Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- 9 10 u. 11 (Sept, Okt., Nov. 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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43 Der Sabbath, ז Verzärtelung. Eine Mahnung zum Winterbeginn. E. B. Berlin, 1. November 1911. Der Monat der Feste ist zu Ende. Verklungen sind die heissen! ^ittgebete und die ernsten Reueklagen der Jomim ha-nauroim; verrauscht auch die frohen Stunden des Festes d&8 Herbstes und der Thorafreude. In dem letzten Festtage, dem יום שמחת התורה hat sich zur ekstatischen Verzückung, zu ausgelassenem Jubel, zu freudigem Lebensgenuss die Hochspannung der Empfindungen des ganzen Tischri-Monats gelöst. Aber kein Aschermittwoch, keine Seele und Körper mit dem Vernichtungsgefühl erfüllende Katerstimmung folgt dem Freudentage Israels: hat die Hawdalah die Festzeit geschlossen, so beginnt ohne Uebergang, ohne Erschöpfungspause die n־r82־-W0che, die mit der Schöpfungsgeschichte die Lehre predigt, dass leben schaffen heisst! Schon oft hat die Thoraerklärer die Frage beschäftigt und ungezählten Predigten bot sie Stqff zu homiletischer Betrachtung, warum denn, seltsamerweise, das Fest der TBorafreude an das Ende des Sukkothfestes und nicht, wie man doch hätte erwarten dürfen, auf das Schewuoth-Fest, den יום מתן הורתנו, den Tag, an welchem die Jakauws-Gemeinde die Thora als Nationalgeschenk empfing, gelegt worden sei? Man hat die Frage dahin beantwortet, dass, als Israel die Thora erhielt, man ja noch nicht wissen konnte, ob es sich auch als treuer Hüter der Gottesgabe erweisen, ob es den übernommenen Pflichten auch gerecht werden würde: darum bot der Geburtstag der Thora noch keine Berechtigung für Israel, sich an ihm in freudigem Stolz des Lebens zu freuen. Erst als* Monate der Arbeit und Versuchung verstrichen und Israel in ihnen sich bestrebte durch den Limud die Kenntnis der Thora sich zu erwerben, und durch die Tat ihren Lebrön gerecht zu werden, da war der Zeitpunkt gekommen für die Freude a n der Thora, m i t der Thora und über die Thora. So kam der Schlusstag der Tischri- Festzeit zu seiner Würde als יום שדרת התו־ה. So schön diese Erklärung ist: sie ist nicht die einzige geblieben und, wie bereits gesagt, zahlreiche andere, schöne Gedanken und Lehren haben ebenfalls von dieser Frage ihren Ausgangspunkt genommen. So darf auch die folgende Betrachtung es unternehmen, an sie anzuknüpfen und eine, uns wilfs bedanken, recht zeitgemässe Lehre aus ihr zu ziehen. Die Sommerzeit ist gewiss keine Freundin der Arbut, der angestrengten Tätigkeit; wenigstens nicht füf den St^dtebewobner, der weniger als der Landmann auf dem Felde an den Wechsel der athmospbärischen Einflüsse gewöhnt und dagegen abgehärtet ist. Sendet vom wolkenlosen Himmel die Sonne ihre sengenden Strahlen herunter, dass alle• lebende Creatur, Mensch und Tier und selbst die Pflanze von den glühenden Pfeilen getroffen schier verschmachtet, dann fehlt dem Menschen die Kraft, der Mut und mehr noch alle Lust za geistigem oder körperlichem Schaffen. Aber auch schon vorher, wenn mit mildem Gruss die Frühlingssonne der Erde Befreiung aus dem Eisesbann der Wintertage kündet und die lauen Winterwendelüfte das junge Grün aus den Knospqn rufen und locken — schon dann erlischt unter der erschlaffenden Wirkung der weichen, wohlig warmen Athraosphäre die menschliche Tatkraft und Arbeitslust; das Werk will nicht mehr recht vom Flecke in Werkstatt und Studierzimmer, wenn draussen fröhlicher Sonnenschein auf den Dinge# lagert und zur Streife durch Feld und Flur ladet. Das ist die Zeit des Schewuoth-Festes; mit ihm beginnt jener Abschnitt des Jahres, dem schon eine alte jüdische Volkstradition das Prognosticon stellt :*משכבי ועד קומי שכב, dass auch das Thoralernen jetzt, wenigstens an den Aben> den ruhen dürfe, ruhen müsse 1 Wär’s da an der Zeit, gewesen, das Fest der Freude an der Thora zu feiern wo alles sich verbindet, um dem Thoralernen Abbruch zu tun P Gewiss nicht! Aber wenn die Sommersonnentage verstrichen, die er!t׳׳ervende Hitze der תקוםת תמוז ihr Ende gefunden, wenn mit dem Sukkothende der herannahende Winter die ungestörte Arbeitsleistung gewährleistet — dann ist’s Zeit sich zu freuen der Thora und mit der Thora und über die Thora, nun die Vorbedingungen gegeben sind, um in ihren Schachten graben und ihre edlen Erze zu Tage fördern zu können. Seltsam: Nennt einer ״die Tage, an denen kein Gefallen ist“, so taucht wohl gemeinhin in gegebener Ideen- . Verbindung das Bild der Winterzeit vor dem geistigen Auge des Menschen auf. Aber die Thora liebt gerade diese Zeit, da die früh hereinbrechende Nacht der werktätigen Unrast des Menschen früher als im Sommer Einhalt gebietet und die langen Abende und Nächte den ans Herdfeuer gebannten Menschen zur Selbsteinkehr, zur geistigen Beschäftigung, zur Vertiefung in Gottes Wort einladen. ״Wenn nicht jetzt, wann denn?*, so scheint aus jeder Stunde eines langen Winterabends die Frage an einen jeden sich zu richten, der die Zeit ungenützt lässt, statt sie pflichtgemäss der Thora und Abodah zu widmen! ״Carpe diem“ — (nütze die Stunde) — so ruft uns die Stimme vom Choreb-Berge jetzt täglich, stündlieh zu; in andern Sinne freilich, als der Dichter der Lebensgenüsse, der Schüler Epikur’s darinnen fand. Der Winter ist der Freund des Arbeiters. Freilich, wess Energie und Schaffenskraft beherrscht und geleitet wird von überempfindlichen, ästhetischen Antrieben; wer, wie heutzutage so überaus modern, im ״Erlebten“ schwelgt und in süssschmerzvoller Seelenanatomie des eigenen Ichs Arbeit zu leisten vermeint; wer verweichlicht und verzärtelt jeden rauhen Windstoss als phjrsischen Schmerz und im Wechsel von Sonnenschein und Regenschauer Werden und Vergehen mitempfindet; dem wird gewiss zu allerletzt die strenge Rauheit der Winterszeit jene behagliche Seelenstimmung verleihen können, die die Voraussetzung seiner Arbeitsfreudigkeit ist; er wird jedem entschwundenen Tage fluchen und den heraufkommenden mit Segen begrüssen, der die geschlossenen Knospen seiner schönen Seele dem Augenblicke der Erschliessung uäher trägt. Unsere Thauroh liebt diese Spezies nicht; unter denen, deren Leben keines nach ihrer Meinung ist, stehen diese אניני דעת, die verzärtelten und verweichlichten Bleichgestalten allen andern voran. ״Stehet fest auf euren Füssen“״ so schallt’s grollend den schwankenden Gestalten schon an der Eingangspforte za Israels Volksgebürt am Schilfmeere entgegen, und selbst Moscheh, der Eisenharte, muss für einen Augenblick der Schwäche das Tadelwort מה תצעק אלי hören! Diese Mahnung gilt’s heute, so will's uns bedünken, vielen Kreisen unserer erwerbstätigen Glaubensbrüder, die den שכת halten und unter schweren Opfern sich und den ihrigen seine Segnung bewahren, zu ihrem eigepen Besten einmal zuzurufen. Wer wollte es verkennen, dass für diese Kreise draussen ein rauher Wind weht, dass alle Kräfte der Erde sich zusammengeschlossen zu haben scheinen, um ihnen den Kampf ums Brot, um des Lebens Notdurft zu erschweren?! Und wer vermöchte weiter zu leugnen, dass es Pflicht der Gesamtheit sei, .diese schweren Opfer, die da auf dem Altar des Höchsten gebracht werden, ihrer ganzen Schwere nach anzuerkennen und zu würdigen, und, was an ihr ist, beizutragen, um