Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 1/4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■ : - u\ . alter, das sonst jeden Schulvbegriff aufzulösen, jeden Missel.^t-r als Opfer unglücklicher Verhältnisse zu verstehen, jeden N -Hltritt als Ergebnis seelischer Bedrängnis zu deuten trachtet? gegenüber heiht Schuld, was sonst Verhängnis genannt . ird. Man versuche es einmal, auch diesen Mann aus seinen .cbensverhältnissen zu verstehen, ehrlich zu verstehen vom Insang bis zum Ende. Man begreife, dah einer, der durch eine .erhört harte und freudlose Jugend, durch ständigen Kampf' il körperlichem Gebrechen, durch kraftverzehrendes Ringen ni Selbstbehauptung hindurch muhte, ehe er sich plötzlich auf!,windelerregender Höhe sah. dah ein solcher Mann nicht ribcrs sein konnte, als er war und heute noch ist. Die -prunghaftigkeit seines Wesens, die Unberechenbarkeit seiner Entschlüsse, der Wechsel zwischen verblüffend klarem Sehen und verblüffend unklarem Tun. alles das sind Symptome einer inneren Unausgeglichenheit, die das zwangsläufige Ergebnis solchen Entwicklungsganges sein muhte. Man mag das System n-rurteilen. das einem einzelnen Menschen fast uneingeschränkte Macht in die Hand gab. man mag pie Ratgeber verachten, die aus .vurcht vor fürstlicher Ungnade im schlösse ja sagten und zu Hause pas Rein in ihre Tagebücher schrieben. Aber man darf nicht den Menschen selbst schmähen, der dem Doppeldruck innerer Unsicherheit und äuherer Verhimmelung nicht gewachsen war. der neben Klugen und Gutem auch Törichles und Schädliches tat, und der sich in allem diesem Menschlichen von uns anderen Menschen nur dadurch unterschied, dah seine Talen in weiterem Umkreise wirkten, als die unseren. Gerechtigkeit heiht Verständnis. Gerade in den Kreisen der deutschen Juden wird diese Erkenntnis heute zu jeder Stunde verkündet. 2n jedem Gerichtsbericht. in tausend und abertausend üiteratunoerfen, von Kanzeln, Kathedern, Versammlungstribünen und Redaktionstischen wird Verständnis, immer wieder Verständnis gepredigt. Warum wird gerade einem ehemaligen Kaiser versagt. was wir jedem ehemaligen Fürsorgezögling mit Selbstverständlichkeit rügest eben? Die Antwort ist einfach, fast zu einfach, um ohne Widerstand ausgenommen zu werden. Und doch ist diese Antwort die einzige, die wir bei ehrlicher Selbstprüfung gelten lassen dürfen. Wilhelm ll. gilt als „Antisemit" und nach meiner Ueberzeugung mit Recht. Er ist ein geborener Antisemit, und hat niemals aufgehört, es zu sein. Als junger Prinz stand er im Stöckerkreise, war Besucher der Waldersee-Versammlung. die Bismarcks Zorn erregte. Während seiner Kaiserherrschaft schien es zeitweise, als dürfte man an einen Gesinnungswechsel glauben. Er lud' Juden zur Tafel, zeigte sich huldvoll, nahm Bestellungen auf Kadiner Porzellan entgegen, lachte über jüdische Witze und nannte Alfred Ballin seinen Freund. Man atmete auf, und vor Jahrzehnten konnte in jüdischen Kreisen allen Ernstes der Kammerknechts-Gedanke auftauchen, durch eine Deputation um ein Kaiserwort gegen den Antisemitismus zu bitten. 2m Grunde aber hatte sich des Kaisers Stellung zur Judenfrage nicht geändert, trotz seines Verkehrs mit „prominenten" Juden. — das zeigt jedem, der daran noch zweifeln konnte, der kürzlich veröffentlichte Briefwechsel mit H. St. Chamberlain. Und seit seinem Sturz soll Wilhelm ll. entschieden „deutschvölkisch" denken, soll „die Juden" für alles Unglück verantwortlich machen, das ihn selbst und Deutschland Buch geschrieben, datz heiht „Der Kaiser" l^ationalcleutkcke ^uclen cler Vergangen beit. betroffen hat. Ist alles dies nicht, vom Standpunkt „jüdi-, scher Würde" betrachtet, mehr als genug, um den Mann zu hassen und zu schmähen? Diese Frage zu verneinen ist der Zweck dieser Betrachtung, ist das Grundsätzliche! das ich aus dem Einzelfall abzuleiten versuche. Wir Juden verlangen Gerechtigkeit für uns selbst, Verständnis für unsere eigene besondere Art. Was anderen an uns unerfreulich erscheinen mag. soll aus unserer Entwicklung verstanden! werden. Ist es nicht der Sinn jeder Gerechtigkeit, auch den anderen aus seiner Entwicklung zu verstehen? Walther Rathenau hat kurz nach dem Kriege ein kleines heute zu Unrecht fast vergessen ist: es Da schildert er den Eindruck, den ihm der Kaiser machte, alz er ihn zum ersten Male sah. und er saht das Ergebnis zusammen in die Worte: „ein rechter rt eines wahrhaft hellfehenden Beurteilers gibt mehr ^lufschluh, als manches dickleibige Buch mit psychoanalytischer Einleitung und pharisäischem Schluh. Es gibt auch Aufschluh über den Antisemitismus des Kaisers. Ein rechter Prinz, ein Produkt seiner Kaste, der Herrenkaste, die „den Juden" stets nur von weitem und von der Höhe aus sah, durch die Brille ererbter Vorurteile, in der Nähe allenfalls in ausgewählten Einzeleremplaren, deren erfreuliche Eigenschaften man als Sonder- . erscheinungen abtun. deren gemeinsame Eigentümlichkeiten man als Kennzeichen ewiger Fremdheit vermerken konnte. Davon, dah die Juden trotz gemeinsamer äuherer Eigentümlichkeiten innerlich so verschieden sind, wie das deutsche Volk im ganzen, wie fast jedes Volk der Erde, davon wuhte dieser geborene Prinz nichts, davon konnte er nichts wissen. Was andere ge- .boikene Antisemiten zum allmählichen Verständnis der Judenfrage bringen konnte, was etwa Bismarck aus einem judenfeindlichen Junker zu einem gerechten und vorurteilsfreien Beurteiler werden lieh, die Fühlung mit dem Volke selbst, — dem in der Abgeschlossenheit des Herrschertums Lebenden war es unzugänglich. Er mochte den einzelnen Juden schätzen und nutzen lernen, die Juden in ihrer Gesamtheit blieben ihm fremd, und Fremdheit schlägt in Feindschaft um. sobald ein Mensch im Unglück ist und den Ursprung des Unglücks auhen statt innen sucht. Das aber tun fast alle Menschen, auch wir Juden. Wir verlangen Verständnis und Gerechtigkeit für uns. und klagen bitter, wenn man sie uns verweigert. Mit vollem Recht. Aber diesem Rechte! entspricht die Pflicht, auch gegen andere verständnisvoll und gerecht zu sein, auch dem gegenüber, der uns selbst nicht gerecht wird. Und wir deutschfühlenden Juden sind deutsche Volksgenossen. . Daraus folgt, dah wir uns endlich entwöhnen müssen, Menschen und Dinge in erster Linie vom Judenstandpunkte aus zu sehen. Auch der Antisemit ist unser Volksgenosse, und wir schulden ihm das Verständnis. das jedem Verirrten gebührt. Ob er selbst noch zum Verständnis für uns zu bekehren ist, darf nicht entscheidend sein. Wir müssen Gerechtigkeit üben nicht um des anderen, sondern um unserer selbst willen. Und wir geben jeden Anspruch auf die Gerechtigkeit der anderen preis, wenn wir uns durch persönlichen Groll verleiten lassen, den Antisemiten schärfer zu beurteilen, als jeden anderen. Volksgenossen, sein Menschliches herabzuwürdigen und zu verhöhnen um seines persönlichen «u« der Kunstsammlung der Züd. 9<ni. »u Vtrlm Jacob Hbraham Medailleur und Siegelstecher der Kgl. Münze zu Berlin. (1755—1800.) Vergl. Artikel auf S. 7.