei den Juden, die ja jederzeit ein staatstreues Element gewesen sind, hat das Bewußtsein sidi durchgesetzt, daß eine Oppositionsstellung auf die Dauer sidi nicht mit den Kultuiaufgaben friedlicher Bürger vereinen läßt. Gewiß sind die Verhältnisse noch nidit als durchaus geregelte und rosige zu nennen. Gegensätze von so großer Tiefe lassen sich nicht mit einem Schlage beseitigen, und sie teilen das Schicksal der anderen so zahlreich vorhandenen europäischen Differenzen, die sich erst langsam ausbleichen können. Was aber festgestellt werden darf, ist die Erkenntnis, daß Polen und seine Juden einen modus vivendi finden müssen, und der Wille aut beiden Seiten, die Wege eines friedlichen Ausgleichs zu sudien. Und so ist zunächst, nachdem zwischen dem Ministerpräsidenten Grabski und den jiidisdien Abgeordneten ein Ausgleich vereinbart worden war. anstelle der prinzipiellen Opposition der Juden eine wohlwollende und sadilidie Stellungnahme getreten, weidie sich audi unter dem Einfluß der gegenwärtigen Schwierigkeiten und Wandlungen im Präsidium des jüdischen Klubs nicht ändern wird. Äußerlich wurde der Friede unter der Ära Grabski durch ein Abkommen zwischen der polnischen Regierung und dem Klub der jüdischen Abgeordneten im Sejm geschlossen. Die jüdischen Parlamentarier erklärten, daß sie sich streng auf den polnisch-staatlidien Standpunkt stellen wollten, wohingegen die Regierungewisse jüdische Korderungen, die in den sogenannten;wölf Punkten des jüdischen Klubs formuliert wurden, zu erfüllen versprach. N ich neueren Ausführungen des Unterrichtsministers hat die Regierung eine Reihe von Anordnungen getroffen, um die Forderungen des Vergleichs zu erfüllen. Das Dekret des Staatspräsidenten über die Organisation der jüdischen Kulturgemeinden wurde aul die örtlichen Wojewodschaften ausgedehnt, und die Differenzen zwischen der Regierung und der Kultusgemeinde Warsdiau. die Verhandlungssprache betrafen, wurden beigelegt. Der Staat erklärte sich mit der jüdischen Sprache einverstanden, und die Verwaltung der Gemeinde konnte wieder normal funktionieren. In den ötfentlidien Sdiulen, die von den Juden besucht werden, ist durch eine Verordnung des Unterrichtsministeriums der Unterricht im Jüdisdien garantiert; eine Reihe von jüdischen Kachschulen, welche von der Regierung subventioniert werden, erhielten die Konzession, sich beim Unterricht der jüdischen Sprache zu bedienen, und im jüdischen die Juden Lehrerseminar zu Wilna wurde eine staatliche Reifeprüfung eingeführt. Auch im Bereidi der Heeresverwaltung beginnt der neue Kurs seine Wirkungen insofern zu zeigen, als den jüdisdien Militärpersonen koschere Verpflegung zugesichert wurde, Schwieriger sind bei aem Ausgleich die Fragen des numerus clausus und der Sdiankkonzessionen gewesen Hier wird es gewiß nodi großen Entgegenkommens bedürfen, aber immerhin sind heute schon 20 -30" „ der von den Hochschulen aufgenommenen Hörer Juden, und es muß bemerkt werden, daß auch für diristlidie Hörer ein Redit der Zurückweisung bei Überfüllung einer Hochschule besteht und ausgeübt wird. Daß auf der Universität Posen sidi eine so geringe Anzahl jüdischer Hörer findet, geht in der Hauptsache darauf zurück, daß dort nur sehr wenige Juden wohnen und sieh demgemäß nur eine geringe Zahl gemeldet hat. Was nun die Frage der Schankkonzessionen anbetrifit, so hat die Regierung im Jahre 1925 eine große Anzahl eingezogen und damit die Juden sehr stark getroffen. Mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich vornehmlich für die Juden ergaben, wurde aber auf Grund einer Vereinbarung mit dem jüdischen Parlamentsklub die Einziehung der Konzessionen stark eingeschränkt. Es wäre töricht zu leugnen, daß auf diesem wie anderen Gebieten Grund zu Klagen besteht, aber der Wille der Verständigung ist fraglos auf beiden Seiten vorhanden. Als ein Zeichen der beginnenden Verständigung konnte es gewertet werden, wenn der jüngst abgehaltene Rabbinerkongreß in Warschau in besonders herzlichen Worten seiner Ehrerbietung vor dem Staatspräsidenten Ausdruck gab. Wesentlich ist auch die Stellung, die der polnische Staat neuerdings dem Zionismus gegenüber eingenommen hat. Nachdem sdion früher die polnischen Delegierten in Genf beim Völkerbund für das Palästinamandat ihre Stimme abgegeben hatten und ein ein polnisches Konsulat in Jerusalem gegründet worden ist, hat jetzt die Minoritätensektion des politischen Komitees des Ministerpräsidiums Besdilühse gefaßt, nach denen das Auswanderungswerk, die Sammlung von Mitteln und die Ausbildung von Chaluzim keineswegs behindert werden sollen. Die Leipziger Gemeinde umfaßt viele 'Pausende von polnischen Staatsbürgern, die zum Teil aus dem damals russischen, zum weitaus größeren Teile aus dem früher üsterreidiischen Gebiete stammen. Sie alle haben ein Interesse daran, daß ein friedliches Verhältnis zwischen dem polnischen Staate und den Juden hergestellt wird, da jeder von ihnen jeden Tag den Schutz seines Staates in Ansprudi zu nehmen vielleicht gezwungen ist. Der Krieg hat die Völker durcheinandergewürfelt, und wider seinen Willen ist mancher einem Staate zugeteilt worden. Daß insbesondere die ehemals österreichischen Juden die Überweisung an Polen nidit übermäßig freudig begrüßt haben, kann man wohl verstehen; waren sie doch, was von den damaligen Madithabern oft genug anerkannt worden ist, feste Stützen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Aber nicht um Wünsdie handelt es sich heute, sondern um Tat- Der geflochtene Schuh als letzte Modeneuheit! 16.50 19.50

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