Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 2. Jahrgang Die Bedeutung der Juden für die Entwickelung Rauchwarenhandels Nach den Berichten der Kommerzien-Deputation Es liegt im Wesen .les Raudiwarenhandels, daß sein gesamter Markt möglichst an einem Orte korvntrier' wird. Die große Mannigfaltigkeit der verschiedenen Arien und Qualitäten von Pelzwerk maeht es erforderlich, daß ein zentral gelegener Ort als Handelsplatz für den Rauchwarenhandel gewählt wurde, um den ganzen Ein- und Verkaufsprozeß möglichst zu vereinfachen. £Es ist kein Wunder, daß sich gerade Leipzig als besonders geeignet für den Rauchwarenhandel erwies. Einmal war seine geographische Lage in der Mitte Europas und im Sehniüpunkt aller Handelsstraßen hierfür besonders günstig. Dann aber brachten es die günstigen .Messeverhaltnisse mit sich, daß Leipzig den alten Hansastädten Hamburg. Lübeck. Bremen, Danzig, Königsberg-usw., wo das aus Norwegen, Rußland, Schweden, Finnland eingeführte Pelzwerk gehandelt wurde, den Rang ablief. Audi die nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erstandenen Großhandelsplätze Breslau und Groß-Glogau waren nicht imstande, den Rauchwarenhandcl dauernd bei sich zu beherbergen, sondern mußten ihn bald an Leipzig abgeben Bei Untersuchung der Frage über die Bedeutung der Juden für den Handel mit Rauchwaren ist zu beachten, daß das Zunftwesen damals in Deutschland in höchster Blüte stand, und daß es außerordentlich schwierig war. außerhalb der Zunft einer gewerblichen Beschäftigung nachzugehen. Dennoch besuchten, außer sonstigen Auslandern, hauptsächlich russische und polnische Juden regelmäßig die Leipziger Rauchwarenmessen und trugen bedeutend zu ihrer Entwicklung bei. In den Berichten werden, soweit hier zu ersehen war, die Juden in bezug auf den Rauchwarenhandcl im Jahre 1780 zum ersten Male erwähnt. Es heißt da. daß trotz, eines großen Vorrates der Absatz sehr stark war und die Preise sehr hoch gingen, da neben verschiedenen Ausländern einige Juden aus Polnisch-Lissa „allhier sogleich ganze Fuder in Kompagnie von den Russen erkauft haben sollen". Zur Ostermesse 1784, so sagt der Bericht, wurden geringere Qualitäten gehandeil. Die polnischen Juden hatten schlechte Geschäfte gemacht, da sie infolge einer fehlgeschlagenen Spekulation mit Hasenfellen, die sie in Leipzig verkaufen wollten, um mit diesem Gelde feinere Qualitäten zu erstehen, nicht die Mittel zum Finkauf sich verschaffen konnten Wörtlich sagt der Bericht folgendes: ...... wogegen die Juden, welche wenig bares Geld, auch weniger als sonst an anderen polnischen Landesprodukten zur Messe gebracht hatten, von ihrem angeblichen Finkauispreise nicht abgehen wollten. In dieser Ungewißheit blieb der ganze polnische Judeneinkaul großenteils zurück, bis endlich selbige gegen das finde der Messe einen Teil ihrer Hasenfelle um einen niederen Preis von 40—50 Thlr. das Hundert verkauften und die übrigen einsetzten, auch bei hiesigen Bankiers, um wenigstens einiges bares Geld zu schaffen, verpiändeten.....* Erst zur Herbstmesse des Jahres 1785 soll die verfehlte Spekulation wieder ausgeglichen worden sein. Wie groß der Einfluß der Juden mit der Zeit auf das Messegeschäft wurde, geht aus dem Bericht des Jahres 1788 hervor. Die Abwesenheit eines russischen Juden namens Ghaim aus Sklov zur Herbstmesse 1798, dessen Waren und Geld sonst das Geschäft günstig beeinflußten, gab dem Umsatz eine ausgesprochen matte Tendenz. Zur Michaelismesse 1792 war das Hauptkontingent der Käufer, nämlich Russen, Griechen und Ungarn, ausgeblieben. Infolgedessen mangelte jede größere Kauftätigkeit, obgleich die polnischen Juden größere Mengen litauischer Hasenfelle auf den Markt gebracht hatten. Anders die Ostermesse 1796. In diesem Jahre war der Handel viel lebhafter, und höhere Preise wurden bezahlt. Erst nachdem die polnischen Juden größere Mengen von litauischen Hasenfellen zum Verkauf anboten, gaben die Preise nach. Zur Wende des Jahrhunderts war der Handel in einer Notlage. Bewirkt wurde sie durch die politische Lage der damaligen Zeit; besonders der Krieg von 1806 warf seine Schatten voraus. Der Absatz in der Rauchwarenbranche war mangelhaft, und selbst die wenigen Pelze wie Feh und Hasenfelle, die von den polnischen Juden herangebracht wurden, waren nicht unterzubringen. Es kam so weit, daß eine große Firma Boccius & Comp., die siJi oräl kurze Zeit am Brühl niedergelassen hatte, ihre Grundstücke verkaufen mußte, und eine andere Firma, Steinmetz & Comp., in Konkurs geriet. Nach dem Kriege von 1806 07 war die Geschäftslage noch trostloser. Zwar wurden die Messen von 1810 etwas lebhafter, da viele Griechen zum Besuche eingetroffen waren. Ferner gelang es einem jüdischen Großhändler namens Oppenh e i m e r, trotz der Sperre des Handelsverkehrs mit Nordamerika, einige amerikanische Rauchwaren zu importieren. Bald aber erfolgte ein umso stärkerer Rückschlag, da, ähnlich wie in heutiger Zeit, der Geldmangel ungeheuer groß war. Sehr interessant ist hier der Bericht der Kommerzien-Deputation (Buddeus: Leipzigs Rauchwarenhandel und -Industrie, Leipzig-R., 1891): „Daß Leipzig überhaupt nach Beendigung der schweren Krisis wieder zum Mittelpunkt des internationalen Rauchwarenhandels sich aufschwingen konnte, mag nicht zum wenigsten an der Zähigkeit der polnischen Juden gelegen haben, welche selbst unter den schwierigsten Verhältnissen und oft mit eigenen Vermögensverlusten doch mit geringeren Waren, hauptsächlich Hasenfellen. Feh- und Marderpelzen, wenn auch in sehr beschränkter Weise, die Fühlung mit dem Platze behielten". Nach dem Kriege von 1813 besserten sich die Verhältnisse wieder. Griechen und polnische Juden belebten durch eine rege Geschäftstätigkeit den Markt und erzielten größere Umsätze. Es kann nicht wundernehmen, daß der Konkurrenzneid bei denen erwachte, die sich durch die üeschäftstüchtigkeit der Juden in ihrem Absatz benachteiligt fühlten. Zwar hatten die Meßprivilegien allen Ausländern innerhalb der Messezeit ausgedehnteste Handelsfreiheit eingeräumt, zumal auch der sächsische Herrscher, damals gleichzeitig König von Polen, auf jede Weise den polnischen Juden die Ausübung ihres Gewerbes zu erleichtern gesucht halte. Die KUrschnerinnung aber glaubte sich in ihren Rechten beeinträchtigt, da ihr gemäß anerkannter Satzung das alleinige Recht zum Handel mit Rauchwaren zuerkannt war. Sie versuchte deshalb, auf jedwede Art den polnischen Juden den Handel zu erschweren, und bombardierte den Rat der Stadt Leipzig mit ihren Eingaben. So beschwerte sich die KUrschnerinnung im Jahre 1823, daß ein hiesiger Kaufmann durch einen Juden namens Jossol aus Lissa rohe Schuppen sortieren lasse.' Eine weitergehende Beschwerde Nordheimer sagt von jetzt nichts m ,hr. Er läßt allein die Schönheit und Preiswürdi jkeit ssiner Bchuhe sprechen Der fesche und Lack. Warm gefüttert, mit Pelzbesatz in schwarz, farbig Sehr preiswertI