Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 4 (4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Der Sabbath, .׳§״e ^^Bkerst in zwei Monaten fällig, aber Sie begreifen, *dass ich dJMBd nicht gern verlieren möchte, nachdem Sie Ihre Zahlungen Ifa^steHt haben■“ ״Vlir uh Sere Zahlungen eingestellt? Woher wissen Sie denn das?‘*; ״Ich habe es von zuverlässiger Seite in Wien erfahren und bin sofort hierhergereist, um mein Guthaben zu retten.“ ״Aber wer hat Ihnen das mitgeteilt? Obwohl der Betrag erst in zwei Monaten erst fällig ist, verspreche ich Ihnen denselben sofort ohne jeden Abzug auszuzahlen, wenn Sie mir den Ver-! breiter dieses Gerüchts mitteilen können, dass ich ihn ermitteln I und dingest machen kann.־‘ ’ V T^jJtz der verletzenden Anweisung, die er von Goldberger erfahren, widerstrebte es Lemberger, einen Namen zu nennen. Aber als ihn Herr Werner bei der langjährigen Freundschaft mit dem seligen alten Herrn Lemberger beschwor, ihm doch behülflich zu sein, dieser, seiner Firma in so hohem Grade schädigenden Verleumdung entgegentreten zu können, reichte ihm; Lemberger das an die Firma Jacques Goldberger & C9 gerich:ete Telegramm hin mit dem Bemerken; dass der Adressat jedenfalls , selbst düpiert worden sei. Das Telegramm war in Pest aufgegeben, . aber nicht unterzeichnet. Herr Werner kannte den Pester Vertreter Firma Goldberger £f C9. Er steckte das Telegramm in seincJ&Mche, zahlte Lemberger die 4000 Gulden aus und begab sichzjwisrt zur Kriminalbehörde, um den Fall zur Anzeige zu bfinpBf״* Diese konstatierte leicht, dass ein Telegramm dieses InhaftS'iirr Pest überhaupt nicht aufgegeben worden war. Herr Werner reiste alsbald nach Wien, erstattete dort Anzeige bei Gefftrftfc was die Verhaftung Jankeis und Feiwels wegen Fälschung , einer ptepesche, und wegen Verbreitung falscher, kreditschädigen- I der .Kehrichten zur Folge hatte. Jankei wurde zwar nach wenfpfci Tagen wfeder entlassen, nachdem sich herausgestellt hatM*aass er selbst getäuscht worden war- Dagegen wurde sein Kompagnon zu mehrmonatlicher Gefängnisstrafe und zur Zahlurtg aner hohen Summe an die Herren Werner und Dalmann : vcruftalt. ljje Verhaftung der beiden Chefs hatten in Wiener Börsenkreisen peinliches Aufseben erregt und den guten Ruf der Firma empfindlich geschädigt. Diese moralische Einbusse und der damit ^verbundene Geldverlust trieben Jankel zu immer wag- .halsigjsien Spekulationen. Durch Feiwels Verhaftung hatte die 1 ruhige'! Vorsicht und die kühl erwähgende Besonnenheit ihre Vertretung in der Firma Goldberger & C9 eingebüsst. Jankel ' w־ar n\ir von der Sucht nach Geld erfüllt, aber ihm fehlte die Ruhe and Berechnung, um es durch Spekulation zu erlangen Dabei war. Jankel in hohem Grade abergläubisch. Er glaubte, sein Glück sei an die Persönlichkeit Feiwels geknüpft. Bevor er zur Börse; ging, nahm er seine kleine Enkelin Esther, das dreijährige ,Töchtefchen Feiwels auf den Schoss, hielt ihm das neueste Kursblatt mit der Bitte hin, es solle einmal mit den Fingern darauf ־deuten. Dieses Experiment hatte Jankel schon oft versucht und immer Glück gehabt, wenn er das Papier kaufte oder verkaufte, ־auf welchem sein kleiner Finanzrat den Finger gelegt hatte. Heute -hatte Esther auf Kredit-Aktien ihren Grossvater verwiesen, die ungemein günstig standen. Er kaufte um 500000 Gulden, kam schimmelnd nach Hause und erzählte seiner Gitel, dass er seine Millib^pilden endlich beisammen habe, wenn dieses Geschäft *sch ausfiele. Das war das Ziel, welches er sich gesetzt Besitz einer Million wollte er das Geschäft seinen 1d seinem Schwiegersöhne überlassen und ■sich von der :n Spekulation ganz zurückziehen. Die Aufregung hatte u. und nervös gemacht, obwohl er noch nicht viel über zählte. Dazu kam die Verhaftung vor wenigen Tagen, nke an das Schicksal seines in Haft befindlichen sohnes und manches andere, was die von Haus aus Konstitution Jankeis bedenklich erschüttert hatte, gewaltige Spekulation mit den Kredit-Aktien ging aber!0 gründlich fehl, dass Jankel 24 Stunden später ein armer Mann .war. Er war noch ausserdem mit ca. jlden engagiert. Eine plötzliche ausgebrochene Panik so rapides Sinken aller Werte zur Folge, dass eine grosse : Krisis eintrat, deren erstes Opfer Jankel war. ן Jankel, der während seines sechsjährigen Wiener Aufenthaltes'viel von seinem inneren sittlichen Halt verloren hatte, hatte ׳*Tnit seinem Gelde alles eingebüsst, was seinem Leben WerJ ,und Bedeutung gab. Er hätte am liebsten, w ie schon so viele verunglückte Börsenspieler, seinem Leben durch eine Pistolenkugel ein Ende gemacht, aber er war zu feige dazu. Vor ״ Schiesswaffen hatte er zudem einen heillosen Respekt; er hatte nie eine in Händen genabt Wie damals, als er von Kathinka das Verhängnissvolle Lotterielos gekauft hätte, fehlte es ihm auch jetzt an Mut und Vertrauen, seinem wackeren Weibe von seinem Zustande Mitteilung zu machen. Seine Familie hatte keine Ahnung *ttjOf, dass sie vollständig verarmt war. Die Schmach ein armer T^lann zu sein, war Jankel unerträglich. Er wäre vor der Sünde des Selbstmordes nicht zurückgeschreckt, hätte er nur gewusst, wie man dies auf leichte, wenig schmerzliche Art bewerkstelligen, könne; aber er hatte zu wenig praktische Erfahrung auf diesem Gebiete. Da fiel ihm plötzlich ein, einmal gehört zu haben, dass der Tod durch Kohlendämpfe eine überaus leichte, schmerzlose Todesart sei. Er nahm ein mächtiges, bis über den Rand gefülltes Kohlenbecken, stellte es in die Mitte seines Zimmers, schloss sich in dasselbe mit zwei Flaschen starken Tokayerwein ein und trank dieselben hastig aus, sodass er berauscht sofort in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem er nicht mehr zu erwachen gedachte. Als er am anderen Morgen trotzdem erwachte, wunderte er sich, dass die andere Welt, eine so auffallende Aehnlichkeit mit seinem Zimmer hatte. Nachdem er aber sich die Augen ausgerieben hatte, und zu seinem Schrecken sah, dass er in seinem Eifer die Kohlen anzuzünden vergessen hatte, erfüllte ihn die Wahrnehmung mit solchem Schrecken, dass er ernstlich krank wurde. ln ihrer Bestürzung wollte Gitel rasch zu einem Arzte schicken, aber Jankel hielt sie zurück und sagte ihr, er habe mit ihr allein zu reden. ,Ich fühle,“ hub Jankel an, ״dass es mit mir zu Ende geht, und es gibt keinen Doktor, der mir helfen kann. Schicke zur Chewra Kadischa, damit ich wenigstens mit Minjan meine Seele aushauchen kann. Aber ich kann es nicht tun, ohne Dich über unsere Lage aufzuklären. Wir sind arme ruinierte Leute. Jede Stunde kann der Gerichtsvollzieher kommen und Beschlag auf unsere Sachen legen. Der Stuhl, auf dem Du sitzest, das Bett in dem ich liege gehört nicht mehr uns. O, hätte ich Dir damals gefolgt, als dq mir zuhause in U abgeraten hast das Lotterieloos zu kaufen. Von diesem Kauf datiert unser ganzes Unglück Hätten wir nicht 6 Jahre die Annehmlichkeiten des Reichtums gekostet, so wäre es etwas Leichtes in Armut unser Leben zu verbringen, wie wir es früher taten. Aber jetzt? In wenigen Stunden stehe ich vor dem Richter der Wahrheit und ich habe mich zu verantworten nicht nur für mich, sondern auch für das Unglück, in das ich Dich gestürzt habe Unseren Kindern hat das Geld ihre lüdischkeit geraubt, unsere Söhne sind uns, unserer Emunoh (Religion) so entfremdet, dass sie mir nicht einmal Kaddisch nachsagen werden. Das Geld hat mich hart und gefühllos gemacht. Vor wenigen Wochen, als ich noch ein Vermögen von 800000 Gulden besass, hat mich der Sohn unseres verstorbenen Freundes Lemberger um ein Darlehen von 10000 Gulden angesprochen, ich habe es ihm verweigert. Diese Gefühllosigkeit hat mein Sündenmass voll gemacht und hat sich bitter an mir gerächt Werde ich dem biederen Rabbi Löb ins treue Auge schauen können, wenn ich die Sechijo haben sollte, vor dem Bes din schel Maloh mit ihm zusammen zu treffen? — Meine Kräfte schwinden, ich muss mit ihnen haushalten. Gehe du wieder zurück nach U. O, könnt ich mit Dir gehn, und unser armes, aber doch so gottgesegnetes, glückliches Leben dort von neuem beginnen! Sei mir alles mauchel und nun lebe wohl! Chotosi, owisi, — — — ,Jankel! Jankel! Fehlt Euch was, dass Ihr nicht zu Mincho wäret i״“ rief Rabbi Nochum Seelenfreund durchs halbgeöffnete Fenster hinein. |ankel und Gitel fuhren aus ihrem Sabbatnachmittag-Schlaf in die Höhe. Sie hatten Mincho und das Lernen verschlafen und das glänzende Wiener Leben, ihr so fasch gewonnenes und zerronnenes Glück und Elend, alles, war nur ein Traum, so treu und so natürlich wie ihn eben nur der Schlaf am Schabbos- Nachmittag zu Wege bringt. Jankel erzählte alles, was ,er im Traume in so ergreifender Weise durchlebt hatte, seinem braven, wackeren Weibe und meinte, dass er auf solchen ungewöhnlichen Traum morgen Taanis Cholem halten müsse. Ich sah wie Vater Jakob im Traume eine Leiter;, aber nicht eine solche, die in den Himmel, sondern eine, die in den tiefsten Abgrund führte, ich selbst befand mich auf dieser Leiter und wäre beinahe in den Abgrund gestürzt! Seine Frau schüttelte lächelnd das Haupt und entgegnete: ״Man fastet nur, wenn man einen bösen Cholem.gehabt hat,, aber das war ein guter. Wir Menschen kennen uns selbst nicht. Aber im Traume hält uns Gottes weise Vorsehung oft einen Seelenspiegel vor, der unser tiefstes Gemüts- und Seelenleben veranschaulicht, und wir erfahren, wie es um uns bestellt ist. •Vor zwei Stunden sehntest Du Dich noch nach dem grossen Loos und allen damit verbundenen Reichtümern. Jetzt sehen wir, welche Gnade Gott an uns übt. dass er uns diesen Wunsch versagt• Audcho ki anisoni! Ich danke Dir o, Gott für die Armut, mit der Du uns beglückt hast.“ Auch Jankel stimmte ein in diesen Dank. Er schloss dasi. Geschäft mit Kathinka nicht ab. Jankel war — kurirt.