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Der Sabbath · 1908-06-01 · 6 u. 7 (Juni-Juli 1908) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
8 (1908)
Issue
6 u. 7 (Juni-Juli 1908)
Date
1908-06-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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44 Der ,Sabbath. 4, Kurirt. Dieser scti entscheide^ Löb’s Sehrt ausgekomn Racfj Zügen (aif Wochen bl öne .'ial)l>aihges1-bicl1te von Judaeus. ' II. 'So kiAjder Ziehungstag heran, )ankel hatte sich während dieser Zeitfnjcht mehr bei Rabbi Löb Lembergerblicken lassen. die ganze Sache vergessen zu haben, als an dem Morgen früh nach dem Gottesdienst (ankel in Rabbi Itube gestürmt kam mit der Frage, ob sein Los hersei. £öb muste unwillkürlich erschrecken, als er in den (s die Veränderung gewahrte, welche die jüngsten Gr kt hatten. ״Haf>< Ihr schon Kaffee getrunken?“ fragte Rabbi Löb leutselig. Abar’lartel hielt diese Freundlichkeit für eine heuchlerische Hask^, mit welcher er auf andere Gedanken gebracht und von dem Gegenstände äbgplenkt werden sollte, der ihn seifdrei Wochen früh und spät, in► Schlaf und Wachen, beschäftigte Wer weiss, dachte er bei sich,* vielleicht hat er das Geld schon in Händen und will ׳es' durch seine Liebenswürdigkeit durch einen billigen Kaufpreis an .sich reissen• , Es .hätte nicht der Menschenkenntnis eines Rabbi Löb Lemberger bedurft, um aus den finstern Blicken und tiefgefurchten Mienen (ankel's diesen schwarzen Verdacht herauszulesen. Er klopfte (ankel treuherzig auf die Schulter und sagte: v ' ״(ankel, |ankel, Ihr seid auf einem falschen, gefährlichen wwe&, wenn Ihr Euer Herz an solche Luftschlösser hängt• Ich kann tuaf jetzt noch das Los verkaufen, wenn Ihr die Kosten eines Famms vorlegen wollt. Ihr habt heute noch nichts zu Euch jmmen; trinkt mit mir ein Schälchen Kaffee und dann können ruhig über d e Sache sprechen Ich meine, fünfundzwanzig Gulden sicher in der Tasche, wäre mehr wert, als 30• 000 Gulden, : die Ihr auf natürlichem Weg Euer Lebtag nicht bekommt.“ ״lc* trinke keinen Kaffee; ich faste heute. Wollt Ihr mir sagen, ob mein Los gezogen worden ist, oder nicht?“ fragte (ankel finstern Blicks. L ״Ihr fastet heute? Wisst Ihr schon nicht mehr, dass heute Rosen Chodesch (Neumond.stag) ist? Und Ihr glaubt wirklich ein gottgefälliges Werk damit zu tun? Meinetwegen. Aber das kann ich Euch^agen. dass die Leute, welche die Ziehung in Wien vornehmei^^eute nicht fasten. Die trinken ihren Kaffee, essen zu ׳ Mittag, htW» spät Nachmittags wird erst das Los gezogen oder nicht gezogeifcÄorgen kommt’s in die Zeitungep; die ausführliche Liste erscheinttjst einen Tag später, diese kann vor Schabbos nicht hier sein.’ '* Die Zeitungen bleiben mit den Geschäftsbriefen bis , nach Ausgang des Sabbath liegen; vorher ist es nicht möglich, ein ,Resultat zu erfahren.“ Dies leuchtete (ankel ein, und er verliess mürrischen Gesiebtes das Haus; geplagt von dem Bewusstsein, noch drei bis vier Tage in diesem Hangen und Bangen verbringen zu müssen. Gitek wüste ,schon, als ihr Mann länger als sonst von der Synagoge ausb(ieb, den Grund dieses langen Ausbleibens. Neugierig wartete sie api Fenster die Rückkunft ihres Mannes ab, und als sie von der Ferne schon die finstere Glut und den verstörten Blick funkelnd - unheimlich leuchten sah, so glaubte sie schon, ihr Mann bringe die Hiobsbotschaft, d.ss das Los nicht gezogen und die darauf verschwendete Summe von drei Gulden rettungslos verloren sei. Während infolgedessen eine der unliebsamen häuslichen Sicenen erfolgte, an welchen die jüngsten Wochen so reich waren, ging Rabbi Löb Lemberger gedankenvoll in seinem Zimmer auf und ab. Das Schicksal des armen, redlichen Mannes ging ihm nahe. Er sah da so klar die demoralisirönde, dämonische Macht des Geldes, welches Unheil die blosse Aussicht auf seinen Besitz hier bereits gestiftet hatte. Wenn die ungleiche Verteilung der irdischen Güter sein edles Herz oft mit vieler Bitterkeit erfüllt hatte, so lernte er jetzt die Wege der göttlichen Vorsehung ahnen, welche in dem, was sie dem Armen versagte, wohl eine noch grössere Liebe bekundet, als in dem, was sie gewährt Rabbi Löb hätte zu gerne einmal mit seinen Augen gesehen, was aus (ankel und seiner Familie wohl werden würde, wenn sie wirklich über Nacht in die Lage kämen, über hunderttausende zu prfügen, Gerne hätte er (ankel schon deshalb den höchsten Treffer £ *wünscht. Aber dann schlug er sich vor die Stirne und musste fl fcer sich selber staunen, wie er im Ernst auch nur an die Mögfchkpit denken konnte. Er ging an seine Arbeit, sah die einge-!ufenen Korrespondenzen durch, warf einen Blick in die neuesten eituhgen, aber der Gedanke an (ankel kam ihm nicht aus dem Sinn. ״Möglich ist bei Gott Alles,“ sagte Rabbi Löb halblaut vor ’ äch hin, ״eine Depesche ist mir der Spass wert“ Als wenn er sich unter der Bann eines unbekannten Etwas bewegte, telegraphirte זג ן um Drahtbericht nach W'ien über die Nummern, auf welche die Höchsten Treffer der heutigen Ziehung fielen. Kaum hatte er jedoch das Telegramm aufgegeben, als es ihn reuete, einer solchen Schrulle nachgegeben zu haben. — Heute Abend sind wir aus dem Cholem. Morgen kann ich (ankel ׳ seine Ruhe wiedergeben, sobald ich ihm schwarz auf weiss zeigen kann, dass er ein Narr war, solchen abenteuerlichen Gedanken das Glück seines Lebens zu opfern. III. Die Anwesenheit (ankel Goldbergers und Rabbi LöbLembergers in der Wiener Leopoldstadt haben 'dem Leser den Gang der Ereignisse bereits im Voraus verraten. Das Unwahrscheinliche war cingetroffen (ankels Loos war zwar nicht mit dem höchsten, aber doch mildem zweithöchstenTrefferherausgekommen. 200000 Guldenf Als Rabbi Löb davon (ankel die Mitteilung machte, war (ankels erster Gedanke, dass Rabbi Löb ihm 100000 Gulden unterschlagen habe. Er hatte so sicher auf 300000 Gulden gerechnet, dass er sich das Fehlen der übrigen 100000 Gulden nicht* anders erklären konnte Es gelang Rabbi Löb diesen schwarzen Verdacht so vollständig von sich abzulenken, dass ihn (ankel nun endlich um Rat fragte, was er mit dem vielen Gelde anfangen solle. Rabbi Löb meinte: ״Wer auf so unerwartete Weise plötzlich ein reicher Mann geworden ist, wie Ihr es jetzt seid, der muss zuerst einmal nicht nur Maasser (10», sondern Chaumesch (20״/•) von diesem Gelde für gute Zwecke abscheiden. Ihr habt viele blutarme Verwandte״ Ihr wisst, wie arm unsere Gemeinde ist, wie schlecht es mit unseren Chebroth bestellt ist, diese sollt Ihr zuerst bedenken. Einen Teil dieses abzuscheidenden Betrages könnt Ihr Euch zurückbehalten und gut anlegen, damit, wenn unvorhergesehene, besondere Notfälle eintreten, Ihr etwas zu ihrer Linderung beitragen könnt Wenn Ihr damit einverstanden seid, dann will ich Euch gern mit Rat und Tat beistehen, wie Ihr das übrige Geld für Euch am besten verwerten könnt■ Ihr seid heute der reichste Mann der Khillo, reicher als ich selbst; als der grösste Kozin unserer Gemeinde habt Ihr auch grosse Verpflichtangen, welchen Ihr Euch nicht entziehen dürft•* (ankel kratzte sich hinter den Ohren. Zwanzig, nein vierzigtausend Gulden auf einmal wegzugeben, das war zuviel, (a, wenn er seine dreimalhunderttausend Gulden richtig bekommen hätte״ für diesen Fall hatte er sich schon 1r.it dem Gedanken vertraut gemacht, 30000 Gulden Maasser abzugeben, aber von 200000 Gulden, 40000 zu opfern, das schien ihm doch eine zu starke Zumutung. Durch Gitel’s Intervention gelang es, Jankele zu bestimmen, wenigstens 20000 Gulden für gute Zwecke zu bewilligen; und Lemberger musste sich damit zufrieden geben. Als dann aber nach einiger Zeit das Geld eintraf und durch den staatlichen Steuerabzug und -die sonstigen Sporteln an den Collecteur die 200000 Gulden schon sofort erheblich reducirt wurden, hielt sich Jankele bereits für einen ruinirten Mann, fühlte sich so unzufrieden und unglücklich wie niemals zu Zeiten seiner bittersten Armut und machte sich Vorwürfe, dass er so leichtsinnig auf Rabbi Lemberger’s Vorschläge eingegangen war. Dazu kam noch folgender Umstand. — (ankel gehörte nicht zu den Leuten, die lieber reich scheinen, als reich sein wollen. Er zog es vor, arm zu scheinen und reich zu sein. Er hatte daher mit Rabbi Löb Lemberger und seiner Gitel verabredet, dass das grosse ihnen widerfahrene Glück vor der Welt ein Geheimnis sein und bleiben solle- Aber wie’s nun einmal in der Welt geht, die Sache wurde ruchbar, und nun war (ankels Ruhe vollständig hin. Die Armen aus Nah und Fern suchten ihn auf. Kathinka und ihr Bräutigam drohten ihm mit einem Prozess, wenn er ihnen nicht die Hälfte des Geldes herausgebe• Obwohl er den ganzen Betrag in Rabbi Löb’s feuerfesten Geldschrank niedergelegt und noch.! keinen Kreuzer in sein ärmliches Haus gebracht hatte, zitterte er Tag und Nacht vor Dieben und Einbrechern. Seine Ruhe war hin und es stand bei ihm fest, dass er nicht mehr länger in U■ bleiben- : könne, was auch Rabbi Löb einräumte. ״Ihr müsst weit fort, (ankel, am besten geht Ihr nach Wien.* meinte Rabbi Löb, ״und wenn Ihr wollt, werde ich Euch begleiten! und doit eine Wohnung und eine Beschäftigung suchen. Ihr müsst! Euch, sowie Eurer Frau und den Kindern zunächst neue Kleider i machen lassen, denn Euren Schabbosrock könnt ihr in Wien nicht : einmal an Wochentagen tragen “ 1 Dieser Plan leuchtete Jankel ein und einige Wochen nach! den Feiertagen siedelte die Familie (ankel Goldberger nach Wien ן über, begleitet von ihrem treuen Mentor, Rabbi Löb Lemberger. — Als wir den beiden Männern am Anfang des vorigen Kapitels-! in der Leopoldstadt begegneten, waren sie eben auf der Suche! nach einer geeigneten Wohnung, die sie auch bald fanden, und- : zwar ganz in der Nähe der ״Schiffschul’“, so dass (ankel, wie er j es gewöhnt war, früh und spät das Gotteshaus zum gemeinsamen-; Gebet bequem ^besuchen konnte. Eine geeignete Beschäftigung war schwerer für Jankele zu finr'en. Von der Kunst des Lesens I und Schreibens hatte er keinen Hochschein. Rabbi Löb tröstete I ihn, dass sich mit der Zeit auch ein geeignetes Geschäft finden!! werde. Einstweilen legte er ihm sein Geld in guten, zinstragenden. ' Papieren an, deponirte dasselbe bei seinem Banquier, wo (ankel. I die fälligen Zinsen jederzeit in Empfang nehmen konnte. Nach | Abzug der Maasser, der Steuern, Umzugs- und Einrichtungskosten. I waren (ankel noch rund 160000 Gulden geblieben von deren Ertrag; ׳ er mit seiner Familie mehr als reichlich leben konnte, auch wenn sich kein geeignetes Geschäft so bald finden sollte. (Forts, folgte

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