Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 1/4 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Erschließungsfähigkeit alles Verborgenen, alles Geheimnisses. * . Deutschland ist aus dem klaren Begriff der politischen, genau umschriebenen Großmacht, aus dem achtunggebietenden Staate mit klaren, zweifellosen Zielen jetzt in seiner Niederlage, seiner Erniedrigung. Verelendung und seinem Verfall etwas zwar fast Gestaltloses und doch in seiner Verschwommenheit Größeres, Gewaltigeres geworden, etwas, was sich mächtig nicht nur in Zeit und Raum, sondern in die Ewigkeit dehnt, das die engen, fesselnden Grenzen, in die man es schmiedete, zersprengt und ungeheuer» unvernichtbar, unaustilgbar wächst, einer undurchdringlichen Wolke gleicht, die breit sich lagert. Dank seiner Sprache! Chaos, Räum, Wogen der Kräfte, in dem noch kein Blick Weg und Ziel sieht, aber von dem jeder fühlt, daß es weltträchtig ist und wieder' Geschichte gebären wird. Es ist wirklich fast, als sei das neue Deutschland, das Deutschland von 1871, erst jetzt durch sein Unglück ganz zum Erben des großen, alten, vielfältigen Deutschlands geworden, jenes Deutschlands, das der Franzose Gerard de Nerval-noch nannte: „L’Allemagne, notre mere ä tous!“, Das ist das Deutschland, das die Heldcnsänge und die Minnesänger, die christlichen Mystiker und die Reformatoren, das gewaltige Kaiser wie kraftvolle Aufrührer, Stadtrepublikcn und Monarchien gebar, das Deutschland Luthers wie Meister Eckarts, Bachs, Glucks wie Schillers, Goethes, Karls des Großen wie der Reichsstadt Nürnberg, der Hansa wie der Demokraten von 1848 — das Deutschland der Sprache! Ist dieses Deutschland nicht das geistig fruchtbarste Land und Volk, aus dessen Schoß unendliches Menschheitsgut hcrvorgeht? und das es deshalb soviel schwerer hat als andere Völker, daneben auch noch eine äußerlich politisch zielbewüßt wirkende Macht zu sein? „L'AIIemagne, notre mere ä tous!“ Deutschland, unser aller, aller mitteleuropäischen Völker Mutter, wie China, wie Indien ein Land und Volk, das in deutlichem Gegensatz zu den klar gefaßten Staaten, zu England und Frankreich, vielfältig zeugend, gebärend, schöpferisch ist und in seiner großen klnbewußtheit jede Verfestung zu einer politisch klaren Form selbst abschüttelt oder sie sich vom Schicksal entreißen läßt, um wieder zu sein, was seine Idee und Bestimmung ist: dunkle, gebärende -Mutter vieler Dinge! Als wir den ersten wehen Schmerz über die willkürliche Zerreißung, Zerschneidung, Zerstückelung Deutschlands, in und mit dem wir aufwuchsen, des Reiches Deutschland ein wenig zu überwinden anfingcn, da mochten wir keine Landkarte mehr ansehen, auf welcher die jeder Gerechtigkeit hohnsprcchenden Veränderungen des Versailler Friedens verzeichnet waren, und konnten doch auch die alten Karten nicht vor Augen leiden. Da kam denn mancher von uns dazu, nur noch die Karte vor sich Hinzubreiten, in die keine politischen Grenzen, in die nur Meer und Land, Gebirge und Ebenen, Ströme und Seen, Städte und Straßen eingezeichnct sind, die^ Karte der ungeteilten, von Menschen bewohnten Erde, auf deren weiter Fläche diekleinen politischen Trennungslinien rasch wechselnd schwinden und vorüErgehen, in deren dauerndem Grunde aber die Stämme und Völker sich fest verwurzeln. Auf dieser "Karte liegt das von seiner Sprache geschaffene Deutschland, das .grenzenlose — hingelagert im Geiste, in der Seele der Menschheit/wirklicher fast im Bewußtsein der Völker als in seiner Sichttbarkssit auf der Erde; eine SehnsüchtMehij als eine Erfüllung und darum reicher und schöner; ein Traum mehr als eine Wachheit und darum farbiger, weiter, schwebender, zauberischer. Es ist die große unpolitische Gemeinsamkeit alles d e s s e!n, uas deutsch ist, deutsch spricht auf her Erde, sei es im Elsaß oder in Polen, i t der Tschechoslowakei oder im Freistaat Danzig, in Südtirol, in der Schw'eiz llder in den ehemals russischen Ranh st aalen. — Vielleicht scheint es Ihnen, meine verehrten Anwesenden, als sei ich mit diesen Ausführungen von meinem eigantlichen Thema, dem deutschen Nationalgefühl, abgewichen in Fragen, die gerade das Gefühl nicht betreffen; aber Sie werden verstehen, daß ich dieser Feststellungen bedurfte, um;ben Gegenstand, wenn auch vielleicht nur dämmernd, sichtbar zu machen, auf hen das Nationalgefühl sich richten muß, wenn es vorhanden ist. / ' Das Wort „Nationalgefühl" spricht sich so leicht und bedeutet doch ein Vielerlei, das wohl letzten Endes nicht in einen Begriff zu vereinen ist. Das Nationalgefühl ist sicherlich auch in verschiedenen geschichtlichen Zeitaltern etwas ganz Verschiedenes gewesen. Es hat, möchte ich sagen, zwei Pole, von denen in der Geschichte wechselnd mehr der eine oder der andere sichtbar und Wirksam wurde; mir scheint in der Vergangenheit mehr der negative, in Gegenwart und Zukunft, so hoffe ich, der positive! Diese beiden Pole sind, was Sie schon erraten haben werden: Haß und Liebe. Der Haß gegen das andere Volk, die Liebe zum eigenen. Vielleicht ist der Weg seiner Entwijckelung der, daß es allmählich zu einem starken und bindenden, einfach vaterländischen Einheitsgefühle werden wird, das die Temperamentsfarbe verliert und still menschheitlichen Charäkter annimmt. Aber das ist ein Zukunftstraum, dem wir heute nicht nachhängen wollen. Die Angehörigen meiner Generation haben in ihrer; Jugend das Nationalgefühl erlebt als einen selbstverständlichen und freudigen Stolz auf das starke politische Deutschland, auf das siegreiche Kaiserreich, in dem gleichermaßen die großen Heerführer und Staatsmänner wie die großen Forscher, Dichter und Künstler gewissermaßen als Schmuck, Bereicherungen, Vcrschönerüngen die politische Macht umstanden, die der Mittelpunkt war. In diesem unserem jungen Nationalgefühl der achtziger Jahre bis zum Tode des alten! Kaisers war neben dem großen Stolz Liebe, aber vielleicht mehr eine selbstverständliche nie bezweifelte, gls eine im innersten Herzen fortwährend wirklich empfundene; und, was mir besonders wichtig scheint in jenem unserem Nationalgefühl, die wir nach 70 geboren sind, war gar nichts von Haß, war, wie es bes den Angehörigen eines siegreichen Volkes nur natürlich ist, kein Haß, weil er gegenstandslos gewesen wärje, und weil die deutsche «Zeele nicht nachtragend ist! Als dann die damals große und fast endgültig scheinende Entscheidung des siebziger Krieges mehr und mehr bedeutungslos wurde und überall neue Gegensätze, neue Kräftelagerungen drohend heraufwuchsen, r tischte sich, ivenn ich so sagen darf, latenter Haß in das Nationalgefühl, der mit dem Kriegsbeginn lohend ausbrach, und der in der Niederlage, als er durch uns, re Vergewaltigung zum äußeren Schweigen kam, siche: noch verzehrender in uns brannte, uns bis ins Innerste bluten und leiden ließ. J