Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 6 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite - GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 1. Jahrgang Die Arbelt im Lichte des Judentums Eine bedeutsame Wandlung vollzieht sidi in der jüdischen Gegenwart. Weite Kreise unserer Ciemeinschaft stehen im Begriffe, sich wieder produktiver Tätigkeit zuzuwenden. Die Aufbauarbeit in Palästina mußte naturgemäß unter den Gesichtspunkt gestellt werden, daß der Boden dieses Landes, ehe es wieder eine zureichende Besiedlung erfahren kann, aus einer jahrhundertelangen Verwahrlosung in ein fruchttragendes Gebiet umgewandelt werden muß. Es müssen Steinwüsten zu Ackern und Gärten und Wäldern aulgefrischt, es müssen Straßen und Städte gebaut werden. Tausende jüdischer Kräfte gaben sich freudig in den Dienst dieser ungemein schwierigen Aufgabe; und andere Tausende stellen sich entsagungsvoll um, damit sie eintreten können in die Reihen dieser Bioniere, die die Voraussetzung für ein Leben im Lande der Väter bereiten. In zahlenmäßig noch größerem Ausmaße geschieht ein Gleiches ijt Rußland. .Mit einer gewissen Skepsis lasen wir von dem großzügigen Ansiedlungsplane, durch d<m die Sowjetregierung in den Staatsländereien der Krim Hunderttausenden Juden die Möglichkeit der Bodenbewirtschaftung eröffnen wollte. Aber mit Genugtuung erfahren wir nun, daß diese Pläne mehr und mehr zur Ausführung gelangen, daß schon eine in die Tausende gehende Anzahl von Juden ihre eigene Scholle bearbeitet. Es wird damit der Beweis erbracht, daß alle die Märchen unwahr sind, die dem Juden den Willen und die Eignung zu schwerer Körperarbei' absprechen wollten. Nicht allein die oberflächlichen Beobachter schöpften aus den in ihrer nächsten' Umgebung gesehenen Erscheinungen solche Ansichten, die dann von den unbelehrbaren Judenfeinden übernommen wurden,- weil sie sidi mit wahrem Heißhunger auf jeden neuen Vorwand stürzten, den Juden verächtlich zu machen. Selbst wissenschaftliche Forscher, die sidi einredeten, in gründlicher Untersuchung zu objektiven Ergebnissen zu gelangen, glaubten feststellen zu können, daß die Juden nach ihrer ganzen Lebensauffassung der körperlichen Arbeit abhold seien, ja, daß die jüdische Lehre ihr geradezu den Stempel des Niedrigen, des Verachtungswürdigen aufdrücke. Zu solcher irrtümlichen Be- urteilung hat gewiß die Stellung, die die Juden in ihrer überwiegenden Mehrheil ^ee;cnwäriig im Wirtschaftsleben einnehmen, verleiten können. Aber, wer sich der Mühe unterzog, tiefer in die geschichtliche; Entwicklung einzudringen und ernster die alten jüdischen Quellen zu prüfen, der konnte leicht erkennen, daß weder von einer ererbten Abneigung des Juden gegen die körperliche Arbeit, noch von ihrer Ablehnung durch die jüdische Lehre die Rede sein kann. _ Wie stellt sidi das Judentum in Wahrheit zur Arbeit? Aus der Tatsache, daß dem aus dem Paradiese vertriebenen Adam die Strafe auferlegt wurde: »im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen", sdiloß man, daß die Bibel die Arbeit als einen Eludi hinstelle, der seit Adams Sünde auf der Menschheit laste. Nichts \erkehrler als dies. Dem ersten .Menschen wurde, als er ins Paradies gesetzt wurde, die Arbeit als eine Lebensbestimmung auferlegt. „Gott setzte den .Menschen in den Garten Eden, ihn zu bearbeiten und zu bewachen" (Gen. 2.15); ja, diese Sdiöpfun»sgcsehiehtc geht davon aus, daß der Mensdi überhaupt nur geschaffen wurde, um den Erdboden zu bearbeiten; denn es heißt kurz zuvor: „ein Mensch war nodi nicht da, um den Boden zu bearbeiten" (ebd. 2.5). Nicht darin wird die Strafe gesehen, daß der Mensch sein Brot in sdiwerer Arbeit der Erde abgewinnen muß. sondern in den Sorgen und seelischen Beschwernissen, die mit dieser Arbeit verknüpft sind, in den häufigen Mißerfolgen, mit denen der Mensdi zu kämpfen hat. Die Arbeit als solche genießt im biblisdien und nadibiblisdien Schrifttum hödiste Wertschätzung. „Wenn du die Mühe deiner Hände genießest, heil dir und wohl dir", ruft der Psalmdichter aus (Ps. 128,2), und in zahlreichen Sprüchen hat die israelitische Volksweisheit die Arbeit gerühmt. „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und werde klug. Sie hat keinen Führer, keinen Vogt und Herrscher, und bereitet doch im Sommer ihr Brot, sammelt in der Erntezeit ihre Speise" (Sprüche Sal. 6, 6-7). Und mit welchen Worten höchster Auszeichnung spricht die Bibel von Bezalel und seinen kunstgeübten Mitarbeitern, die den Bau des Stiftszeltes und seiner Geräte bewerkstelligten; als von Gott besonders begnadete Männer werden sie hingestellt. Diese Auffassung von der Arbeit war keineswegs nur Theorie. Israel war durchaus ein Volk von Ackerbauern; die ganze biblische Gesetzgebung hatte den Ackerbau zur Grundlage und gerade jene, nodi heute Bewunderung erweckende Einrichtung des Erlaß- und des Jobeljahres zielte darauf hin, diesen Charakter des Volkes unbedingt aufrecht zu erhalten. Nicht minder wurden auch alle Handwerke gepflegt, ohne die eine Gemeinschaft nicht bestehen kann. Und wie sehr solche Betätigung als etwas Rühmenswertes in der Anschauung des Juden verwurzelt war, geht daraus hervor, daß später, als an die Stelle der Fürsten und Oberen die geistigen Führer getreten waren, diese alle werktätige Berufe ausübten. Die großen Lehrer, die ihre geistigen Vorzüge an die Spitze der Gesamtheit gestellt hatten, scheuten sidi nicht, als Handwerker ihr Brot zu erwerben; wir sehen unter ihnen: Holzhauer, Schuhmadier, Köhler, Gerber, Schmiede, Flößer, Weber, Cisternengräber, Töpfer. Und diese, häufig mißachteten Berufe taten ihrem Ansehen keinen Abbruch, so sehr war die werktätige Arbeit auch in der Meinung der Masse geachtet. Es wäre verfehlt, anzunehmen, daß solche Betätigung nur aus dem Zwange des Erwerbs, nicht auch aus innerer Liebe geübt wurde. Man hatte vielmehr volles Bewußtsein von dem sittlichen Werte der Arbeit. Wie wunderbar schlicht wird dies im Talmud ausgesprochen. Ben Sorna sagt: „welche Fülle verschiedener Leistungen mußte der erste Mensdi vollziehen, ehe er ein Brot genießen konnte; er mußte pflügen, säen, ernten, dreschen, mahlen, backen. Ich aber stehe des Morgens auf utid finde alle diese Arbeiten getan" (Beradi. 58a). Die Arbeit des Einzelnen ist eine soziale Pflicht, mit der er zur Aufrediterhaltung des Gemeinschaftslebens beiträgt. Und aus diesem Gedanken heraus können die Lehrer nicht nachdrücklich genug die Forderung betonen, daß jeder Mensch einen werktätigen Beruf erlerne und ausübe. „Wer seinen Sohn kein Gewerbe erlernen läßt, hat ihn gleidisam zum Räuber erzogen." (Kiddusdi. 29a). Und man ging in der Ablehnung der Verächter eines Gewerbes so weit, daß man ihnen die Fähigkeit, als Zeugen vor Geridit zu |ersdieinen, absprach. Wer kein Gewerbe übt, also als Vagabund. Landstreicher lebt, dessen Aussage als Zeuge ist wertlos (Misehna kidd. 1,10). Es kamen dann Zeiten, in denen man vorzugsweise nach Kenntnis der religiösen Schriften und ihrer Auslegung strebte und glaubte, daß dies erst dem Juden wahres Ansehen schaffe. Dem traten die Lehrer mit aller Entschiedenheit entgegen. „Schön ist nur das Studium des Gesetzes in Verbindung {mit einem werktätigen Beruf" (Spr. d. Vät. 2,2). Und um das öffentlich zu dokumentieren, pflegte R. Jehuda auf dem Wege Wie sage ich es meinem Kinde? Antwort: Etwa so: Liebes Kind, damit du einen guten Gang bekommst und deine hübschen FüQchen gesund erhältst, trage nur Nordheimer-Schuhe.