Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 11/12 (November/Dezember 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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stehen. Und von Zeit zu Zeit gelingt es. Wir bemerken, daß -der eine wild gestikulierende Börsenjobber, der nervös auf der .Bühne uitthertöbt und der übrigens als einziger in der ft^emdesn Sprache ausgesprochen „mauschelt", wie es sich für einem „echten" Bühnen-Judcn gehört, - mehrmals -seinen jewteiligon Gegner, den anderen Jobber oder den Barphilosophen, ass „nreschugga" bezeichnet. Tann geht ein Rannen glücheligchr Verständnisses durch das Publikum.; Und mitten in der Aufführung stehen noch zwei SzeNen, die eine Ahnung davon aufdämmern lassen,, wo wir uns befindest. Ter eine Börsenjobber liebelt mit der Dirne, die von ih n verrührt und auf die schiefe Ebene gedrängt rvorden ist. | Unter ' dem Eindruck der vernieintlichen Lebensgefahr finden siejNiieder zu einander. An sich ein Vorgang von höchster, auch! durch den satirischen Einschlag kaum gemilderter Kijschigkeit, allerdings, von den Schauspielern durch geschinackoolle Zurückhaltung fast ' erträglich gemacht. Aber — mit Musikeinlage! Als das ' Mädchen auf dem Gipfel seiner Sentimentalität angclangt ist, ergreift eS nach bewährtem Volksstückbrauch („Jetzt, wann i ia Guitarren hält'!") eine Laute, um ihre Gefühle musikalisch zu verdolmetschen. Und plötzlich meinen wir, einen Synqgogeni geiang zu hören. Das unverständliche Lied, wahrscheinlich eist tupiiiticr Schmachtfetzen, klingt an Melodien an. die wir aus dem! Gottesliauie zu kennen glauben. Ein übler Geschmack steigt auf. i Religiöse Klänge aus dem Munde einer Time — keine gute SpekU-! lation der Bühnenleitung. Und das Gleiche wiederholt Isich in! noch, üblerer s^orm am Schlüsse des zweiten Aktes, j Diese [ Szene gibt die hemmungslose Verbrüderung der vermeintlich | Totgewcihle», gefördert von vielem Alkohol, dgn der Wirt zur j Veisügi'.ug gestellt hat, weil ja nun doch alles gleich ist. Man -umfaßt sich und säuft. Als der Alkohol sich genügend ausgcivirki har, steigt der Gesang. Im Originaltert,- den ich nicht kenne. gröhlcn die betrunkenen und gcängstigten Mqnschen wahrscheinlich irgend ein gefühlvolles Gaffenlied. In der! Wirklichkeit würden sie's in gleicher Lage bestimmt tun. Hicjr abex klingen wieder die Stimnicn in getragenen und melancholischen rauen zusammen, in jenen Tönen, die seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden den heimatlosen Juden Ausdruck, ihre?! tie'üen Sehnsüchte waren. Und jetzt begreift auch d(r bis! dahin ahnungslose Hörer, daß die Fremdsprache dieser Dängcr! hebräisch iü. Das trunkene Gaffenlied wandelt sich zur! Svnagogen-Mclodic und der Jude, dem sein Gottesharch eine! Siäue der Weihe bedeutet, ja selbst der unreligiöse Zuhörer, i soiern er nur ehrfürchtig ist, windet sich vor Widerwillen op Iber Aiederziehung jererKlänge, die tausenden von Menschen 'eines Staiumes heilig sind. -! - — So ist ein Abend des hebräischen T h e oi t e r ß! ..Habima", das wochenlang in Berlin gespielt hat und vost der Prcsie aller Richtungen mit größter Aufmerksamkeit bo- - achtel iv'orden i't. Das Stück heißt „S i n t f l u t" und stammt i von dem Schweden H c n.n i g Berger. Es soll. w»e mir! gesagt wird, schon früher in der Ursprache und in anderen! llebersexungen, auch in deutscher Sprache, mit mäßigem Erfolge »ithrsach aufgeführt worden sein. Das Stück als solches hier zu beurteilen, ist nicht Zweck der heutigen Betrachtung., TaS «Gleiche gilt von dcu schauspielerischen und Regieleistungen. Daß es Juden gibt, die ausgezeichnet Theaterspielest und i hervorragend Regie führen können, ist schließlich nichts Neues. Die! Fragestellung, die den Anlaß zur Besprechung gerade in unserem! Blatt bietet, muß lauten: Warum hebräisches Theater? Das Hebräisch» das die Schauspieler sprechen, ist nicht das gleiche, das mir aus dem Gottesdienst kennen. Auch In der Heimat der Künstler, in Moskau, hört man diese Sprache! nichf,' wenigstens nicht außerhalb der rein zionistischen Kreise, dst gerade in Sowjet-Rußland, entgegen einer besonders unterNichst juden viel vcibrciicten Ansicht, höchst unbeliebt sind uich vost den Machtbabcrn der herrschenden Kommunistischen Partei mit ' den schärfsten Mitteln verfolgt werden. ' Tgs Hebräischi das! wir auf dieser Bühne hören, ist )>as Kunst-Idiom,' das sich die! Zionisten auf der Grundlage des sogenaunten „sephardijchen'!' ' Hebräisch, einer nur unter de» „Spaniolen" üblichen Sstrach» fort» geschaffen haben, und zwar geschaffen in buchstäblich gleichem Sinne, wie etwa der verstorbene Dr. Zamenhöf dar , Esperanto auf romanischer Sprachgrundloge geschaffen hat, unter! Benutzung der vorhandenen, natürlich recht geringen Sb'rachf! elemente, aus denen grammatisch folgerichtig, aber ] ausgesprochen künstlich ein für die heutige Zeit brauchbares! Erzeugnis gestaltet tmtrbe- Dieses sogenannte Hebräisch hcst! von dem wirklichen alten Hebräisch, das wir aus derfBibekl kennen und das schon ein paar hundert Jahre vor Christi . - . . . o i ^Geburt in Palästina selbst kaum mehr verstanden wurde, einen selbstverständlich sehr geringen Wortschatz und dazu die Formen der Wortabwandlung übernommen; alles andere ist modernste Schöpfung. Das Ergebnis stellt sich als ein von zahlreichen Frenidwörtern durchsetztes Idiom dar. das für den Zionisten zur Verständigung mit den aus anderen Ländern stammenden Gesinnungsgenoffen sehr zweckdienlich sein mag, aber mit der Bibelsprache nur noch recht wenig zu tun hat. Wenn eine Truppe in Rußland lebender Künstler eS für zweckmäßig hält, in dieser Kunstsprache moderne Stücke zu inszenieren, handelt es sich um eine künstlerische Spielerei, an der wir zunächst so viel oder so wenig Jntereffe haben, wie an anderen Spielereien ähnlichen Schlages. Der eine oder andere von uns hat gewiß auch schon einmal ein Esperanto- Theater besucht und sich etwa bei der Aufführung der Iphigenie darüber gefreut, daß seine Goethe-Kenntnisse ihm gestatteten, der Handlung trotz der unverständlichen Sprache zu folgen. In genau der gleichen Lage befindet sich der Deutsche, der nicht auf die Fahne desjZionismus geschworen und sich also auch nicht pflichtgemäß mit dem sogenannten Hebräisch der Zionisten beschäftigt hat, gegenüber der „H a b i m a". Für uns ist eine Aufführung dieser Art eine Kuriosität, der wir gewiß eine müßige Stunde wjdmen können, der wir aber eine gleich gute und dabei verstündliche Aufführung in unserer deutschen Muttersprache weitaus vorzirhen würden. Ich will einem Einwand moriveg begegnen. Das moderne Stück des Schweden B e r g i r war das einzige dieser Art, das in Berlin von der „H a b i m a" aufgesührt wurde. Im übrigen wurden Stücke gegeben, die dem spezifisch jüdischen Milieu näherstandcn, z. B. der auch schon in jiddischer und in deutscher Sprache bei uns aufgeführte „D y b u k" von A u s ki und „I a a ko b s Tr aum" von B eer-H o fm a n n. Ich habe beide Aufführungen nicht gesehen. Man sagt mir., daß sie beide in ihrer Art vorzüglich gewesen seien und daß insbesondere der „Dybu k" geradezu eine Meisterleistung der Theaterkunst dargestellt habe. Alles dies mag sein, aber es widerlegt meine Auffassung nicht, es bestätigt sie. „I a a k o b s Traum" ist die Schöpfung eines Dichters, der sich selbst als Zionisten betrachten mag. dtrj aber sicherlich nicht wäre, was er ist. wenn sein Schaffen nicht aus deutscher Kultur erwachsen wäre. Er ist ein Meister der deutschen Sprache und diese Sprache ist dem Wesen dessen, was er schreibt, so gemäß, daß uns z. B. in „I a a k o b s T r a u m" die Zartheiten der Szene, in der I a a k o b in heißem Ringen mit sich selbst zu Israel wirs, in einer anderen alS unserer deutschen Muttersprache ganz unvorstellbar sind. ''Wenn die Kunst-Hebräer diesen Auftritt gut übersetzt haben, mag ihnen die Achtung bezeugt werden, die jedem guten Nachempfinder gebührt. Aber daß die Sprachgewalt dieses deutsch gefühlttn. deutsch gedachten und deutsch gesonnten Auftritts im Kunst - Hebräisch wirklich restlos wiedergegeben sein kann, glaube ich so wenig, wie ich glaube, daß eine wirklich restlos befriedigende Uebersctzung möglich ist. . Noch anders, ich möchte in juristischer Redeform sagen: noch gravierender liegen dje Dinge bstm „Dybu k". Der „Dybu k" spielt im modernen Ghetto-Milieu der Ostjuden. Die Sprache, in der er geschaffen tvurde, ist das Jiddisch, das in diesem Milieu wirklich gesprochen wird. Schon die Uebertragung ins Deutsche, aus dem ja schließlich das „Jiddisch" entstanden ist, war. wie es eben jede Uebersetzung mehr oder weniger sein muß, eine Umformung, die nur einen Bruchteil des Ursprünglichen retten konnte und einen ungelösten Rest laffen mußte. Genau so und noch „gradierender" liegt es aber bei der Uebertragung in das moderne Hebräisch. Die Zionisten, die dieses Hebräisch 'geschaffen haben und pflegen, bemühen sich ehrlich, die Juden und gerade die in Ghetto-Verhältniffen lebenden Juden des Ostens, aris dem Ghetto-Milieu zu lösen, sie auf die Höhen gesunden, von menschlichen Schwächen nach Möglichkeit befreiten Selbstgefühls emporzutragen. Gibt eS etwas Widersinnigeres, als ein Stück, daß im Ghetto-Milieu badenständig und in der Ghetto-Sprache gedichtet ist. in diese zur Ucberwindung des Ghettos geschaffene Sprache zu übertragen? In den, Programmheft, das jeder Besucher der ,H a b i m a" erhielt. wird die Geschichte dieses Bühnenunternehmens geschildert. In der Schilderung steht der Satz: „In der Hauptstadt des roten Rußland wird ein heftiger Kampf gegen daS hebräische Theater geführt, dessen Aufführungen denbreiten jüdische nMassenun ver stündlich sind". W i r wollen keinen „heftigen Kampf" gegen dieses Theater führen, aber wir wollen uns in aller Ruhe und Sachlichkeit darüber Rechenschaft geben, ob es nicht eine Gefahr für unS darfiellt. Wenn wir