Mannheim
Compact Memory

Der Sabbath · 1906-02-01 · 2 (2.1906) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
6 (1906)
Issue
2 (2.1906)
Date
1906-02-01
Page
Seite 16 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4874912-5428444-5428486--045-4874943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

16 Der Sabbath. Nach dem mit Beifall aufgenommenen Vortrag richtet^Sffl^ Jac0)1 Kosen heim, der Leiter der Versammlung, einen Appell an die anwesenden' Damen, ihren Männern in der Sabbathbeobachtung zur;k'ite zu stehen nnd forderte sie auf, zu erwägen, ob nicht auch ein Verein für den Sabbathschutz unter den erwerbstreibenden Damen' notw.-iidit' -i-D Jajin Kiddusch. -Nach einer Sage. von- \t. WeUef . Fortsetzung.' .Verlangt, Herr, nicht das Unmögliche, ich bin eine Tochter Israels, die erklärte Braut eines Andern, und Rann nie Euer Weib_ werden.“ So verstrichen mehrere Wochen und Leon war in seiner Liebesangefegenheit. um Reinen Schritt weiter -gekommen. Im' Gegenteil! Es schien ihm, als werde das Mädchen immer Rälter und vermeide absichtlich mit ihm allein zu sein. Oft musste er es zum Verdrusse mit ansehen, wie zuvorRommend und liebreich Dina ihrem abgeschmacRten Spons begegnete, wie sie dessen ZärtlichReiten gern annahm und nicht selten züchtig erwiderte. Schon wollte Leon verzweifeln und den Vorsatz, das Mädchen zu gewinnen, aufgeben. Seine Besuche wurden immer seltener und wenn er Ram, blieb er nicht lange. Warum sollte Dina eine Ausnahme sein? dachte er. sie ist allen Töchtern Israels gleich. Gold ist die einzige Männertugend in ihren Augen! Ich will meine Leidenschaft beRämpfen. Doch ein unvermutetes Abenteuer änderte seinen Vorsatz. — Vor Zeiten war das sogenannte Purim- oder Hamanfest mehr als heutzutage gewürdigt und von den luden aufs Glänzendste gefeiert. Die Verfolgungen und SchrecRensscenen der Gegenwart hatten ihnen die Vertflgungs-Etjicte des böswilligen Haman zu sehr in Erinnerung erhalten, so dass jeder sich glücklich pries, wenn er den 14. Adar friedlich im Familienkreise zubringen konhte. Der Purimtag war ein lag allgemeiner Freude, an diesem durfte kein Jude trauern. Der ernste Rabbi, der durchs ganze Jahr seinen Talmud studierte, sich um die Welt und sämmtliche Menschen darin nicht kümmernd, am Purim legte er'seine teuern Büeher 'Aufeinander, öffnete die Stube und das verschlosscfie Herz der Freude. Lustige Masken, von lärmender' Musik begleitet, zogen bei ihm den ganzen Tag aus und ein, an Würfelspiel und anderm Zeitvertreibe rrahm er heute teil. Selbst der finstere Chassid, der sich von Sabbath zu -Sabbath mit Fasten kasteiete, in Gebeten und Betrachtungen den grössten Teil seines Daseins verbrachte, am Purim heiterte sich sein faltenreiches Gesicht, der Sohar ward zuges'hlagen und der fijomirie Sonderling lachte und scherzte wie ein Lebemann. In den Häusern der Reichen gab's grosse,, stark besetzte Tafeln, wozu arme Verwandte eingeladen wurden. wertvolle Geschenke schickte ein Nachbar dem andern, und in den Gassen wimmelte es von konischen Masken und mutwilligen Gesellen. Doch war die Lustbarkeit des Tages nur ein Vorspiel der Freuden der folgenden Nacht. Da wurden die Zimmer erleuchtet. Lustern und Lampen gossen ein Lichtmeer in die erwärmten traulichen Wohnungen die Tische waren mit allerhand Bäckereien und Leckerbissen besetzt, wobei ein abuesottener. mit roten Bändern verzierter Kalbskopf als Sinnbild des verruchten Hamanskopfs besonders paradirte. Wein und andere Getränke flössen in Menge. Die Häuser blieben in dieser Nacht immer offen. Gäste kamen und gingen, Maskenzügp, Scenen aus der. jüdischen Nationaigeschichte darstellend, zogen von Haus zu' Haus, von jüdischen Musikanten begleitet, die hierbei Proben ihrer Geschicklichkeit.ablegten- Jünglinge und Mädchen führten Tänze und Schäferspiele auf, und dieses Treiben dauerte fast die gapze Nacht. Der vornehme Hausherr sass an dem Tische oben an, eine grosse; Schüssel mit kleinen- Münzen, vor sich und einen Beutel mit grösseren Münzen zur Seite, die er freudig lächelnd unter die Gäste nach dem Verhältnisse ihrer Witife oder zwerchfellerschütternden Spasse austeilte. Essen und Trankwar in dieser Nacht frei Jeder durfte ohne Scheu nehmen, was ihm am besten mundete, die Scheidewand zwischen Herr und Diener war gefallen, der Patron scherzte mit dem einfältigen Knechte, die vorwitzige Magd neckte ihre strenge Gebieterin. Der Becher kreiste fröhlich, Flaschen wurden geleert, Kinder, Greise, junge und alte Männer, Weiber, alles war heute dem Gott des Trinkens verfallen. Denn so lautet auch die talmudische Vorschrift: Trinke bis Du im Rausche zwischen’: Gesegnet sei Mordechai und verflucht sei Haman keinen Unterschied zu machen weisst! Auch erzählt der Talmud neckische Geschichten von berauschten Rabbis, die einander im Uebermass der Freude die Köpfe abschnitten,. zum Glück aber durch die Macht der Kabala wieder anwachsen machten.- In dieser Purimnacht hatte Leon den sonderbaren Einfall, das Haus des Salum in Maske zu besuchen. Vielleicht wollte er Dina beobachten, ihr Herz' erforschen, vielleicht war’s bloss Laune, wie denn oft der vernünftigste Mann schwache Momente hat, wo ] er eine Torheit begeht; genug er kleidete sich in die damalige Tracht eines jüdischen Heiratskandidaten, und, um den Scherz zu i erhöhen, ganz so, wie Izzig am Tage der Verlobung gekleidet war. Eine Karrikaturlarve vor dem Gesichte mischte er sich unter einen Trupp anderer Masken und trat in die Wohnung Salums. Da er j die Verhältnisse des Hauses gut kannte und den jüdischen Dialekt na’chzuaTimen-verstand, war es ihm leicht, unter die versammelten ' Gäste-einige Witze zu streuen und dadurch ihre Neugierde zu 1 reizen. Am meisten erfüllte die frappante Aehnlichkeit mit Izzig Klebler die Anwesenden mit Verwunderung, und der Doktor, der ■ sich in seiner Mummerei gefiel, unterliess es nicht, auch die Geberde und Eigenheiten Kleblers anzdnetlmen. Man riet hin und her, wer diese neckische Maske sein möge und lachte von Herzen. Auch Dina liess sich mit ihm ins Gespräch ein und suchte durch , Widerspruch des Unbekannten Redseligkeit zu reizen. Ihr Scharf- I blick hatte bald im dunkeln Feuer der durch die Larve funkelnden \ Augen den Doktor erkannt. „Ach, Ihr seid es Herr? Es gefällt Euch mit der armen Dina Scherz zu treiben! Das tut wehe, Herr!“ flüsterte das Mädchen dem Doktor, zu und entfernte sich aus dem Zimmer. Leon fühlte sich beschämt, er sah ein, wie unzart er gehandelt und verliess augenblicklich das Haus- Die Luft war feucht und neblig, nur spärlich durch den dichten Wolkenschleier beleuchtete det Mond die Gassen, die noch immer von herumziehenden Masken belebt waren. Kaum hatte der Doktor einige Schritte vorwärts getan, als er-von einem Weihe, das sich ihm in den Weg stellte, aufgehalten wurde: ~ 1TT-Ihr sollt sogleich zu uns kommen, Izzig. Mein Mann liegt schwer krank, ein Häscher hat ihn in die Lenden gestochen,“ sprach das Weib so leise, als fürchtete sie von jemand Anderem gehört zu werden- „W'er ist Dein Mann. wo“wohnt Ihr?“ fragte Leonjmit ver- I stellter Stimme. ' „Ei., ei, Ihr seid heute wunderlich! Wie oft seid Ihr schon bei uns gewesen. Noch keine acht Tage sind’s, als Ihr die goldenen , Borden von dem Messgewande abgeholt, und heute tut Ihr so? Fürchtet nichts und kommt mit, denn die Wunde ist gefährlich.“ , * Dem Arzt schien das Gahze verdächtig, er ahnte, dass irgend eine Schurkerei dahinter stecke und nahm sich vor, seine Rolle als Izzig Klebler fortzuspielen. „Geh' voran, ich werde Dir folgen,“ sprach er, und das Weib führte ihn durch mehrere abgelegene Gassen bis in die Gegend des Moldauufers. Hier blieb sie bei einem niedrigen Häuschen stehen und sprach: „Geht nur hinein, ich muss noch anderswohin eilen, dem Pawel die Geschichte melden und die versprengten Kameraden aufsuchen.“ Das W'eib eilte von dannen und Leon trat nicht ohne Grauen in .das Häuschen, das eher einer Mördergrube, als einer Menschenwohnung ähnlich sah. Die ziemlich grosse Stube ward von einem' düstern Kaminfeuer nur schwach beleuchtet, und noch schwächer erwärmt - Die Wände waren russig, die kleinen Fenster fast ganz „ verklebt, die Tragbalken des Gesimses verfault, durch die Ritzen des Daches tröpfelte der zerfliessende Schnee, und das innere war fast ganz von Hausgerät entblösst. Auf einem armseligen Stroh- Iager_wimmerte .ein Mann und stiess von Zeit zu Zeit Flüche und Verwünschungen nus- Er schien den Angenommenen gar nicht zu bemerken und in Fieberhitze zu reden. Leon hörte den veri worrenen Reden eine Weile zu: „Verfluchter Hund! Willst Du nicht kommen? Sollen wir für Dich Kirchen plündern und unser Leben daran setzen, während Du Possen treisbt? Aijfs Rad sollst Du mir, Izzig Klebler.“ Leon nahte sich schaudernd dem Lager und sprach, Klebler’s Stimme annehmend! V „Da bin ich ja! Was verlangt Ihr denn?“ Der Mann schlug die Augen auf. „Dass Dich der Teufel in den Höllenpfuhl schleudere und Deine Seele mit aller Höllenpein martere,“ entgegnete er mit matter Stimme. „Warum flucht Ihr mir, sagt, was ist Euch widerfahren?“ fragte Leon. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.