Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- 10-11 (Okt.-Nov. 1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Der Sabbath I ' jt von Jankel U14d Gitel Goldberger zu werden. Aber Feiwel rückte .mit diesem Varhaben nicht sofort heraus, sondern suchte sein Ziel auf einem Urnveg zu erreichen, auf dem ihm noch andere grosse Vorteile JkvMklenetrms Abends im Familienrate gemeinschaftlich mit Feiwel Seelenfre^id^ifder die Frage verhandelt wurde, ob sich für Jankel kein geefgsjette Geschäft ausfindig machen lasse, meinte Feiwel, er habe nach, tyqjern Nachdenken etwas sehr Passendes gefunden — |ankef 'solle Efenquier werden! } 1 ״Ban’quier?“ fragte Jankel verblüfft, .wie Schmidt und Ehrles meinst Du, bei welchem unser Geld deponirt ist?“ .Ganz so meine ich’s. Was braucht Ihr Euer Geld fremden Menschen anzuvertrauen, die wer weiss wie viel daran verdienen? Die Kunst könnt Ihr gerade so gut“ »Wo denkst Du hin,“ wandte Gitel ein, .wir können nicht einmal schreiben und lesen und kaum rechnen, wie könnten wir Banquiers sein?“ Diese Bemerkung verletzte Jankeis Eitelkeit. Gereizt bemerkte er zu •Feiwel: .Meine Frau ist sehr demütig und bescheiden und {geht darin so weit, dass sie es nicht nur für sich, sondern auch flir rrftch jtfmit ist. Ich kann aber boruch Haschern lesen und schreiben.“ Feiwf I lächelte; er war auf dem rechten Wege. .Dass Ihr schreiben und lesen könnt, ist mir gar kein Sofek (Zweifel); habe Jen doch Eure Kunst darin oft genug bewundert. Zudem wachsen auch Eure Kinder zum Guten heran, die Jungen können’s afilu (sogar) sehr gut und die Mädchen kennen’s auch lernen. Wenn’s Euch recht ist, lern ich jeden Abend eine halbe Stunde mit ihnen, dann werden sie diese Chochmo, auch bald können■ Aber in allem Emmes (in Wirklichkeit) braucht man für das Geschäft nicht schreiben lind lesen zu können, man braucht nur Geld dazu zu haben, und das habt Ihr boruch Haschern. Nichtsdestoweniger werdet Ihr gut tun, wenn Ihr Euch nach einem Schuttof (Compagnon) umkehrt, z. B. nach einem zuverlässigen Ehrenmann wie Rabbi Löb Lemberger, hundert Jahre soll er leben.“ Diesen Vorschlag hatte Feiwel nur gemacht, weil ihm schon früher mitgeteilt worden war, dass Rabbi Löb diese Offerte entschieden zurückgewiesen hatte. »Damit ist's nichts,“ sagte Gitel, ״er geht nicht von U. fort.“ »Wie wär’s“, fragte Jankel, »wenn Du, Feiwel, Dich an dem Geschäft betei igen würdest?“ Der Gefragte tat, als ob er dieses Angebot garnicht gehört hätte, und verbreitete sich über das Bankfach im Allgemeinen und über Jankel als Banquier insbesondere- Er tat dies mit so viel Geläufigkeit und Sachkenntnis, dass Jankel und Gitel ihn für ein Finanz-Genie ersten Ranges halten mussten- Er wies seinen verdutzten Zuhörem zuerst nach, dass es ein leichtes sei, mit einem Kapital von 160000 Gulden in einem Jahre das Doppelte zu verdienen. Hier musste ihn Jankel mit der Bemerkung unterbrechen, dass er es im ersten Jahre um 20000 Gulden billiger tue; es sei ihm zunächst nur darum zu tun, die 140000 Gulden zu bekommen, die ihm noch an .seinen* 300 000 Gulden fehlten. FeiWel lächelte überlegen. »Die 20000 Gulden1־, meinte er, »werdet ihr sehr gut gebrauchen können Ihr müsst viele neue Einrichtungen anschaffen, Büreau's, Commis und feine Möbel, damit Ihr ein respektables Haus ausmacht; denn das gehört dazu. Ihr müsst in’s Theater, müsst Bälle und öffentliche Vergnügungen aller Art mitmachen, damit man Euch kennen lernt, damit von Euch bei den Getdleuten gesprochen wird. — Aber es wäre doch gut, wenn Ihr noch einmal zuvor den Rat von Rabbi Löb Lemberger einholtet.* ״Da», ist nur nötig,“ entgegnete Jankel, ״wenn Du Dich nicht selbst an dem Geschäft beteiligen wirst Bist Du aber willens, selbst Teilhaber an meinem Geschäft zu werden, so brauche ich keinen bessern Ratgeber.* , Feiwel machte einige Einwendungen, liess sich aber schliesslieh ohne allzugrosses Drängen zu dem überreden, woran sein ganzes Heg hing und worauf er die ganze Zeit mit jedem Schritte hingestrebt hatte. Er versprach, seine bisherige Stellung so bald als möglich aufzugeben. Sechs Wochen später war alles erledigt. Eine neue Wohnung mit schönem Comptoir ward bezogen und auf glänzender Bronceplatte war an einem der schönsten Häuser in frequenter Lage der Stadt die Aufschrift zu lesen: ״Jacques Goldberger, Bankgeschäft.* V. In seinem bequemen Fauteuil ruhte Herr Jacques, weiland Jankel Goldb_erger in dem Privatkabinet seines Comptoirs und war in die Lektüre der ,Neuen Freien Presse* vertieft. Obwohl im Besitz noch ganz guter Augen, hatte er sich eine Brille zugelegt, weil er von verschiedenen Leuten gehört hatte, dass sie viel besser mit, al$ ohne Brille lesen konnten. Das Studium der grossen Zeitung nahmt den ganzen Vormittag bis zur Börsenzeit in Anspruch. Aus alter!!Mix für Lumpen, Knochen, altes Eisen u dergl. suchte er in denjMseratenteil erst die Partieen auf, in welchen diese Gegenstänae gesucht oder angeboten wurden, ohne dass er je etwas in diesem Artikel gekauft oder verkauft hätte, seitdem er in Wien< lebte Dann erst studierte er die übrigen Annoncen und zuletzt den. Kurszettel, in dessen Wissenschaft ihn Feiwel, alias Ferdinand; Seelenfreund eingeweibt hatte Auch in die Börse hatte derselbe Jankel eingeführt Mit seinem gesunden, praktischen Sinn hatte dieser sich in dem Tumult leichter zurechtgefunden, als sein Compagnon selber glaubte. Das ganze Börsengeschäft der Herrn Jacques Goldberger •v Comp, bestand in Spekulationen für eigene Rechnung oft der waghalsigsten Art, die aber alle so vollständig glückten, dass längst vor Verlauf eines Jahres Jankel ״seine“ 300000 Gulden beisammen hatte Aber er hatte sie nicht allein. Der Compagnon und Ratgeber hatte die Hälfte und dieser Umstand machte Jankel viele Sorgen Da er ihm unentbehrlich war, so konnteer ihn nicht fortschicken, aber er war ein teuerer Compagnon und er konnte ihn nicht missen. Da kam Jankel auf den genialen Einfall, Feiwel zum Schwiegersohn zu machen. Seine Malko war inzwischen zur schönen Jungfrau herangewachsen und die jungen Leute sahen sich gern und verkehrten mit einander. Gitel hatte zwar einige Bedenken gegen diese Verbindung. Ihrem Scharfblick war es natürlich nicht entgangen, dass Feiwel im Herzen der Väterreligion nicht die unverbrüchliche Treue bewahrt hatte, die er im Verkehre mit der Familie zur Schau trug. Er hatte sich einmal, ohne sich die Hände zu waschen, zu Tische gesetzt und hätte ohne Kopfbedeckung gegessen, wenn man ihn nicht noch rechtzeitig daran erinnert hätte. In Wirklichkeit führte Feiwel ein ausschweifendes Leben, und,legte sich nur in der Familie Goldberger den Zwang auf, alle Vorschriften zu beobachten, die das Religionsgesetz vorschreibt. i Als man ihm eines Abends Malko’s Hand anbot, schützte er erst seine Jugend vor, erbat sich einige Tage Bedenkzeit und ging dann selbstverständlich mit grosser Bereitwilligkeit auf den Antrag ein. Von dem Augenblicke der öffentlichen Proklamirung Feiwels als Schwiegersohn, liess er von Tag zu Tag mehr die Maske fallen, welches sein unreligiöses Leben und Treiben bis jetzt verhüllte. Er mietete eine Wohnung im Prater und erklärte auf das Entschiedenste, dass seine Malko, die nun auf den Namen Amalie hören musste, ihr Haupthaar nicht nach jüdischer Frauensitte verhüllt tragen dürfte. Das würde ihm den Verkehr mit seinen Freunden unmöglich machen und seiner Frau alle höhere, gebildete Kreise für immer verschliessen. Auf die Söhne hatte das Beispiel Feiwels schon längst demoralisirend gewirkt• Hinter dem Rücken der Eltern hatte er ihnen klar gemacht, wie die Religion, die sie von U. mitgebracht hatten, für dort ganz gut und berechtigt sei. Hier in Wien stelle man andere, höhere Ansprüche an die Menschen. Er riet ihnen aus Schonung für die Eltern, diesen nichts von der neuen Offenbarung mitzuteilen, sondern äusserlich so zu leben, wie sie es bisher gewohnt waren. Aber ausser dem Hause seien sie freie Menschen und die beschränkten Anschauungen der Alten zu Hause sollten ihnen nicht die Freude am Genuss des Daseins vergällen. Diese Lehren fielen auf leider nur zu fruchtbaren Boden und machten aus den hoff- ' nungsvollen Jünglingen, heuchlerische Gecken, die voll Verachtung auf ihre würdigen Eltern blickten, sich selber dagegen für ungemein gebildet und fortgeschritten dünkten. Jankel und Gitel duldeten seufzend bei ihrem Schwiegersohn, was sie nicht ändern zu können glaubten. Als die Hochzeit gefeiert war, liess Feiwel den letzten Rest von Rücksicht fallen. Er verspottete nicht nur das Religionsgesetz, sondern auch seine Schwiegereitern, vernachlässigte seine Frau und führte sein ungezügeltes Leben fort, wie er es früher getan hatte - - In seinen geschäftlichen Unternehmungen war aber Feiwel so glücklich, dass selbst Jankel darüber stutzig wurde. ״Wie kann ein Posche Jisroel (Abtrünnigef), wie es leider unser Schwiegersohn ist, nur solches Glück haben?“ sagte er oft seufzend zu seiner Frau. Diese schüttelte bedenklich das Haupt und meinte, es könnte kein Segen darin sein. »Er geht an Schabbos auf die Börse. Ich habe ihn am Schabbos schreiben, rauchen und Briefe schreiben sehen, das kann auf.die Dauer nicht gut tun. Wie das enden wird, ich weiss es nicht; ich möchte den Mund nicht zum Bösen öffnen,, aber gut kann das nicht enden.‘ Aber das Geschäft ging über Erwarten gut. Die Söhne waren herangewachsen und hatten die Schule verlassen. Sie sollten in ein Geschäft eintreten und der Schwager hatte ihnen auch bereits ein solches ausfindig gemacht. Aber sie mussten daselbst den Schabbos entweihen. Mit aller Entschiedenheit legten die Eltern dagegen ihr Veto ein, aber es half nicht viel. Die Söhne waren ihnen über den Kopf gewachsen und erklärten rundweg, sie wären ihre eigene Herren, sie wollten das schon verantworten. Das Schlimmste aber war, dass Jankel, abgestumpft durch die Gewohnheit, selbst angefangen hatte, es mit der gewissenhaften Erfüllung des Gottesdienstes laxer zu nehmen. Seitdem sie ihre neue Wohnung bezogen hatten, besuchte er wegen des weiten Weges weder die Synagoge noch das Bes-Hamidrasch an jedem Tage. Nur am Sabbath hatte er Zeit und Müsse dafür; aber auch;, das war ihm bald verleidet. (Fortsetzung folgt.,)