Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 10 u. 11 (Okbober-November 1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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er Sabbath. 89 Simon Spira und sein Sohn. w Historische Erzählung. Von Alb. Em. Brachvogel. (Fortsetzung). ,Marcus, es Ist Heiliges von uns geschehen und Grosses! Meine Seele wird still, mein Herz wird leicht 1-Lass auch mich vollenden, was de( Wille Gottes ist!“ . Still und emsig setzte sie Ihre Arbeit fort, Marcus regte sich \ * nicht Die in die Decke genihte Kapsel der Rolle kam zum Vor• schein. Das Mädchen hob sie empor und wendete sich mit tiefer Bewegung zu Marcus. ,Die Weisheit, welche mir nichts half, ist I dein, ist des Mannes I“ Sie legte ihm das Kleinod in die Arme. j ,Esther, was tust du? I!* * ״ja, dein ist.Weisheit und Kraft, Marcus, lass mich allein der Güte pflegen! Uns Beide aber soll innige Liebe sein und ich' dein Weib uqd du mein Mann, damit das ewige Geheimnis in unseren Herzen erfüllt werde I* ,Du — du, mein Weib, Esther I Hast du in .— in deinem Herzen denn Etwas — wirklich Etwas von Liebe für mich?" ,Ich habe für dich die heisse Sehnsucht der Liebe, Marcus!“ Still in Lust und Seligkeit hielten sie sich inv Kuss umschlungen, die geheimnisvolle Rolle zwischen sich. Ueber ihnen stand, in mildem Schimmer die Leuchte der Nacht und der Liebe. Eine Stunde mochte seit dem Weggehen Esther's und Marcus verflossen sein■ Der Rabbi sass noch am Tische, den träumerischen Blick in die Flamme der Lampe vor sich gerichtet, und wie werin selige, helle Lichtgeister, Engel der. Freude ihr entstiegen, die er sähe, erglänzte sein feines, furchenreiches Antlitz. Sara aber, die ihre eignen Gedanken haben mochte, war mit den Dienstleuten hinaus zur Küche neben dem Flur gegangen und hantierte da, als Esther hocherglühend hereintrat, Marcus hinter sich, der die Rolle trug. Das schöne Mädchen sank Sara stumm um den Hals. i ,Komm Tochter, komm Kindl Gesegnet sei dein Eintritt!“ Frau Sara führte Esther zu dem Rabbi hinein. ״Und du kommst heute doch noch zum Sabbath, Mädchen?“ rief dieser froh. * ״Weil in mir Sabbath ist und ich immer mit Euch Sabbath halten will-Rabbi Simon, Sarai So wahr ich in Gerechtigkeit leben möchte“ — sie erhob die Hände zum Schwurzeichen über die Stirn empor — ״so wahr liebe ich.Marcus, Euren Sohn, und es hat sich eriülit Saras Prophezeiung in Allem! An meiner Ahne Grab über der Rolle sind Marcus und ich Eins geworden : sein ist meine Weisheit, sein ist mein ganzer irdischer Besitz, sein ist mein Leib, meine Seele, mein LebenI Vater! Muttert Segnet mich!“ ״Wahrlich, der Alte der Tage“, entgegnete der Rabbi bewegt, ״hat es dahin geleitet! Du sollst mein Kind sein und unseres Sohnes Weib I“ Simon und Sara segneten Esther und Marcus und umarmten sie. Darauf schloss der Rabbi die ausgegrabene Schrift in seine eiserne Truhe, Sara aber Hess für Ester auftragen, dann rief sie: ״Lasst mich nun eine glückliche Mutter sein und zwischen Euch sitzen.“ Esther aber blieb stehen. Sie war plötzlich sehr bleich beworden. Erschrocken nahm Marcus s!e in seine Arme, die Wankende zu stützen. ,Sara, Marcus, Vater Simon,“ sprach Esther, ״ich rede zu Euch mein letztes Wortl Ich habe mich verschworen, ehe ich Marcus liebe, müsse er ein Held werden in unserem Volke und meine Zunge solle verstummen, wenn ich je .spräche das Wort der Liebe zu ihm 1 Er ist ein Held geworden; ich habe das Wort der Liebe zu ihm gesprochen I So soll denn diese meine unnütze lose Zunge zur Strafe, wie ich gelobt, verstummen für immer, bis der sie mir mit Gewalt löst und gegen meinen freien Willen, der allein lösen kann jede Schuld, Irrtum und SündeI So tue .ich nach meinem Gewissen!“ — Sie küsste die Schwiegereltern und ihren Bräutigam, dann setzten sie sich an den Sabbathtisch. Von Stunde an ward kein Laut mehr vernommen aus Esther Katzens Munde. Am anderen Morgen war Staunen und Flüstern im ganzen judenviertel. Alles Volk rief sich zu: ״die reiche, _stolze Esther Katz ist Braut des Marcus, und sie ist stumm geworden I“- Gegen Mitte November ging die Rede in Prag, dass der Kaiser seine Lande besuchen will und Zusehen wolle, wie die Verwüstung und Not abzuhalten wäre. Bereits sollte er zu Olmütz in Mähren gewesen und auf dem Zuge nach Brünn sein; man bcreitete sich zu seinem Empfange, und Adel wie Bürgerschaft veranstaften einen jubelvollen Einzug und Festlichkeiten zur Begehung des teuer errungenen ,Friedens. Im Judenviertel blieb es still wie vorher. Was hatten die Juden denn auch mit so hohen Dingen fu schaffen? Wie durften sie das Antlitz kaiserlicher Majestät sehen, da sie doch das Auge vor weit geringeren Christenmenschen niederschlagen mussten? Kämpfen, leiden, geben, dienstbar sein, das durften sie wohl, dafür waren sie Knechte — einer Ehre wert war der jude nie! Das wussten die guten Leute im Ghetto auch s&hr wohl, und dass dem je anders sein könne, ,Jiel ihnen nicht ein. Deshalb blieb auch alles bei ihnen, wie es immer war, als von Hradschin und Kleinseite her das Trompetentönen, Glockenläuten umL jauchzendes VolksgetAmmel des Kaisers Eintritt verkündete und der Zug mit wehenden Bannern über die steinerne Brücke durch denA Itstidter Turm herüberzog. Nur injhrem Herzen gedachten Viele, wie sie da doch gestritten hätten und ihrer Brüder Blut geflossen, wo Ferdinand III nun voll Freuden einherzog. Am Wenigsten gedachteh Rabbi Simon, sein Weib Sara, Marcus und Esther des Kaisertags und seines Hallohs. Sie waren ja alle so glücklich und zufrieden im Herzen, so eins in Liebe und Hoffnung. Wenn etwas sie drückte und auf ihr Leben ein Schatten warf, war’s, dass Esther stumm blieb, getreu ihrem Gelübde, dessen Heiligkeit man eben ehren musste, wenn man es״ auch beklagte. Kein geistiger VerkehrzsmCfien Esther und ihnerf*fand statt, als dass sie ihre Meinungen und Wünsche der Familie schriftlich gab, um mündlich Antwort zu empfangen. — Kurz vor Mittag musste es sein. Eben vfljr der Kaiserzug auf dem Altstädter Ringe vor dem Rathause angelangt und Kopf an Kopf in weitem Kreise standen entblössten Hauptes die Studiosen mit den Professoren, die adeligen Herren, die Milizen der Stadt in riesigem Festschmuck, bestrahlt von der Herbstsonne, als die Stille des juden- Viertels jäh unterbrochen wurde. Das Eichentor der goldenen Gasse erdröhnte, und ein kaiserlicher Herold ritt ein, gefolgt von Graf Kinsky und etlichen StadtreKern, die ein lediges Pferd, sehön aufgezäunt, führten, auf dessen Sattel man eine ledige Rüstung gepackt hatte. Kein Wunder, dass ob solchen Ereignissen die judenschaft׳ erschrocken zusammenlief, denn amtlicher Besuch bedeutete ihr selten etwas Gutes. Der Herold und Kinsky ritten mit ihren Begleitern sofort vor das Rabbi-Haus, sassen ab und traten vor den greisen Spira und seinen Sohn, welche erschrocken von ihren Studien aufstanden,, den Marcus trieb nun dea Viehhandel nicht mehr, sondern war wieder seines Vaters Schüler geworden. ״Ihr seid Rabbi Simon Spira von der Alt-Neuschule“, begann der Herold, ״und dieser starke Mann da ist Mi rcus, Euer Sohn f“ ״Ich bin der Rabbi, Und das ist der Marl us, Euer Gnaden.“ ״Ich komme auf kaiserlichen Belehl, Rabb ‘״ sprach der Bote weiter. ״Euch und Euren Sohn, wie Trach Schan ach, den Vorsteher der judengemeinde, vor Seine Majestät auf der Altstädter Ring zu führen! Herr Rabbi, Ihr sollt dabei das Zei then Eures Volkes tragen, das Ihr gehalten habt gegen den Feind tuf den Thurm; Ihr Marcus, aber werdet Wehr und Rüstung anle! en, welche Ihr als Hauptmann der1 judenschaft getragen habt. Allis israelitische Volk aber mag sich festlich bei der Synagoge versammeln, und sie so)' erleuchtet und geschmückt sein, wie zum Sabbath, so befiehlt •־ kaiserlicher Herrl•‘ ״Keine Einwendung, kein Wert!“ fiel Kins in das staunende Ach und Aber. ״Ihr werdet tij gnädigste Herr befiehlt, der Euch sehen will, wo Ihr sie nötig habtl Bringt seine alte We•־ Herrn Marcus herein, Leute, denn noch ei' mann sein, der Judenstreiter!. Lasst E־•׳ (ty^em w־ fr? 9