Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- 12 (12.1906)
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 88 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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88% Der Sabbath. -;- — '"T" 19 seinp' i Hände zu fallen, als plötzlich die Tür sich öffnete und die Sagoe eine andere Lage bekam. & der Tür stand ein hoher, stattlicher Jude im Reisepelz, ihm züf Seite ein junger, blühender Mann, gleichfalls ins Israels Stammei und hinter ihnen, im Zwielichte der einbrechen len Nacht, sah htjyi drei oder vier bewaffnete Diener. Der Jude, dessen Kopf echt patriarchalisches Gepräge trug, heftete seinen durklen Blick .fest <tuf die beiden Männer und fragte das Mädchen, welches mit eirrenl. Schrei des Entzückens an seinen hals flog: *• i'$yas ^'cr vor’ Reß'na-" . . *3Sie wollten mich beleidigen,''rief die Jungfrau sich an ihn schmiegend. tphraim Reubl, denn es war der Hausherr, übergab seine Tpchter fern jungen Manne, der zornglühende Blicke nach den Fremden warf; er selbst trat auf diese zu und spract ernst und würdevoll: „Ihr Herren, so es Euch genehm, verlasst nt in Haus, Ihr habt hier, soviel ich "wtiss, nichts zu tun; so Ihr aber eines ■ Geschäftes wegen hier sejd, so soll’s mich freuen." jeder andere Haushe'rr hätte die ungebetenen G; ste vor die . Türe geschafft, aber Ephraims Seele, obwohl empfängli:h für Ehre und Recht, ergab sich schweigend in die Kränkungen, welchen in jenen Zeiten der unglückliche Stamm nur zu oft ausi'esetzt war- „Ei, |ude!“ rief der Schlagnitwei: trotzig prahlend, .willst Du iifls noch Gesetze vorschreiben, wir werden'bleiber, so es uns - beltipr, und Dein sprödes Töchterlein will ich vor Deinen Augen . küs^n«“ „So ich Euch nicht hindere.“ sagte der Jude rutig. ’ „Du mich hindern, verdammter Mauschel,“ zürnte der Schlagnitweit, an den Degen greifend, „ich will Dir den Solinger um die Ohren legen, dass Dir das Schachern für zeitlebens vei gehen soll.“ Statt aller Antwort griff Ephraim in den Busen blankes Feuergewehr hervor; je seltner diese Waffe desto grösser war die Furcht vor ihr. und selbst der bold, der sich nicht gescheut hätte, mit'den fünf Juden taumelte zurück, als sich ihm der blanke Lauf entgege •'^Willst Du 'an den Galgen, Jude?“ fragte er bleichend. „Dass ich nicht wüsste.“ sagte der Jude ruhi£. Freibriefe, welchen der Erzherzog Rudolf II. der Wien erteilte, heisst es ausdrücklich: So Einer einen ludeji Hause schädigt an Leib oder Ehre oder Gut, so soll Störenfried beseitigen; so eS sein müsste mit blanker auf Gefahr des Lebens. -Heisst es so?“ fragte Schlagnitweit seinen Gewährten. „Es ist so,“ bestätigte Thomas „Und so hätte ich nicht einmal die Rache, dass an den Galgen kommt, wenn er mich niederschiesst SchJagnitweit mit den Zähnen knirschend. „Komm. Bijuder, ziehen wir ab, und die Pest über Euch, verwünschtes Judenpack.“ ~\' Breitner der sich die ganze Zeit über in der unangenehmen Lage eines Menschen befunden, der nur zu gut weiss, dass das Recht auf der fremden Seite, aber dennoch nicht gjegen seinen Freund auftreten wollte, war froh, dass das Abenteufer einen so gi$4n Ausgang nahm und folgte seinem Gefährten, den schimpfend und drohend durch die Juden hindurchschritt, welche1 dem Geiste derzeit gemäss kein Wort erwiderten. Draussen schwangen sie sich auf die harrebden FTerde. Schlagritweit drohte mit der Faust gegen das Haus hin, und rief: -Wart' Jud', ich will Dir’s gedenken.“ Dann jagten beide gegen Wien zu. Auf halbem Wege kam ihnen ein reitender Knecht entgegen, welchen der alte Schlagnitweit ausgesendet hatte nach sjeinem Sohne. „Mit Gunst,“ sagte Diether, .ich habe dem Hanhs ein Wörtin zur sagen, insgeheim, reite nur fürbass Bruder Thomas, ich *lc Dich ein, ehe Du zutri Tore kommst.“ Thomas ritt weiter und Schlagnitweit gab dem Burschen, der ein pfiffig verschlagenes Gesicht hatte, einige Verhaltungsbefehle, auf welche dieser zum Zeichen des Verständni$es mit dem Ikopfe nickte. Der Herr gab ihm auch Geld, .und der Knecht $chlug die Strasse gegen Nussdorf ein, w ährend’Schlagnitweit mit ' verhängten Zügeln dem voran reitenden Breitner nachsprengte. 1 . '»■ f; Eine Woche später drängte in Wien das Volk nach dem Rajhause, wo ein Stfeithandel eigner Art verhandelt Werden sollte, tfer Stadtrichter und1, die Stuhlherren im schwarzen Ornate hatten Ihre Plätze eingenommen, das Volk drängte neugierig, fluchend und^jnurrend, lachend und spottend, sich ausser den Schranken bis-der Grieswärtel mit dem weissen Stabe Ruhe gfebot und die Parteien vorforderte; diese erschienen. Es war djer Studioius piether Schlagnitweit, der geckenhaft angetan in Samjtwamms und ffcdeffiut die Richter vertraulich grüsste, da so mancher Vetter und Ohm, ja sogar sein eigner Vater unter ihnen sasß, er trat als Kläger auf; der Beklagte aber war Niemand Anderer, als der Juab Ephraim Reubl von Nussdorf, den man in Ketten, ivor^ Wachen umgeben herbeiführte: das Gezisch und Gespötte des Pöbels im- * f jnd zog ein in jener Zeit, wilde Raufanzubinden, n streckte, sichtlich er- „In dein tr Judenheit in seinem ler Jud den Wehre und dieser Hund murmelte pfing den Juden, der totenbleich und demütig vor den Richtcrni sich neigte und auf dein Armensünderötuhl Platz nahm. Der Schreiber des Gerichtes erhob sich, und las die Anklage vor. Sie lautete dahin, dass der Junker Diether Schlagnitweit, des Herrn Erasmus Schlagnitweit Sohn, adeliger Altbürger und Mitglied der hohen erlauchten Universität, in einer augenblicklichen Verlegenheit von dem Eigenjuden Ephraim Reubl zu Nussdorf, dreihundert Goldgulden geborgt, dafür unmässige Zinsen bezahlt und den köstlichen Schmuck seiner Schwester, samt daran haftenden Perlen und Edelgestcine zum Pfände gesetzt. Nach wenig Wochen aber sei der Herr Studiosus schon im Stande gewesen, die Schuld heimzuzahlen und habe deshalb seinen Knecht Hanns Gundelfinger abgeschickt, um diesbesagte dreihundert Goldgulden an den luden Ephraim Reubl nach Nussdorf zu bringen. Dieselben seien in einem leinenen Säckel gewesen, und da der Junker sich vor dem Knechte ni„ht biossstellen wollte, so habe er ihm aufgetragen, von dem Juden nur das Bewusste zu verlangen, der Jude habe die dreihundert Gulden im leinenen Säckel angenommen, und dem Knechte Hanns Gundelfinger auf sein Begehr nach dem Bewussten einen goldenen R'ng von eines Goldguldens Wert übergeben; mit diesem sei der Knecht nach Hause gekehrt zu seinem nicht wenig überraschten Herrn, welcher sogleich jdenselben von neuem gegen Nussdorf gesendet, den Schmuck der! Schwester zu fordern. Da aber der Jude sich unwissend gestellt lind den Schmuck empfangen zu haben geleugnet, ausserdem auch 4m gross Gezeter angehoben, so habe der sehr edle Herr Diethef Schlagnitweit die Anklage beim Rate gemacht und die,Aussagfe mit seinem adligen Worte bestätigt. Daraufhin habe jjwn die Stadtknechte gegen Nussdorf gesendet, um das Haus'zuuntersucherj und den Juden zu verhaften; habe auch die dreihundert Goldguldeh in einem leinenen Säckel gefunden, aber von dem Schmuck nirgend die geringste Spur entdeckt. Da die ganze Angabe aber durifh des Herrn Diether Schlagnitweit adelig Ritterwort bestätigt, so müsse der Jude trotz seines Leugnens, wegen Wucher und Betrug' verurteilt w'erden. Der Schreiber des Gerichtes setzte sich und das Volk,, welches schweigend zugehört hatte, brach bei den letzten Worien in lautes Gejohle aus. Der Stadtricjhter aber befahl dem Grieswärtel Schweigen zu gebieten, und ftagte hierauf den Juden, was er zu seiner Verteidigung zu sagen habe. Ephraim erhob sich von seinen Bank: seine sonst so hohe und edle Gestalt war demütig gebeugt, seine Hände bittend gefaltet, und das dunkle Auge - richtete [sich mit schmerzlichem Vorwurfe nach den Richtern. Cr fühlte 4s in der tiefsten Brust, dass er das Opfer eines schändlichen Planes war, und kannte den mächtigen Einfluss und die Rachsucht der Geschlechter, wie man die adeligen Bürger hiess. zu gut, urrj nicht zu wissen, dass ihnen auch das Aeusserste zuzutrauen sei-! Nichts destoweniger fasste er im Vertrauen auf seine gerechte £ache wieder Mut; denn die Richter, die vor ihm sassen, hatten weisse Haare, und die Meisten waren ihm als redliche, wackere Männer bekannt. Darum wollte er ihnen seine Sache recht eindringlich an's Herz legen und mit leisem, wehmütigem Tone tief gebeugt vor dem Tribunal, begann er also zu sprechen: „Edle und ehrenfeste Herren! Als ich sage, der Herr Diether Schlagnitweit hat gesagt, was nicht wahr ist, und er nicht verantworten kann vor Gott und den Menschen, so werdet Ihr mich schelten, denn der Herr Schlagnitweit hat sein adeliges Wort gegeben und ich bin ein schlechter Jud'. Und doch ist dem also. Was sollte der sehr edle Herr verpfänden einen Schmuck, da er doch hat so manchen Ohm, so manche Muhme mit viel goldnen Byzantinern, die ihm gerne helfen würden, so er sich befände in einer Verlegenheit. Ich habe den Herrn Diether Schlagnitweit nie gekannt, bin nie in sein Haus gekommen, habe auch sonst wenig Geld auf Pfandschaft geliehen und nur zu gesetzmässigen Zinsen, warum ist seine Wahl grade auf mich gefallen? Ich sah den Herrn zum ersten Male, als er am verwichenen Festtage mit dem Herrn Thomas Breitner mein Haus geschädigt durch unehrbares Betragen gegen mein Kind; vor und nach dieser Zeit habe ich ihn nicht geschaut; der Knecht war nicht zweimal, sondern ein einzig Mal in Nussdorf; er verlangte von mir einen Schmuck zurück: Gotteswunder wie habe ich gestaunt und Zetter gerufen bei der falschen Forderung. Dass der Schmuck sich nicht vorfand ist ein klar und deutlich Zeichen meiner Unschuld, und ich fordere Euch, edle und ehrenfeste Herren, nochmal auf, mein ganzes Haus wohl untersuchen zu lassen; jetzt aber verlange ich, dass der Herr Thomas Breitner, der hohen und erlauchten Universität Mitglied, gefragt werde, ob ich ja sonst mit dem Herrn Diether Schlagnitweit in Geschäftsverbindung gestanden. Die dreihundert Goldgulden aber, so man bei mir gefunden, sind auf ehrliche und gesetzmässige Weise verdient.“ Ephraim Reubl setzte sich nach diesen Worten erschöpft nieder. Das Volk schien gerührt von dem ernsten, wehmütigen Tone, in welchem er gesprochen, und der Stadtrichter forderte den Studiosen Thomas Breitner auf, vorzutreten und sein Zeugnis zu geben. (Fortsetzung folgt.)