Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- 1 u. 2 (Januar-Februar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath. . f'l 4an wob 1 über Landflucht klagt, aber nicht auf kleinem ä'lajtze'W^ne Praxis eröffnen mag. Der Vorwurf ist aber ÖlQg ^berechtigt. Für einen gesetzestreuen Arzt sind iclit «IU-ie für einen anderen frommen Juden die rituellen jwichljfhgpn Vorbedingung, er piuss auch fragen, ob die rtlvijtfeh! Verhältnisse es ihm gestatten, in Ausübung seiner .ב־־ן מזבי zu halten. Und das ist an kleinen Plätzeiwhö/l-andpraxis (,fast) ausgeschlossen : und darum mussten>chon so manche Aerzte, die gern in Landstädten sich niederlassen wollten, diesen Plan nach Einholung von Informationen aufgeben.למק־דר >":rc אל הד*ן אי. •ע־ך עד• Ein unbeteiligter Interessent. 4 Simon Spira und sein Sohn. Historische Erzählung. Von Alb. Env Brachvogel. (Fortsetzung) V. Kapitel. Ob auch noch so ungünstig gelegen, verfehlt doch kein Friedhof auf das Gemüt selbst dessen einen Eindruck zu machen, welchem der Tod noch keinen seiner Lieben entriss, und ist dieser Eindruck zu den verschiedenen Jahreszeiten auch nicht derselbe, weckt er doch immer melancholische Empfindungen. Das grosse Trauer spiel irdischer Vergänglichkeit tritt uns bei seinem Anblick immer neu vor die Seele, besonders aber wenn die blühende V. Natur, ihr Emporsprossen und Entfalten mit dem Zeichen mensch״ licher Verwesung in Gegensatz tritt. Keine Stätte des Todes vermag mächtiger das Gemüt ergreifen, als der mehr denn zwölf־ hundertjährige Judenfriedhof zu Prag! Sein Areal zieht sich in unregelmässigen Windungen in .dem westlichen Teile der Juden- Stadt von der Pinkusgasse an zwischen der Baletes-, Hempes- und der Sainiter- oder Salpetergasse bis zum sogenannten Salpeterberge hin. einem kleinen Hügelzuge dicht am nordwestlichen .Moldauufer, von welchem man auf Hradschin und Kleinseite einen freien Blick hat Diesen Gottesacker zu umschreiten gebraucht man einestarke halbe Stunde, und die vielfachen Windungen Winkel und Zipfel, welche seine Umfassungsmauern machen, lassen ihn noch grösser erscheinen, als er ist, obwohl er fast den vierte« Teil^es Raumes der ganzen :Judenstadt einnimmt. Man’denke sich, ein weites Leichenfeld, auf dessen grubenartigep Einsenkungen und klaffenden* Höhlungen Hunderttausende von Leichensteinen prangen, mit jrtpräischeu Inschriften, Zeichen und Symbolen bedeckt, Reiche der Äodten Stellung und Sinnesart verkünden. Diese Trümmerwelt uiplpinnt und überwuchert das Schöllkraut mit Millionen seiner gelten Blüten so dicht,1״ dass es dem Wandrer bis zum Leibe emporaagt; ein Wald von Ffollunderbüschen und Bäumen aber drängt^ und windet seine uralten Stämme und Zweige schlargenhaft durch die Grabmale empor, 1 um ein grünes, von weissen, zahllosen Blütenholden durchwobenes Blätterdach über die Todteyistätte so dicht zu bereiten, das män den Himmel nicht mehr hindurchsieht und selbst beim hellsten Sonnenschein hier ein ewiger Schatten herrscht. Die Hollunderblüten und die Blumen des Schöllkrauts, verbunden mit dem Moderdunst vieler tausend Pflanzenleichen und zahlloser Pflanzenreste biMen eine so bedrückende gasige Atmosphäre, dass einem der Kopf^vöflig benommen wird und man halb betäubt, halb berauscht ist. Wie die Juden von Prag sehr richtig sagen, sind das ihre ,redende Steine“. Sie reden unendlich viel und gar Wundersames durch Zeichen und Wort zu dem, der sie recht versteht. Ipie ältesten Denkmale sind die einfachsten aber auch die beredtesten. Viereckige lange, aufrechtstehende, oft umgestürzte, odetr schräg herausstehende Sandsteinplatten, oft aneinandergelehnt und so geerängt stehend, dass man kaum zwischen ihre Flächen die Hand׳ legen kann. Die ältesten Steine endigen in einem rechtwinkeligen Dreieck, dessen Spitze gen Himmel deutet. Andere gesellen zu der dreieckigen Spitze zwei Säulen, zwischen denen die Inschrift steh*. Auf sie stützt sich dann die Basis des Dreiecks, und ihre Kapitäle tragen eine gemeisselte Flamme, oder eine Kugel, aus der die Flamme loht. Es sind die Feuer und Wolkensäule, die Führer auf der mühseligen Wanderschaft durch die irdische Weft. Rings ist’s still, kein Lüftchen regt sich• Unendliche Lethargie, namenlose Trauer, beklemmende Bangigkeit, ein Gefühl der Angst schwebt über dieser Totenstadt, die noch chaotischer dadurch wird, dass jeder, der seine Verstorbenen besucht, ihnen einen Stein zur Erinnerung auf das Grab legt■ Zwischen den dunklen Zweigen schlagen so lustig die Finken, klagt in schwermütigen Liebesseufzern die Nachtigall. Etliche׳ zitternde Sonnen״ strahlen verirren sich durch das Blättermeer herab und spielen und tanzen auf dem verwitterten Gestein und dem Wurzelwerk! das spinnenhaft und schlangenartig überall herumkriecht. Zweige knistern, das Gras rauscht — Esther Katz ist es mit Täubchen Caro. Sie kommt, wie sie es gestern gewollt hat. Kein Schmuck ist an ihr, kein Juwel, kein edles Metall. Sie ist bleicher als ehedem und trägt ein langes, dunkles Tuch, das nonnenhaft ihr Haupt umschliesst und mantelartig über die Arme auf ihr dunkles Kleid herniederfliesst; Täubchen ist gleich ihr verhüllt. Erst wenden sie sich auf der westlichen, gegen die Moldau gelegenen Seite des Kirchhofs zweien Gräbern zu, an denen sie beten und zu deren vielen Erinnerungssteinen sie noch einen legen: Es sind die Ruhestätten von Esters Eltern; dann suchen beide Mädchen auch das Grab der Eltern Täubchens und ihres Vorfahren, des berühmten Rabbi Avigdor auf,.denen sie ihre fromme Pflicht erweisen. .Lass uns jetzt zu Sara, meiner Ahnmutter gehn und tun wie ich mir vorgenommen habe!“ sprach Esther halblaut. Sie vertieften sich in das Innere des Friedhofes. An dessen dunkelster Stelle fast schläft Sara Katz seit dem Jahre 606. Weit über die Hälfte ist ihr Grabstein in den Boden gesunken und erscheint winzig fast neben der hohen, stolzen, sarkophagähnichen Grabstätte Mordtechai Meiseis, des Vaters von Simon Spiras Frau. Die Inschrift ist durch die Verwitterung kaum mehr fürs Auge erkennbar, doch Esther erkennt sie sehr wohl, und wenn ihre zarten Finger tastend über die halb verlöschten Charaktere hingleiten, kann sie sich des Inhalts derselben genau erinnern. Auf dieses Grab sind nur sehr wenig Steine hingelegt, denn wer kennt Sarah Katz noch, wer hat nach mehr denn achthundert Jahren noch verwandschaftliches Interesse an ihr, als die verwaiste Esther? Von ihr allein sind diese Steine, an ihnen erkennt sie, wie oft sie hier war, um zu beten, und ein Blick auf das Grab lässt sie jetzt stutzen. ,Ein Stein zu viel: Es ist ein Stein zuviel!*, murmelte sie. ,Wer soll ihn hingelegt haben, wie Du?“ entgegnete Täubchen. Ihre Freundin antwortete nicht, sie zählte die Steine. ,Siebenundzwanzig! Einer, ich hab’ es ja gewusst, einer ist zu viel.“ Damit hob sie den obersten Stein auf. ,Es ist ein Faden an ihm!“ Sie wendet ihn um. ,Goft soll schützen!‘, rief Täubchen, ״es hat einer Papier unter den Stein gebunden! Mache es ab, oder wirf ihn weg! Was soll es bedeuten?!“ Esther löste den Faden und den Papierstreif, welchen sie entfaltete. Auf ihm stand hebräisch ,Ich bin geflohen vor Deinem bösen Wort und habe es ihr geklagt, die hier unten liegt. Was fortan mit mir geschieht, Du trägst die Schuld, und ich leg es auf Dein Gewissen, wie diesen Stein hier auf Sara’s Grab!“ ״Er ist hier gewesen, der Marpus“, sagte sie tonlos und steckte das Papier in ihren Busen. Nach einer Weile atmete sie schwer auf. ,Hast Du die Schaufel mitgebracht, wie ich Dich gebeten habe?“ (Fortsetzung folgt) Briefkasten der Redaktion. A. in C. Soviel uns bekannt, fabriciert diese Lampen die Firma B. Wolff u. Cie., Nürnberg.