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Der nationaldeutsche Jude · 1929-05-01 · Nr. 5 (Mai 1929) · p. Seite 3

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1929
Issue
Nr. 5 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Zettgemäfser Kunftbetricb. t«, n..».,. In einem Berliner Theater hat sich jüngst ein ungewöhnlicher Vorgang abgespielt. Ein Schauspiel, versaht von r■>,,r keineswegs bühnenfremben Schriftstellerin, war in einer ndervorstellung beifällig ausgenommen worden. Aber nach - n Hallen des Vorhangs trat die Verfasserin selbst an die iiipe. um sich vor den Zuhörern zu beklagen. Man hatte d Szenen, nach Ansicht der Autorin die wichtigsten des „äes, ohne ihr Wissen und Wollen bei der Aufführung dach wcggelassen. Von dem schnurrigen Hin und Her der Verhandz micii. die sich nach dieser Protesterklärung zwischen i - rirHeiter, Schauspielern. Verfasserin und Publikum ent-! . nnen, soll hier nicht die Rede sein. Auch davon nicht, das Stück im ganzen literarisch wertvoll war und ob Verstümmelung in der Tat der Bühnenwirkung abträglich ■!i tonnte. Wesentlich erscheint uns heute nur dies: man! i it einem Menschen, der eine von ihm geschaffene Weise zum .L.'iini bringen wollte, zunächst das Instrument der Bühnen, »mit dargeboten, dann aber dieses Instrument eigenmächtig i unigestimmt, dah eine dem Tonseher selbst fremde, von i h m nicht gewollte Melodie erklang. Es bedarf heute schon grotesker Aeuherlichkeiten, um uns das Normwidrige des eigentlichen Vorgangs zum Bewusstsein zu bringen. Die Kunstunternehmer haben uns daran gewöhnt, ihr Schalten und Umschalten wie etwas Selbitveruandliches hinzunehmen. Dies gilt für alle Kunstgattungen^ die eines geschäftlichen Mittlers zwischen Schaffenden und »'.eniehenden bedürfen. Beschränkt sich die Aufgabe des '»Hitlers darauf, die fertig gelieferte Kunstware unverändert an das Publikum zu bringen, wie etwa im Bilderhandel oder bei Veranstaltung eines Solistenkonzerts, so kann sich die »Willkür des Zwischenhändlers nur so betätigen, dah der Markt tc'in einen Künstler verschlossen, dem anderen geöffnet wird.?ieies „Rur" genügt allerdings, um echte Künstler zum Selbstmord zu treiben oder in Verkümmerung niederzudrücken, während gefällige Pseudokunst Ruhm und Bankkonto oergröhert. — aber das ist ein Kapitel für sich. Bleiben wir I oute bei dem Unterfall, in dem ein Kunstunternehmer sich dncs Werkes annimmt, das nur durch ein von ihm selbst gestelltes Instrument, etwa ein Orchester, ein Theater, ein Filmatelier oder eisten Perlagsbetrieb, dem. Publikum verlautbart werden kann. Hier kann der Unternehmer das Werk durch die Form der Verlautbarung umgestalten und verändert an die Oeffentlichkeit bringen.^ Von dieser Möglichleit wird heute allgemein ein Gebrauch äeyiacht, der auf Vergewaltigung der Schaffendem hinausläuft. E>o wih, Urheberrecht und Verlagsgeseh geben dein Künstler die ormclle Berechtigung, wesentliche Veränderungen des einmal ingenommenen Werkes zu verbieten. Aber ganz abgesehen >on den Umgehungs- und Lahmlegringsmöglichkeiten. die c inein bedenkenfreien und kapitalkräftigen Unternehmer auch 'ogenüber Gesehen und Verträgen zu Gebote stehen, — wieviel Künstler sind steifnackig und wirtschaftlich stark genug, schlechtin ein Vertragsformular abzulehnen, das yein Unternehmer jede Macht in die Hand gibt? Wirtschaftlicher Druck, aber auch der begreifliche Wunsch, zunächst einmal dem Publikum ekannt zu werden, haben es dahin gebracht, dah die Mehrzahl der heute lebenden Künstler ihre Werke zu jeder Verrenkung hergibt. Man liefert bewuht nur Rohstoff und 't schliehlich froh, wenn der Unternehmer oder sein tüch, Hier Gehilfe „etwas daraus macht". I Diese Praris ist in der Musik nicht selten, beim Film geradezu selbstverständlich und beim Bühnenwfrk, von dem wir rusgegangen sind und von dem im Folgenden ausschliehich die Rede sein soll, heute schon fast die Regel. Zur Ausabung dieser Praris bedarf es oft nicht einmal so grober Eingriffe, dah der Autor auch nur Mit Erfolg protestieren könnte, wenn er es wagte. Nehmen wir gelegentlich nach einer erfolgreichen Aufführung jden Originaltert zur Hand, so glauben wir kaum, däs gleiche Werk zu lesen, das wir gesehen haben. Und wir staunen über die konjunkturklare Handfertigkeit des Umformers, der mit den einfachsten und sozusagen harmlosesten Mitteln, durch scheinbar geringfügige Weglassungen. Umbetonungen oder Ueberbetvnungsn einen Sinn „herausgeholt" hat. von dem der Schöpfer selbst sich nichts träumen lieh. Es heiht dann einfach, der Spielleiter habe seine eigene Auffassung zur Geltung gebracht. Dies zu tun. gilt heute als selbstverständliches Recht. Ein gewisser Typ des Regisseurs bewertet sein zeitbedachtes, tempobeflissenes, betriebssicheres Wirken mindestens im gleichen Mähe als Künstlertum, wie den Schöpfungsakt des nicht entfernt so „lebensnahen" Stoffproduzenten, der allenfalls am Schreibtisch ein Dichter sein mag. hinter den Kulissen aber, um im liebreichen Iargon des Bühnengeschäftes zu sprechen, ein „Nebbich" ist. Alles dies gilt für den immerhin noch lebenden Autor. Gegenüber dem verstorbenen, durch keine Schutzfrist mehr gesicherten ist die Lage noch wesentlich einfacher. Sein Werk ist Stoff, nichts weiter, mag er bei Lebzeiten Shakespeare. Schiller oder auch' nur Kohebue geheihen, mag er selbst in verschollenen Zeiten einmal als Klasiikxr gegolten haben. Nimmt man sich überhaupt die Mühe, gegenüber etwaigen Pietätsrückständen der Kritiker und Theaterbesucher das Gesicht zu wahren, so heiht es schlicht,, der Ehemalige sei in der Urform nicht mehr „zeitgemäh". So bläst man ihm denn den stürmischen Atem der Zeit ein, indem man Ge stallen ails längst vergangenen Iahrhunderten .in moderne Kostüme steckt. Gefühlvolles als Zirkuspossc zu Iazzbandklängen vorüberrasen läht, unbekümmert wegdichtct. umdichtet und hinzudichtet, möglichst mit Seitenblicken auf heutige Politik, Wirtschaft und sonstige Gegenwartssorgen. Das nennt man beileibe nicht Leichenschändung, sondern 'Rettung der Ewigkeitswerte. Ein starker.Bruchteil heutiger Bühnenkunst entfällt auf solche Rettungsaktionen, .an wehrlosen Toten verübt. Mit der Tantiemefreiheil allein sind diese Bravourleistungen nicht erklärt. Es steckt eine G ei st e s ri cht u ng dahinter, und dixse Richtung ist in der Tat zeitgemäh im übelsten Sinne des Wortes. Die Gepflogenheit selbst, etwa mit dem verstorbenen Shakespeare Schindluder zu spielen, ist schliehlich nicht neu. Wir kennen sie aus Biermimik. Künstlerutk und Brettl-Artistik. Der grundlegende Unterschied ist nur. dah diese harmlosen Scherzspiele niemals mit dein dreisten Anspruch, wirkliche» Kunst zu bieten, geübt wurden. Was junge Künstler. Studenten und selbst Variete-Komiker auch heute »och gelegentlich anregt, mit grohen Dichtern ihren Späh zu treiben, ist der rein spielerische Drang, die Ehr- ' furcht vor dem Genie zeitweise zu verscheuchen, ohne sie doch zu vergessen. Auf dem Spieldrang beruhen auch die Erperimcnte einer entfesselten Bühnenregie, die^, sich mit dem Mantel der zeitgemähen Kunst drapiert: aber die Anmahuirg. diese Artistik in vollem Ernste als Kunst zu bezeichnen, hat ihre Wurzel'in der gänzlich abweichenden Stellung zur Ehrfurcht. Die Ehrfurcht ist nicht mehr zeitgemäh im Sinne unserer höchst voraussetzungslosen. trabilionsfeindlichen Zeit, man hat sie nicht nur für eine übermütige Stunde beiseite geschoben, sondern irn psychoanalytischen Sinne „verdrängt". Das Minderwertigkeitsgefühl, das gerade in unserem fahrigen, zukunftsungcwisscn Zeitalter das Unterbewusstsein, so vieler Wurzelloser belastet, wird überkompensiert durch das l geflissentlich abschätzige, die Ehrfurcht vor dem Hergebrachten laut verneinende Gebühren .einer Generation, die nichts als gegenwärtig sein 'kann, weils sie sich der Vergangenheit entäuhert hat und der Zukurjst nichts weniger als sicher ist. So kühlt man sein Mütchen an den Werten der Vergangenheit in ganz anderem Sinne, als der Student, döt harmlose Biermimik übt. in einem viel bewuhteren, gehässigen, durch vorgetäuschte äuhere Sicherheit die innere Unsicherheit bemäntelnden Sinne. Man will zeigen, dah alles relativ ist, dah jeder Gedanke, jede Empfindung in ihr Gegenteil verkehrt. dah aus 2x2 im Handumdrehen 5 gemacht werden kann, dah alles als erlaubt und sogar als verdienstlich gelten I

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