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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-01-15 · 3 (15.1.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 2. Jahrgang Oer Tränenkrug Im N'ila-Gebet, am Ausgange dos Versöhnungstages, wenn die «au/o Fülle inbrünstiger Andachl nach Ausdruck ringt, sprechen wir eine Reihe kurzer Gebetstücke, die in immer zunehmender Steigerung das demütige Mitten, das glaubige Vertrauen und das tiefsinnige Sehnen der jüdischen Seele zum Höchsten emporsenden. Als den Höhepunkt empfinden wir die packenden Worte: „Dir, der Du die Stimme des Weinens erhörst, möge es gefallen, unsere Tränen hinzunehmen, wie im Kruge gesammelt, und jedes böse Geschick von uns fernzuhalten: an Dir allein können ja unsere Augen hangen". Tränenkrug! Welch bitteres Wort! Das jüdische Schicksal vieler |ahrhunderte ist sein Inhalt! Wieviele .Millionen Juden haben weinen müssen über das besondere Los. das ihnen ihr Judentum bereitet hat. Hundertmal schien es, als ob die Menschen lassen wollten von Vorurteil und Ungerechtigkeit, womit sie das Volk der Sinailehre quälten; und hundertmal warf rohe Gewalttat die vom Anbruche des (ilückes Träumenden in ein Meer von Tränen So legte denn Jahr für Jahr der Jude in das (lebet des Jörn kippur ein Mehr von Tranen. Unter diesem bitteren Zeichen: „Der Tränenkrug* sind im Verlage des National-Museums „Bezalel". Jerusalem, 24 Zeichnungen von Abel l'ann. mit einem Vorwort von Dr. II. P. Chajes, erschienen Es gibt keinen markanteren Ausdruck für die Qual, die aus diesen Zeichnungen /um Betrachter schreit. Der Tränenkrug, schon so vollgeweint, mußte von neuem einen unermeßlichen Schwall von Tränen aufnehmen bei den Vorgängen, die den Anlaß /u diesen erschütternden Blättern gegeben haben. Unter dem unmittelbaren Eindruck der ungeheuerlichen Pogrome, in denen die Russen die Ausrottun.!,' ihrer jüdischen Mitbürger systematisch betrieben, hat Abel l'ann diese Blätter gezeichnet. Er lebte damals i:: Paris. Der Bundesgenosse des zaristischen Selbstherrschers suchte die blutige Wahrheit, die diese Bilder in stummer Beredtheit sprechen, zu unterdrücken. Nicht ohne große Beschwernisse konnten die Originale nach dem Lande der Väter bereitet werden. Dort haben sie im National-Museum zu Jerusalem in einem eigenen Saale eine würdige Stätte gefunden. Und nun erhalten wir durch eine hervorragende Lichtdruck-Ausgabe Gelegenheit, dieses Pogrom- Werk kennen zu lernen. Wer mir einen flüchtigen Blick auf einige dieser Blätter geworfen hat. der weiß sofort: hier ist ein Bedeutender an der Arbeil gewesen. Alle diese < iestalten sind lebenswahr; man erlebt mit. was sie erlebt haben. Das Düster all dieser Furchtbarkeiten konnte packender und erschütternder nicht gezeichnet werden. Aber WOZU? Wozu das alles- Sollen wir diese ergreifenden Eindrücke auf uns wirken lassen? Sollen wir diese verzweiflungsvolle An.yst einer Mutter betrachten, die dem Säugling im Arme und dem fünfjährigen Mädchen, das den kleinen zitternden Korper an die selbst so hilllo.se Mutter schmiciLit. keine Hilfe leisten kann; denn „die Kosaken kommen"? — Oder müssen wir uns all das Gräfliche ausdenken, was dieses junge Mädchen erlitten hat? „Sie haben sie wahnsinnig gemacht", und nun geht sie. mit schlaffem Körper, wirrem Anne, und sinnloses Lachen auf den verzerrten Lippen, willenlos geführt von dem hoffnungslosen Vater und der vom Gram yebeiuMen Mutter; sie trafen die winzigen Reste ihrer Habe: aber der kleine Racken, den der Knabe unter dem Arme hat. ist ihm zu schwer; man sieht es den ausgezehrten Beinchen an. daß er nicht mehr lange die Wanderung in das Unbekannte mit machen kann. Und so folgen die Schreckbilder aufeinandei Ob das Innere einer Synagoge gezeigt wird, „am Versöhnung tag, dem Vorabend der Verschickung", oder „die Geiseln" gegen die ^dion die Bajonette gerichtet sind, ob wir an da^ Bett eines Erschlagenen treten müssen, der dem Kolben erlag „weil er zu schwach war, um mit in die Verbannung zu ziehen" oder am Eisenbahnzug stehen, wo die Hunderte der Verjagtet „im Viehwagen" zusammengepfercht in ein Ungewisses Schick sal getrieben werden: jedes Blatt ein packendes Erlebnis, das uns gebannt hält. Und doch: mußten diese namenlos grausigen Geschehnissi im Bilde festgehalten werden': Müssen wir diese Schrecket in ihrer ganzen Deutlichkeit an uns vorüberziehen sehen? Diese Blätter sind mehr als nur Kunstblätter: sie sine Kulturdokumente, laue gewaltige Anklage gegen du Menschheit des 20. Jahrhundens, in dem so namenlose Grau samkeiten an schuldlosen Menschen verübt werden konnten Line Anklage, die mit Donnermacht die Gewissen aller lullet und Gerechten aufrütteln nun'!. Ja, wir sollen diese Blätter sehen, gerade weil sie so Grausiges zeigen: sie werden uns manches verstehen lehren was bisher kaum geahnt weiden konnte. Sie werden uns auf rütteln, daß wir nicht müde werden, unseren verfolgten Brüden zu helfen, wenn ihr Hilferul an uns dringt. Und wir sollen diese Blä'ter zeigen. Sie denen zeigen die teilhaben an solcher Schmach des Jahrhunderts. Vielleicht daß die Schamröte, die den Edeldenkenden beim Anblick dicsei Bilder ins Gesicht steigen muß, manchem von ihnen die Augei aufgehen läßt, daß sie sielt zu Fürsprechern machen für Mensch lichkeit und Gerechtigkeit. Vielleicht, daß die krasse Wahrheit dieser Blätter den Haß und die Härte Uberwinden hilft Dal der Tay näherkommt, da der Tränenkrug keinen Zufluß mclt: erhält.-- G.G. Nordheimer vergrößert sein Geschäft Petersst ralie -1K durch Hinzunahme eines Nebenladens. Bis zur Fertigstellung dieses Baues durchgehend herabgesetzte Preise

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