Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 2 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6682492-5438690-5438880--574-4871757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einzelnummer 20, Pfennig rratioruüöemsthe Jude > Dar Mitteilungeblatt erscheint monatlich Geschäftsstelle des Berbavdes und Schriftleitung des Mitteilungsblattes: Berlin W35, Blumeshof 9. Tel.: Liitzon» 5333/34. Bankkontoi Martin Schiff, Berlin WS, Jägerstr. 9. Postscheckkonto Berlin Ar. I1 »231 Mitteilungsblatt desverbandesnattonaldeuttcherZudeuLv. Das Mitleilungsblatt erscheint monatlich Jahrgang )93|(!; Febrnar Nr. 2 Aus dem Inhalt: Ghetto«jpelUit von Dr. A^ax Brünn. — Abergtanbe von Dr. L)ugo Spiegler. — Von» gagenfeitigen «cligiefen Mitzverständni» von Dr. med. Lelix Mayer. Der Tanz in» Ghetto. ' ' ■ j Politische Unterwelt Vor seinen Richtern steht ein sechzehnjähriges Mädchen, von der Berliner Asphaltpresse zutunlrch „Lieschen" genannt. Lieschen hat mit zwei jugendlichen Gefährten einen Mann um« gebracht. Und als das Opfer trotz längeren Würgens noch Lebenszeichen gab, hat Lieschen gemütvoll geäützrrt: „Da ist wer noch nicht tot." Die Erkenntnis, datz in Deutschland trotz aller Selbstmorde aus Wirtschaftsnot immerhin wer noch nicht tot ist, scheint auch in weiteren Kreisen lebendig zu sein! Man bemüht sich nach Kräften, diesem Mangel abzuhelfen, und man - wendet hierzu Methoden an. die schneller und sicherer wirken, als das schlietzlich doch zeitraubende Abwürgen. In jeder Morgenausgabe lesen wir den Streckenbericht über die Gefechte der letzten Rächt. Regelmäßig sind einige durch Waffen aller Art erledigte „Kreaturen" der Gattung domo sapiens zu verzeichnen, nach Sonn- und Feiertagen natürlich mehr. Ein Bruchteil entfällt auf private Meinungsverschiedenheiten zwischen Ehe- und Liebesleuten, Geschäftsfreunden und sonstigen guten Bekannten. Das Hauptkontingent aber stellen die wohlorganisierten Bünde. Und hier muh der sorgsame Beobachter zwei Gruppen ins Auge fassen, deren Gefechtstätigkeit sich in völlig gleichen Formen vollzieht, die Unterweltvereine und die Sturmformationen der politischen Jugend. Die äuheren Vorgänge sind genau die gleichen. Dreine Bund hat sein Tresflokal in unmittelbarer Nähe des lichen. Der eine dringt in -das Lokal — bei gröberen Veranstaltungen in den Festsaal — des anderen ein: nötigenfalls wartet man unweit des Versammlungsraums auf der Strahe. spätestens beim Abmarsch beginnen die Feindseligkeiten. Findet die Unterhaltung im Saale statt, so wird vorzugsweise mit Behelfswerkzeugen, wie Stuhlbeinen und Bierseideln, gearbeitet. Für die Strahe hat man Pistolen, Messer und Schlagringe. Rach einiger Zeit erscheint die Polizei, meist etwas verspätet, wie der Nachtwächter in den Meistersingern, dann der Sanitätswagen und am nächsten Morgen der Zeitungsbericht. .Im 'letzteren Stadium macht sich ein kleiner Unterschied in der Behandlung unterweltlicher und politischer Nachtunterhaltungen bemerkbar. Die ersteren werden schlechthin verurteilt» w«m auch mit der Kühle der ^Gewohnheit. Bei der Erörterung politischer Raufhändel ist der Hinweis geboten, dah dn andere Partei angefangenchat. Die Ullstemblätter sprechen in solchen Fällen gern von „Andersdenkenden . Der Ausdruck trifft den Nagel auf den Kopf. Die einen denken anders, als die anderen, aber.di: anderen bauen, schieben und siechen genau so, wie die einetz. Die politischen Körperverletzungs-Bünde aller Richtungen werden wahrscheinlich beleidigt sein, weil wir sie mit den^ Unterweltbünden in Vergleich setzen. Mit Unrecht. Wir wollen hier die Frage nicht prüfen, ob nicht zwischen den beide» Gruppen auch starke Fäden der Personal-Union laufen. Sicher ist, dah die Methoden und die Wirkungen genau die gleichen sind. Und die zugrunde liegende Gesinnung, — na ja. In letzter Linie läuft doch alles auf Betätigung des Korpsgeistes hinaus und auf das, was man gern als „Ehrensachen" bezeichnet. Die Ehrbegriffe sind verschieden, aber ihre Betätigung ist die gleiche, völlig gleich vor allem in ihrer — vom Standpunkte der Logik betrachtet — völligen Zwecklosigkeit. Ein j.xichtiggehender" Bürgerkrieg gröberen Mahstabes kann Zweck haben, den Zweck, die „Andersdenkenden" niederzuringen' und die Regierungsform zu ändern. Aber diese sinnlosen Stechereien und Schiebereien an dunklen Strahenecken. l bei denen «eweilig „höchstens" ein paar Tote und Verwundete auf dem Platze bleiben, gewöhnlich von beiden Parteien annähernd die gleiche Zahl, — man fragt sich: was haben diese Leute davon? Sie selbst nicht das geringste. Die Gewinnenden sind niemals die Jungen. Kraftstrotzende», Kraftvergeudenden, die selbst auf die Sttahe gehen und die Köpfe Hinhalten. Aber die anderen, die im Zimmer oder im Auto sitzen und Gefechtsmeldungen entgegennehmen, die kaltschnäuzigen Drahtzieher, deren Führerstellung darauf beruht, dah die Unruhe nicht ausgeht und immer wieder wer tot ist, die haben etwas davon. Und da zeigt sich wieder nicht der geringste Unterschied zwischen Unterweltlern und Politikern. Von den Plänen der niemals gefährdeten Schlachtenlenker weih der junge Mensch nichts, der eines Tages seinen Eltern als Leiche oder als Krüppel ins Haus getragen wird. Er weih nur von „Disziplin" und „Ehrensache". Disziplin und Ehre sind Worte, die Deutschland grob gemacht haben. Der lTag wird kommen, an dem wir diese Worte und ihren wahren Geist wieder brauchen, uni unser deutsches Vaterland wieder zu dem zu machen, was es war. Disziplin und Ehre sind zu schade, als Raufparolen für politische und unpolitische Unterchelt verschlissen zu werden. Und dämm ist es an der Zeit, ten irregeleiteten Opfem klarzumachen, dah die Disziplin und die Ehre, für die sie zu kämpfen glauben, nur. Phantome sind, dah sie in Wahrheit für den Machtwahn und die Eitelkeit sogenannter Führer kämpfen^ die persönlich meist zu fei je sind, dahin zu gehen, wo wer tot sein könnte. " NI.