Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 10 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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/ Einzelnummer 20 Pfennig. naümalöemsche Lude Mtkeilungsblatk des Verbandes naKonatdeutfcherZudeuM Geschäftsstelle des Verbände; Tel.: Lützow 5333134. Bankkonti Das Mitteilungsblatt erscheint monatlich und Lchriftleitung des Mitteilungsblattes: Berlin WZ5, Blumeshof 4, : Martin Schiff, Berlin Wb, Jägerftr. 9. Postscheckkonto Berlin Ar. l 11231 Jahrgang 1930 Oktober Ar. 10 Aus dem Inhalt: Der neue Antisemitismus im „neuen Italien" von Heinz Ludwig (Rom). — Stimmen -er Auslandes. — Objektivität! — Aarlchen Mietzniek'Tertianer. Deutlebe trotz allem! vo„ N.um,„„ r Zuerst abgedruckt in der Deutsches Allgemeinen Zeitung. Es tut not, wieder einmal festzustellen, dasz es in Deutschland wichtigere Fragen gibt, als die Iudenfrage. Und es tut vor allein not, daß diese Feststellung durch einen Inden erfolgt. ,, : Die im Volksmund als „Judenblätt«r" bezeichneten Tageszeitungen. d. h. die — teilweise recht bedeutenden — Organe, die von Juden maßgebend beeinflußt und in jüdischen Kreisen vorwiegend gelesen werden, haben sich vor und nach der Reichstagswahl besonders lebhaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Das .ist an , sich nicht erstaunlich, denn die starke Zunahme der nationalsozialistischen Parteigänger und die durch den großen Wahlsieg der Partei beeinflußte politische Lage müssen Anläß zu ernsthaften Betrachtungen sieben. Nur erfolgen i» desj Zeitungen der oben bezeichneten Gattung, in den pleichsterickueten Zeitschriften und noch mehr natürlich in der im eigentlichen Sinne jüdischen, d. h. ausschließlich für Juden geschriebenen Spezialpresse >E.V.-Zeitung, Israelitisches! F a m i l i e n b l a 1 t,, Jüdische Rundschau u s w.> diese notwendigen Betrach- 'ungen unter besonderem Gesichtswinke!. Wer diese Blätter unbefangen und gläubig liest, muß d<n Eindruck gewinnen, daß der Erfolg der Nationalsozialisten f ir das deutsche Vaterand Dod allem eine Verschlechterung der Lage der Juden bedeute, und daß der Natir nalsozialismus nichts anderes sei, als eine Organisation zur Entrechtung und — wenn möglich — Ausrottung der Juden. Dem steht nicht entgegen, daß in den Presseorgan n, die unsere deutick>e Politik von diesem Gesichtspunkte aus beurteilen, neben der Judenfeindlichkeit der Nationalsozialisten formularmäßig auch ihre Staatsfeindlichkeit herrorgehoben zu werden otlegt. Die Form, in der dies regelmäßig geschieht, läßt keinen Zweifel darüber, daß bei de» jüdischen Lesern vor allem die jüdischen Saiten der Seele zum Schwingen gebracht werden sollen. Zu noch klorerem Ausdnick kam dies in den vor der Wahl von dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdfchen Glaubens gemeinsam mit der Zioni st ische n.Oiganisatio n v er - anstalteten Versammlungen und in den aus den Kreisen beider Vereinigungen versandten Werbedrucksachen, mit denen die jüdischen Wähler Tag für Tag überschwemmt wurden. Hier wurde ganz unverblümt für gewisse Parteien und für bestimmte jüdische Kandidaten agitiert mit dem Hinweis: »der Jude" darf nur solche Parteien wählen, die sich scharf gegen jeden Antisemitismus wenden, „die Juden müssen unbedingt den jüdischen Kandidaten X. $). durchbringen, weil er am besten die „jüdischen Interessen" im Reichstag oertreten wird. Den prägnanteske» Ausdruck für diese Auffassung der politische» Pflichten eines deutschen Staatsbürgers hat ein Breslauer Zionistenführer gefunden, der in einer großen jüdischen Versammlung, nachdem alle Parteien vom Standpunkte der „jüdischen Interessen" durchgehechelt (waren, die Wendung brauchte, sein Vorredner habe einer bestimmten Partei „den Koscherzettel ausgestellt"»). Wenn man als Deutscher — Nichtjude ob$r Jude — solche Aeukernngen ließt, gewinnt man Verständnis für den Kompler von Stimmungen, Verstimmungen, Vorurteilen und Mißtrauen, den diese Leute „Antisemitisinus" zu nennen pflegen. Man begreift, daß selbst solche Nichtjuden, die nach Gefühlsrichtung, Herkommen und persönlichen Erfahrungen keineswegs „Antisemiten" sind, sich schließlich dem Eindruck nicht entziehen können, der von derartigen Nersammlungsreden. Zeitungs- und Zeitschriften-Artikeln, Flugblättern und dergleichen ausgeht, llnliebsame Einzelerlebnisse werden mit dem Widerivillcn, der durch öffentlich Kundgebungen erzeugt wird, in Zusammenhang gebracht, der in jedem Menschen schlummernde Hang zur Verallgemeinerung tut das übrige, und eines Tages ergibt sich mit Selbstverständlichkeit für!den bisher vorurteilsfreien nichtjüdischen Deutschen der Schsuß: „d i e Jude n" sind unfähig, die Welt im Ganzen und das Vaterland im Besonderen anders zu betrachten, als unter dem Gesichtswinkel ihrer jüdischen. Sonderinteressen, „die Juden" sind nicht bereit, von diesen ihren Sonderinteressen auch nur eine» Teil für die deutsche Gesamtheit zu opfern. Gibt aber dann einmal ein Nichtjude dieser seiner veränderten Ueberzeugung ehrlichen Ausdruck. so füllt sofort ein Schwarm jüdischer Artikelschreiber, Regierungs-ZionisteN. Vereinr-„Direktoren" und Koscherzettel- Verlejher über ihn her mit dem vorwurfsvollen Geschrei: „Jetzt haben die Antisemiten auch aus dem bisher ganz vernünftigen Z. einen Antisemiten gemacht." Keiner dieser gekränkten „Staatsbürger jüdischen Glaubens" kommt auf den Gedanken, daß sein eigenes Verhalten das Wesentliche dafstr getan hat. den bisher vorurteiisfreien Nichtjuden zum ..Antisemiten" zu machen. Es muß mit allem Nachdruck ausgesprochen, gerade von deutschfühlenden Juden ausgesprochen werden, daß diese jeder Selbstkritik baren Antisemitenbekchnpfer und Antisemitenriecher nicht die berufenen Vertreter des deutschen Judentums l sind, als die sie sich ausspielen. Was da in der Oeffentlichkeit als Sprecher der züdischen Gesamtheit agiert, stammt ent- •) Vgl. unsere September-Nummer S. 8. Die ■ Sdjriftl.