Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 13 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968769-5968877--0196-4876726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 9 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RRLIGJONSGEMEINDE, LEIPZIG I. Jahrgang Zündet das Licht Chanuka-Be trachtung Von Heldentaten und glorreichen Kämpfen künden uns diese Chanuka-Tage. Von Schlachten, die unsere Ahnen vor mehr als zwei Jahrtausenden mit einem gewaltig überlegenen Feinde geschlagen, und von Siegen, die sie errungen in todverachtender Begeisterung für das, was ihnen das Heiligste war: für ihren Glauben. Und doch: wie sicher uns das Recht zusteht, uns in jenen beispiellosen Großtaten /u sonnen, es konnte als ein Niederdrückendes empfunden werden, daß wir so weit zurückschauen, daß wir am Ruhme jüdischer Herrlichkeit und Größe einer so alten Vorzeit /ehren. Müde, Realterte Menschen leben in Erinnerungen; Menschen,denen die Gegenwart nur wenig mehr bieten kann, die schon abgeschlossen haben. Wer sich noch jugendstark weiß, noch Kraft in sich spürt, der blickt auf das Schaffen se in er Zeit, auf das Werden der vor ihm sich öffnenden Zukunft. Wem Chanuka nicht mehr bedeuten würde, als strahlende Bilder einer herrlichen, aber längst entschwundenen Vergangenheit, der würde nur das äußere Geschehen jener bedeutsamen Zeit beachten, nicht aber ihr innerstes Wesen, ihren tiefsten Sinn. Wäre Chanuka ein Fest, das den Sie^ der Waffen im Gedächtnis erhalten wollte, es hätte wahrlich längst seinen Sinn verloren. Aber es ist, wie der Name besagt, ein Weihet est,! ein Fest der Weihe bei der Wiederaufrichtung einer Idee. Der Tempel des wahren Gottes war vom Dienste des Irrglaubens gereinigt worden: der Altar, auf dem echte Ehrfurdit vor dem Göttlichen sich Ausdruck schafft, war neu geweiht Chanuka wird gefeiert durch das schlichte Licht: es will auf das ewige Leuchten der reinen Lehre hinweisen, in der Israels weltgeschichtliche Sendung besteht. Darum ist das, was wir feiern, nicht tote Erinnerung, sondern allezeit lebendige Gegenwart. Indem wir Chanuka feiern, bekunden wir gerade, daß das Judentum nicht gealtert, nicht müde ist, daß es vielmehr unentwegt das Licht der Wahrheit entzünden möchte, daß es, unerschüttert durch die Dauer der Jahrhunderte, mithelfen möchte an der Schaltung einer wahrhaftigen, edeldenkcnden und -handelnden Menschheit Nur der kann Chanuka recht verstehen, der des Judentums Größe gerade darin erkennt, daß seine kriegerischen Erfolge so unendlich weit zurückliefen. Wenn je in der Menschen- Geschichte ein Zeitalter einsehen mußte, wie wahr das jüdische Ideal des Weltfriedens geschaut ist, — so das unsere. Jedem aufrichtigen Menschen, jedem, dem es ernst ist um wahres iWenschentum. mußte das Erleben unserer Zeit in nicht überhürbarer LindrinRlichkeit sagen, wie nichtig der Kriegsruhm ist, : wie verderblich das Verlangen nach dem SieReslorbeer. Solcher I Ruhm gründet sich ja auf Vernichtung und Zerstörung. Solcher Lorbeer spricht ja von einer unsäglichen Fülle fürchterlicher Schrecken, bittersten Elends; sein Glanz wurde erkauft durch das äußerste Leid von .Menschenseelen, über das nur geblendeter Geist sieh hinwegtäuschen lassen konnte. Unwahr ist alles, was einst über die kulturelle Bedeutung des Krieges gelehrt wurde. Wir haben es erfahren: der Krieg ist nur Zerstörer. Lr zerstört die Manneskraft der Nationen, verschlingt die Besten, wie der Dichter klaRt. Lr unterwühlt den kulturellen Bau. Nicht allein, daß er den Resunden Fortgang aller Arbeit hemmt, well ja alles auf die Bereitstellung der unmittelbar und mittelbar notwendigen Mittel zur KrieRführung eingestellt wird, er zertrümmert so viele mühsam aufgeführten Werke und so viele nie zu ersetzende Werte. Und er stört auch das seelisch*: GleictiRcwicht: die BesieRten schüttelt Fieberschauer, den SieRer verwirrt der Wahn der Macht. Unseren Propheten offenbarte sich als erste GrundlaRe und als letztes Ziel der SinaioffenbarunR der Gedanke der einen einigen Menschheit. Der Eine Gott hat einen Menschen als Stammvater des MenschenReschlechts ins Dasein Resetzt; die Lehre dieses Linen Gottes zielt dahin, daß die Einheit der Mensehen Maßstab ihres Zusammenlebens wird. So wurden unsere Propheten zu Schöpfern des Ideals vom Völkerfrieden. Der KrieR soll als UiiRlücksReißel erkannt werden; alles Menschheitsstreben soll auf eine Zeit ausblicken, da die Völker den Krieg nicht mehr erlernen werden. Von diesem prophetischen Ideal aus muß auch die Chanuka- Geschichte betrachtet werden. Wenn der greise Pricsterheld Mathatias das Sehwert erRriff, wenn sein tapferer Sohn Juda Makkabi zum Kampfe aufrief und seine Scharen in die Schlacht führte: wieviel überzeuRunRstreue Blutopfer hatte das jüdische Volk hinRCRcben; welche Gewissensqualen hatte es still erduldet, ehe sie beRannen, das fundamentalste Menschenrecht der Notwehr Reitend zu machen. WahnwitziRer Machtdünkel maßte sich das Recht an, auch den Gewissen befehlen zu können. Wäre es dem Syrer RelunRen, hätte er die jüdische Lehre dem jüdischen Volke rauben können, — sie wäre gewiß wieder erstanden, weil ihre Wahrheiten wohl hätten Redrückt, nicht aber hätten für die Dauer unterdrückt werden können, aber der berufene TrüRer der prophetischen Ideale wäre vernichtet Rewesen, und es hätten vielleicht Jahrhunderte vergehen können, ehe das Banner des Einen Gottes wieder eine treue Gefolgschaft gehabt hätte. Es war natürlicher Instinkt, wenn jenes HasmonäerReschlecht in der Verteidigung geistiger und seelischer Freiheit das Licht der Gotteslehre, das nur noch für kurze Dauer zu strahlen bestimmt schien, aufs neue und als ein bleibendes entzündete. Nur dies war Ziel ihrer Kämpfe: in den Tempel Gottes wieder einziehen zu dürfen, seine Unantastbarkeit sicherzustellen. Chanuka will nicht als eine Feier kriegerisdier ErinnerunRen aufRefaßt sein. Der Heldenmut der Makkabäer hat seine BedeutuiiR allein in den Ideen, denen er diente. Hier aber soll er anfeuernd wirken. In weher Ferne liegt alles Kriegerische der jüdischen Geschichte. Und dennoch führt das Judentum auch heute noch einen Kampf, einen Kampf für seine Wahrheiten, aber einen Kampf ohne Wafien. Für diesen geistigen Kampf will Chanuka werben. Wir brauchen eine starke Phalanx, damit Vorurteile, Irrtümer und Böswilligkeiten überwunden werden können, die noch immer das Menschenglück stören. Aber diese Phalanx kann nur stark werden, wenn jeder Jude auf seinem Posten als ein ganzer Mann steht. Darum ruft Chanuka: Zündet das Licht! Das Licht tief bewußten und überzeugungstreuen Judentums! Helfet mit solchem Lichte, den Gottestempel der einigen Menschheit, des Völkerfriedens zu erleuchten. Rabbiner Gustav Cohn. wann soll man heiraten? Nach dem ersten Schlaganfall, oder in der Blüte des Lebens? Wann soll man an Fußpflege denken? Wenn der Fuß noch nicht verdorben ist! Deshalb erhaltet Eure Füße in Nordheimer-Schuhen gesund!