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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-01-29 · 5 (29.1.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 GEMEIN!>EBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 5 Beobachtungen in China geben keinen Beweis des Verstehens, denn die jungen Chinesen, die sich im Umgange mit Europäern den Anschein echten Verständnisses für europäisches Wesen geben, würden sich den Chinesen gegenüber ganz anders geben. In Wahrheit aber sei das Mißverstehen oft produktiver als das Verstehen. —- Auch den Ausführungen über die Menstfhentypen kann Blumenfeld nicht beipflichten: diese seien nicht konstitutiv, nicht unabänderlich im Menschen gegeben; sie wechseln. So trete der Pazifismus oft genug erst in Zeiten der Gefahr in die Erscheinung, Besonders verweilt Blumenfeld bei der Frage der Bedeutung der „begnadeten Einzelnen". Er sieht in ihnen nicht die Schöpfer, sondern die Exponenten der Kultur: bestimmte Erkenntnisse können nicht das Leben der Menschen regeln. Sie gewinnen nur Wirkung, wenn sie aus der Kultur heraus gewachsen sind,, Die begnadeten Einzelnen können nur auftreten, wenn sie die Masse hinter sich haben, wenn sie in ihr Resonanz, finden. Und das ist nur der Fall, wenn sie in der nationalen Gruppe wurzeln. Die jüdischen Propheten konnten nur wirken, weil sie in ihrer Gemeinschaft ihre Wurzel hatten und sich zu Dienern ihrer Gemeinschaft machten. Das sei der Sinn der jüdisch-nationalen Idee, das jüdische Volk wieder zur Eigenkultur zu führen, damit in ihr wieder begnadete Einzelne sich entfalten könnten, um die Kultur j weiterzuführen. Nicht nationalistische, sondern nationale Kultur solle gepflegt werden; dem Oedanken der Einheit stelle der Zionismus bewußt die nationale Idee entgegen, weil er in dem Unterscheidenden, in der nationalen Eigenart gerade das Wertvolle erblicke: das jüdische Volk werde in der Entwicklung seiner Eigenart der Kultur Werte geben können; um diese Werte zu schaffen, arbeite der Zionismus an der Wiederaufrichtung der jüdischen Nation. An die Referate schloß sich eine Aussprache, in der Herr Rabbiner Dr. Goldmann u.a. die Notwendigkeit betonte, doch vom Nationalismus aus auf ein Uebernationales zu blicken . Wegen schon vorgerückter Stunde kam es nicht zu einer weiteren Aussprache; nach einem kürzeren, recht zurückhaltenden Schlußwort des Herrn Prof. Driesch und einem weiteren temperamentvollen des Herrn Blumcnfeld gingen die Anwesenden angeregt auseinander. Ein Halbjude Zum „Dramatischen Abend" im J. T. V.J. J. V. am 20. d.M. War in Frank Wedekind, dem heiß umstrittenen Dichter und Dramatiker, das jüdische Blut der Mutter oder der nomadenhafte Geist des christlichen Vaters stärker wirksam? Oder bildete sein bizarres, wahrheitsfanatisches Talent die Synthese aus beiden Faktoren? Seine Zeit hat den Dichter abgelehnt. Unsere Zeit ist ihm nähergekommen und hat doch noch nicht die Frage nach seiner Ewigkeitsgeltung entscheidend beantwortet. Kommt seine eigentliche Zeit erst noch? Teilt er das Schicksal der vielen Großen, die erst lange genug tot sein müssen, um so berühmt zu werden, wie sie es verdienen? Diese Fragen lagen der bei aller Gedrängtheit bildhaften und klaren Würdigung des Dichters zugrunde, mit der Laslo Kampl im J.J.V. seinen Wedekind-Abend einleitete. Die öffentliche litera- SCHIRME REPARATUREN STÖCKE BEZÖGE GUSTAV HAMPEL, hainstr. ta rische Meinung hat Frank Wedekind ins Judentum verwiesen, und die Einkehr seiner Tochter Pamela in unser städtisches Schauspiel hat ihn uns Leipzigern ins Blickfeld gerückt. Darum war die erste Tat der dramatischen Gruppe des Vereins nach langer Pause ein Wedekind- Abend. Nach der Einleitung las die Gruppe Wedekinds „Der Kammersänger". Man darf sagen: sie spielte das Stück im Sitzen und gab ein Höchstmaß an sprachlichem Ausdruck bei einem Minimum von Geste und Mimik. Herr Gruppenleiter, in Ihrer Gruppe steckt was! Geben Sie den Leuten zu tun! Der Eindruck der dramatischen Vorlesung auf das vollbesetzte Auditorium war ein außerordentlicher und der Wunsch nach baldiger Fortsetzung solcher „Versuche" wurde aufs lebhafteste kundgetan, M. b. M. Rechtsschutzstelle des Jüdischen Frauenbundes. Ortsgruppe Leipzig Dem Bedürfnis nach einem unentgeltlichen Rechtsschutz, für Unbemittelte will der Jüdische Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, wenigstens, soweit es sich um Rechtsschutz suchende F r a u e n und M ii d c h e n handelt, abzuhelfen suchen. Durch freundliches Entgegenkommen sozialgesinnter judüscher Rechtsanwälte ist die neugegründete Rechtsschutzstelle in der Lage, in geeigneten Fällen eine sachgemäße Wahrnehmung der Interessen von Rechtsschutzsucnenden durch einen Anwalt zu vermitteln. Frauen und Mädchen können sich in Rechtsangelegenheiten an Frau Ehrmann, König-Johann-Str. 16, wenden. Personalnachrichten Kürzlich feierte Herr Adolf Deutsch, Mitglied des siädt. Opern- und Gewandhaus-Orchesters i. R., und dessen Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit. Dem Jubelpaare wurden überaus zahlreiche Gratulationen und Ehrungen zuteil. Herr Deutsch gehörte '30 Jahre hindurch dem berühmte, l Orchester an und hat seine Kunst als Cellist häufig in den Dienst jüd. Wohltätigkeitsveranstaltungen selbstlos gestellt. Möge Herrn Deutsch und seiner Gattin noch viel Glück auf dem ferneren Lebenswege beschieden sein. Der Jüdische Frauenbund, Ortseruppe Leipzig, hatte seine Mitglieder f r Montau Nachmittag zu einem höchst beachtenswerten Vortrag ins Hotel I laude geladen. I'rau Hadassa Chamitzer reterierte über Max Urod's j ingsl erschienenes, umfangreiches Werk: JU'ubeni, Fürst der Juden". Die Vortragende verstand es. durch Inhalt und rhetorische Kunst das zahlreich erschienene Publikum zu fesseln. (Iber die ausführlich geschilderte Inhaltsangabe, die besonders die unorientierten Zuhörer plastisch in den Ideenkreis einfühlte, kam die Referentin zu bedeutsamen Fragen des Judentums, die das Huch jedem aufmerksamen Leser vorlegt. Die Messiasfrage, die einen besonders großen Raum dieses prominenten Werkes einnimmt, ist auch dementsprechend austührlieh behandelt worden. Mii einem warmen Appell an das jüdische Gewissen, besonders an das der j 'dischen Frau, schloli Frau Chamitzer, der das Publikum mit herzlichem Applaus nur einen kleinen Dank für die große und fleißige Arbeit abzustatten vermochte. Die Diskussion, die infolge der vorgerückten Stunde keine Vertiefung erfahren konnte, soll am Mittwoch Nachmittag in der Arbeitsgemeinschaft des Jüdischen Frauenbundes fortgesetzt werden. HERMRNN HORRMRNM

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