Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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36 Der Sabbath. Ziele nttd Zwecke, Vorteile nnd Erfolge der Israelitischen Stellen- TeriMttlniigs-Centrnli• in Frankfnrt a. M. erörtert hatte, meldeten fichflsoiort■; 10 Herren als Mitglieder des Verbandes, deren Zahl sich durch weitere Agitation bis jetzt auf 24 vergrössert hat. In den Vorstand wurden gewählt: H. Moses Dorischer als Vorsitzender, II. |)ritz Weil als Schriftführer, Herr Julius Wertheimer als lierer. Herr Max Wachen heim dankte den Herren des Iholes der Ortsgruppe Freiburg für ihre Mühewaltung, Herr F'o D r e j f u s den Anwesenden für die freundliche Auf- >.die Vorbereitung der heutigen Versammlung. Kurirt. Eine Sabbathgeschichte von Judaeus. II. In einer der lebhaf testen Strassen der Leopoldstadt zu Wien fallen up»־‘Unter den vielen Passanten dieses von Juden besonders stark jrt'qiientirten Stadtteils zwei Personen auf, die beide fein gekleidet, die Häuser musternd, hin- und hergingen. Dass es keine Fensterpromenaden waren, die etwa einem geliebten Gegenstand galten, dasTehrte ein Blick auf die beiden Suchenden. Trotz des kostbaren Pelzes, des neuen Cylinders in modernster Fapon und der feierlichen, ,über das vatermörderische Niveau hinausragenden Stehkragen, und obwohl die Toilette.der beiden Herren bis auf die ,kleinsten Details zum Verwechseln ähnlich waren, trat der Unterschied zwischen den zwei Passanten auch noch im Aeusseren auf den ersten Blick zu Tage. Der Eine, ein Mann in den vierziger Jahren, gerirte sich in seinen neuen Kleidern, wie sich etwa David irt der Panzerkleidung bewegt haben mochte, als er den Kampf mit Goliath aufnehmen sollte Sie war ihm ungewohnt und unbequem mtd Jeder Schritt, jede Bewegung verrieten dies dem aufmerksamen Beobachter. Es war Niemand anders, als Jankel Goldberger, be- , fijUtet von Rabbi Löb Lemberger, der mit der Grandezza eines ptüiischen Lord neben Jankele herschritt und als dessen Cicerone Itiffeirte. ׳; : Der Aufmerksame Leser hat es gewiss ohne grossen Scharfsinn bereits erraten, wieso die beiden Herren nach Wien kamen, so־ dass wir nur einige Details nachzutragen brauchen Jankele hatte nach 'Ausgang des Sabbath, an dem wir ihn schlafend ver- ■ lieSsen, sich doch entschlossen, das Geschäft zu machen und das Los der Kathinka für drei Gulden abzukaufen. Wer war glücklieber, alsKathiiki, die nun ihren Sonntag in vollem Glanze feiern ־ konnte, nnd wer war unglücklicher, als Jankele von dem Augenblfck an* in dem er die bessere Hälfte seiner fünf Qjildcn dreissig Kreuzer um ein Stück Papier von sehr problematischem Werte hipgegeben hatte! Einige Tage verschwieg er den Handel seiner Frau, vor der er seit ihrer zwanzigjährigen Ehe noch niemals ein Geheimnis hatte. Diese Geheimnistuerei drückte ihm vollends schier das Herz ab. Aber er hatte den Mut nicht, seiner soliden, ruhig und kühl erwägenden Gitel das Geschehene mitzuteilen, ob- wohl es ihr hicht lange Geheimnis bleiben konnte. ln seiner Verzweiflung ging Jankel am Mittwoch darauf zu Rabbi Löb Lemberger und schüttete ihm sein bekümmertes Herz aus. Er erzählte dem Manne Alles, was ihn drückte, und schloss mit der Bemerkung: .IsttdaJ nicht ein wunderbarer Fall? Unsere Weisen sagen: Je mehr CKnll) desto mehr Sorgen! Und ich habe das Geld noch nicht. abeR«e Sorgen sind bereits da. Was soll ich anfangen? Hätte ich nftkner Frau gefolgt, aber jetzt ist’s zu spät; wie kriege ich, meinerfjpfholaum Bajis (Hausfrieden) wieder?“ [Löb, der ein seelenguter und dabei lebenskluger Mann nkel lächelnd an und meinte, ״wenn man alle Sorgen nen könnte, wie diese da, dann wäre es nicht schlimm, agte er, ״das heute über drei Wochen gezogen wird, _ > das zehnfache dessen wert, was Ihr dafür gegeben habt WenKflhr wirklich so in Verlegenheit seid über das, was Ihr getan habt,“ o will ich Euch das Los abkaufen und gebe Euch zwei Gulden’• mepr. dafür, als es Euch gekostet hat“ Da blitzte Jankel plötzlich der Gedanke durch den Kopf: Wepn die Sache so steht, dann wäre ich doch ein Narr, wenn ich so ein Papier verkaufen sollte, das mich in drei Wochen zu einem reichen Manrt machen konnte! Aber er war doch in peinlicher Verlegenheit Rabbi Löb gegenüber. Einen solchen geraden, glatten i Ausweg hätte er sich nicht gedacht und noch zwei Gulden Gewinn ' dazu, und nun sollte er, der um einen Rat zu erbeten kam, einen sö!lche/l.,fcat von sich weisen, JEtjgrt Augenblick schwankte Jankel, aber füglich behielt doch'.di^ft&sicht auf den grossen Treffer die Oberhand. ^JMf^KRabbi Löb,* erwiderte er mit einer Feinheit, die dem i geriebenst^WDiplomaten Ehre gemacht hätte, .so war’s nicht ge-; meint, dass Ihr mir mit Eurem Geld aus der Klemme helfen sollt. I Ich hab’ mir's pingebrockt und ich muss es auch selber ausessen, j Von fuch wollte ich nur Eure Meinung darüber hören, ob Ihr i glaubt, dass das Los wirklich gezogen wird oder nicht- Sagt Ihr: i Rab| war, sah so reicht bi Das Los,“ ist mehr a| Ja, nun dann behalt ich’s und kann dafür schon die Beklemmung, drei Wochen lang hinnehmen, vor meinem Gitellcben einen Sod (Geheimnis» zu haben. Sagt Ihr aher nein, das Los kommt nicht, wie kann ich Euch dann zumuten, das Ihr ein leeres Stück Papier für fünf Gulden kaufen sollt?־ Rabbi Löb Lemberger erkannte sofort die ganze Situation. Jankel war ein braver, fleissiger Mann, den es drückte, vor seiner. wackeren Frau ein Geheimnis zu haben. Aber so gross diese Beklemmung war, so war seine Sucht auf leichte, schnelle Art reich zu werden, doch viel grösser. ״Ob das Los mit dem Treffer herauskommt,* entgegnete Rabbi Löb Lemberger, ,das weiss ich so wenig, wie Ihr heute wissen könnt, was morgen Trumpf ist. Aber so viel kann ich Euch sagen, dass es tausendmal eher nicht herauskommt als ja■ ' Ich hätte Euch das Los abgekauft, nicht weil ich glaube, dass es herauskommen wird, sondern um Euch' einen Gefallen zu tun. Wenn Ihr morgen nach Krakau fahren wollt, könnt Ihr bei meinem Banquier zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Gulden dalür bekommen. Wenn ihr wollt, gebe ich Euch einen Brief an ihn mit, dann werdet Ihr reell behandelt oder wenn Ihr mir das Vertrauen schenkt so könnt Ihr die Reise sparen; ich schicke Euch dann das Los direkt per Post nach Krakau.“ Als Jankel hörte, dass man in Krakau für sein Los*20 oder gar 25 Gulden zahle, da stand es bei ihm fest, dass er es nimmermehr verkaufen wolle. Aber diesen Entschluss teilte er Rabbi Löb Lemberger nicht mit. Diesem sagte er, wie dankbar er ihn! für Alles sei, was er ihm da gesagt habe, er wolle nun vor allen Dinget! sein Herz von der Last dieses Geheimnisses frei machen und seiner Gitel Alles bekennen und dann ihren Rat hören. Dieses tat auch Jankel. wenn auch schweren Herzens. Gitel seufzte tief auf, als sie den Bericht ihres Mannes hörte, und die düsteren Furchen ihrer Stirne wollten auch nicht vor der Botschaft weichen, dass man das Los jeden Augenblick für vielleicht 25 Gulden verkaufen könne. Sie blieb, nachdem Jankel geendigt hatte, noch einige Minuten in düsteres Hinbrüten versunken und sah dann ihrem <“1ann mit Tränen in den Augen in das erregte Antlitz. ׳ ״Du kannst es mir glauben,־ so brach sie denn das peinliche Schweigen, ״das Los bringt uns keinen Segen. Wenn man so wie Du, heimlicher Weise mit den sauer erworbenen Kreuzern spielt, die fast unser ganzes Hab und Gut ausmachen, so kann da keine Brocho darin stecken. Wenn wir die drei Gulden verlieren, habe ich keinen Verdruss daran, wenn es D.r zur Lehre dienen wird. I Und wenn wir Hunderttausende damit gewinnen, habe ich keine 1 Freude daran, falls Du auf diesem Wege fortfährst, wie ein leichtsinniger Spieler zu handeln, letzt ist Dir aber jedenfalls Dein Weg [ vorgeschrieben• Du bringst das Los zu Rabbi Löb, der soll’s nach; Krakau schicken und was wir dafür bekommen ist zu Gutem ־ ,Liebe Frau,“ meinte Jankel, ״wir wollen über die Sache noch einmal schlafen und morgen unseren Entschluss fassen. Du bist aufgeregt und hast ja nicht einmal ein Wort der Anerkennung für Deinen Mann übrig, der eine Sache für drei Gulden kauft, die unter Brüdern zwanzig und fünfundzwanzig Gulden wert ist. Meinst Du denn, die Banquiers' in Krakau sind Narren, dass sie für eine Sache, die nichts wert ist, fünfundzwanzig Gulden zahlen? Und wenn Rabbi Löb nun das Los gar nicht nach Krakau schickt, sondern es. behält und mir-aus seiner Tasche die fünfundzwanzig Gulden zahlt, und es kommt heute über drei Wochen mit 300 000 Gulden heraus, so gehören sie Rabbi Löb Lemberger und Du hast Dich und Deine Kinder um diese Summe gebracht! Willst Du das verantworten?“ Gitel war betroffen von der ungewöhnlichen aufbrausenden Heftigkeit, mit welcher Jankel diese Argumente geltend machte. Mehr als sie es wusste, ahnte sie aus diesem Gebahren, wie die Sucht nach Reichtum sich schon so'tief in das sonst so edle Herz des Gatten •eingefressen hatte. Sie schwieg und weinte zwei grosse Tränen, die Jankel bestimmten, für dieses Mal abzubrechen. Aber am anderen Tag ging der Streit von neuern los und steigerte sich von Tag zu Tag während der drei Wochen, die zwischen der Ziehung lagen. Der Frieden und das Glück dieser Familie, welche durch jede gemeinsam getragene Sorge und Afbeit seit zwanzig Jahren von Tag zu Tag mehr gefestigt wurden, waren durch die blosse Möglichkeit der Aussicht auf Reichtum in wenigen Tagen auf’s ernstlichste gefährdet. (Fortsetzung folgt). Unsere THORA. Thue Recht und scheue Keinen, Halbe streng die Sabbathruh, Ob auch Andere anders meinen, — Reicher Segen fällt dann zu Allen, die es tun wie Du. Louis S:'nvarte