Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 5 u. 6 (Mai-Juni 1909)
- Date
- 1909-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Der Sabbatb schon der Umstand, dass nachweisbar das älteste israelitische Cribmal daselbst im ) a 11 r e t>06, sage Sechshundert nachChristi schon.errichtet ward! Die Tradition der Prager judenschaft aber reicht noch , viel weiter hinauf, wie denn von der höchst merkwürdigen Czechen- Metropole die Altstadt das Merkwürdigste, von der Altstadt aber die Judenstadt, am äussefsten nordwestlichen Moldauwinkel, zweitellos des Allerwunderbarete ist! Sie birgt in ihrem Schosse Dinge, die man vergebens׳ zum zweiten Mal in Europa suchen, wenigstens wie sie dort sind, nirgends wiedeifinden dürfte. Die (udenstadt mit ihren Geheimnissen und die Altstadt, welche sie gewissermassen einkapselt, bilden nun die Scene unserer Erzählung, deren Helden jenem Volke angehörten, das zer• streut und verfolgt wurde und ruhelos wandern musste durch die. Welt, um doch überall als ein Fremdling zu gelten. An diesem Volke lieben wir die Tradition, die Weisheit seiner Väter, von der es heute selbst nicht gar sehr viel mehr weiss. '.Vir lieben eben ihre Tradition, weil sie die Mutter derUnsrigen ist*;und wir unsere eigene Entwicklung nicht zu. begreifen vermöchten, wenn uns in die jüdische Tradition jeglicheraidblick fehlte. Prag ist nun einer der wenigen Orte, wo man d&n'sdöefl tatsächlich tun kann, die Menschen aber, deren Handlungv"־ und Denkweise wir schildern, gehören jener höheren Gatt^fe-^yÄseres Geschlechtes an, welche, mögen sie unter einem VoTtgLleben. wie es auch heisse, und welcher Glaubensform es auch ■■Kcv stets die Bewunderung ihrer Zeit finden und ihre Nationfl^feinem Schimmer von Ruhm und Hoheit umgeben wird, welche sie ihr gebeugtes Haupt in neuer Hoffnung erheben lässt. * * * ' * Zweites Kapitel Obwohl Prag von moderner Kultur möglichst beleckt worden ist, auch kein Serezaner mehr im roten Mantel martialisch umherstrei'ft. ja, selten nur der Bauer sich noch in blauer Schnürenweste und weissen Hosen blicken lässt, sieht doch die Altstadt noch so düster und eng aus, ihre Bauten sind so verzwickt, ihre Strassen so labyrinthisch, dass man hiernach den Schluss machen kann, IF48, im letzten Jahre des dreissigjährigen Krieges, müssf dieser Stadtteil noch viel verbauter und schmutziger, viel melancholischer gewesen sein. Seit den Hussiten war Prag denn zehnmal — sechsmal allein im dreissigjährigen Kriege — erobert, geplündert und geschädigt. Überall kündeten die klaffenden Löcher und Risse in den Mauern, wie oft sie von teindlichen Kugeln überschüttet worden seien. Wir betreten die Altstadt unter dem Eindrücke der jüngsten, erst ein Jahr zuvor erfolgten Verwüstungen und zwar um die Mitte des (uni jenes (ahres, welches endlich die ein Menschenalter wütende Schlächterei in Deutschland erden sollte. Alle Kräfte von Freund und feind waren bereits erschöpft, die ganze Generation. fast ausgerettet, die Hälfte der bewohnten Orte im Lande der Erde gleichgemacht. Wohl hatten schon vor drei Jahren zu Osnabrück die friedensumerhandlungen begonnen, aber zu keinerlei Resultat akführt. weil die kriegführenden Monarchen,mehr ihren; politischen *lirteil. als das Elend ihrer Untertanen beachtend, I keine grossötgile hatten, den trostlosen Zuständen ein Ende zu machen. JeWcher von ihnen vielmehr glaubte, der fernere Krieg i werde ihn vber den Gegner bessere Vorteile gewinnen lassen, diesen aber desto mehr schwächen. Der schwedische General Wrangel hatte voriges Jahr ganz Böhmen besetzt gehalten und Prag erobert, der kaiserliche General Graf Melander von Holzapfel aber oie Residenz befreit und die Schweden bis nach Eger zurückgetrieben. Anfang dieses Jahres hatten Wrangel und Graf Königsmark mit 18000 Mann schwedischerseits den Feldzug eröffnet und das' von den Kaiserlichen belagerte Eger verpreviantiert. Am siebzehnten Mai war General Melander von Holzapfel bei Zusmarshausen in Bayern total geschlagen worden und hatte im Gefecht den Tod gefunden — der letzte Kaiserliche General also, dessen Fahnen das Glück gelächelt, war nicht mehr! Nun w ar sogar Pfalzgraf Carl Gustav, der eventuelle Thronfolger von Schweden, mit 900u Mann Zuzug im nordwestlichen Winkel Böhmens erschienen. Anfang dieses Monats aber hatte Graf Königsmark Eger entsetzt und bereitete,sich dort auf neue Operation vor. Dass die schwedisch-protestantische Partei sich beeilen werde, die möglich grössten Vorteile zu erlangen, bevor der Friede wirklich geschlossen werde, war eben so natürlich, wie dass es ihr gelüsten musste, die böhmische Residenz, welche für ungeheuer reich galt und die ihnen Melander entrissen hatte, a|s Faustpfand wieder in die Hände zu bekommen• Die Bevölkerung Prags schwebte deshalb in grösster Sorge und Unruhe — — —. Kommen wir von der ״steinernen“ oder Nepomuk-Brücke ' zu dem riesigen Altstädter Turm, so ist dessen Tor jetzt nicht nur verschlossen und die östliche Seite Prags nur durch ein schmales Pförtchen betretbar, auf seinem Zinnenkränze und an den oberen! Fenstern sfehen Bewaffnete, welche die Kleinseite und Hradschin unter־ ־Beobpchturg halten : auch einige Feldstücke sind oben und ־*) Verfasser war <'h1i״t! Bed. ' - i auf die angrenzenden Mauern verteilt und recken ihre drohender». Mündungen über den Fluss. Es ist gegen 10 Uhr morgens und eine Gruppe vornehmer Herren schreitet eben von der Kleinseite über die Brücke her dem Alt־ Städter Turme zu. Sie sind, ihrem Range und ihrer Stellung nach sämtlich kriegsmässig bewaffnet, wie es die trostlose Zeit erfordert, und ihr Gespräch ist keines von den annehmlichen. Allen vorauf schreitet der dreiundsechszigjährige General Graf Rudolf Colloredo, Statthalter von Böhmen, Gouverneur von Prag und Kaiserlicher Oberburggraf auf dem Hradschin. Er und sein jüngerer Bruder Joseph, Grossprior der Maltheser, sind tief in die.Schlusskatastophe Wallensteins verwickelt gewesen, besonders Rcdolf hatte hierbei das Verdienst, den Kaiser rechtzeitig gewarnt, durch strategische Massnahmen den Herzog von Friedland zu den letzten, schlimmsten Schritten in Eger gedrängt, und ihn so der Nemesis überliefert zu haben, .bevor er zu den Schweden übertreten konnte. Für diese Treue in höchster Gefahr war ihm als Kaiserlicher Dank die Herr- Schaft Opoczno verliehen und der besondere Schutz Prags anvertraut worden. Für sein Alter noch frisch und rüstig genug, trug er den vollständigen Kürass der schweren Reiter und den Helm, so dass sein Oberkörper völlig in Eisen steckte, über dem Schenkelstücke noch das Bein bis zu den Knieen schützten, über welche der hohe Reiterstiefel gezogen war. Die rote, gestickte Feldbinde und die weiss und rothen Federn kündeten sowohl seinen Rang, wie die kaiserliche Kriegspartei an, deren Haupt in Böhmen er war, verhinderte ihn auch bereits sein Alter, noch Truppen im offenen Felde zu führen: Neben ihm schreiten Graf Wratislaw, Kommandant der Klein- Seite, ein Nachkomme der Piasten, und Clam Martinitz, Bruder des bekannten Kaiserlichen Ratsherrn, der mit Slavata aus den Fenstern gestürzt worden war; er hatte den Hradschin zu verteidigen. Beide kaiserlichen Offiziere tragen als Infanteristen nur Brust- und Rückenharnisch: statt der Eiserhaube aber den Federhut. Diesen folgt an Joseph von Colloredo’s des Malthesers Seite Reichsgraf Czernin von Chudnitz und Janko Kinsky von Wichinitz. Czernin von־ uraltem Czechenblut, Regent des Hauses Nehaus und Chudnitz —!eine besondere, alte Würde der Familie) ist General und in den Fünfzigern. Er kommandirt die Besatzung der Altstadt; Kinsky, der Andere, ein ein eben so erlauchter Böhme, welcher sowohl auf der Kleinseite, wie in der Altstadt ein stolzes, uraltes Stammhaus besitzt, ist der besondere Liebling und Vertrauensmann der altstädter Bürgerschaft■ Der letzte ist Baron Hartickr Befehlshaber der böhmischen Reiterei auf der Kleinseite■ Seine Schnürenweste, die weite, lange Hose in den roten Stiefeln, der krumme Säbel und flatternde Mantel, endlich der Kalpak, dessen langer, rother Zipfel ihm über den Rücken hängt, kündigen ihn genügend als den Chef jener leichten, slavischen Reitertruppen an, welche bereits unter Carl V in der Schlacht bei Mühlberg hervorragend beteiligt gewesen waren. Sein stark gedunsenes, kupfriges Gesicht beweist, dass er die Flasche liebt, aber er ficht zweifeilos ganz eben so tap'er und gern, wie er trinkt. Das Gespräch dieser Herren dreht sich im langsamen Dahingehen um das Thema: ״Die Schweden kommenund um die Frage : ״Wann lind von welcher Seite sie kommen könnten, woher die Nachricnt einlief und ob sie verbürgt sei.“ Eine Person folgt dieser Gruppe Edelleute in geringer Entfernung, welche, trotz ihrer ausserordentlichen Erscheinung, kein Kriegsmann ist. Von breitschultrigem, aussergewöhnlichen Gliederbau, der die Kraft eines Simson oder Goliath verriet, und das hochgerötete, nicht unedle, jedoch scharfgeschnittene Gesicht zeigte noch volle, strotzende Mannesjugend. Aber sein Haupt ist gebeugt, seine Haltung gekrümmt, wie in sich eingesunken; seine Kleidung sieht sehr schmutzig und abgerissen aus. Er trägt einen kleinen Lederranzen auf dem Rücken und in seiner Rechten einen starken Knüppel, dessen oberes Ende knorrig, dick und unregelmässig wie eine Keule gestaltet ist. Hätte er auch nicht die fatale Plattmütze von schreiendem Gelb auf dem Kopfe gehabt, das Kennzeichen seiner verachteten Rasse, das schwarze, krause Haar, der lange Bart und die scharf gekrümmte Nase hätten verraten, er sei ein Israelit. Auf seinem Antlitz lag Scheu und tiefe Schwermut. ^Fortsetzung folgt ) Wie aus der Auzeige in der vorliegenden Nummer ersichtlich, hat die Firma S. B. v. Maarssen, antiseptisches Enthaarungspulver, Frankfurt a. M. mit dem Friseur W. Nitsche, Klingerstr. 25 eine Vereinbarung getroffen, wonach derselbe mit diesem Pulver die Haare entfernt, um auch diejenigen Leute, die sich den Bart nicht selbst abnehmen wollen, von den Vorzügen dieses Pulvers, welches sich immer grösser werdender Beliebtheit erfreut, zu überzeugen. Wir empfehlen unsern Lesern den recht häutigen Gebrauch dieser Einrichtung.